20.09.2017   von rowohlt

Wuthessen gegen Guthessen: Das gibt Tote!

Ein so komischer wie ziemlich ernstgemeinter Roman von Hessens Krimistar Dietrich Faber

© iStockphoto.com
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Ex-Kommissar Henning Bröhmann ist mit Bekannten im Vogelsberg wandern, da erzählt ihm sein Vermieter Rüdi von seinem Engagement in der neuen Protestpartei «HESSEN ZUERST!». Seit Rüdi arbeitslos wurde, hat er sich große Ziele gesetzt: unter anderem ein Landtagsmandat. Dafür scheint ihm so gut wie jedes Mittel recht zu sein. Henning wird schnell klar, dass die Wuthessen irgendwas vorhaben mit dem Flüchtlingsheim im Ort. Und tatsächlich fließt bald Blut. Die Gemengelage ist diffus: kleinkriminelle Asylbewerber hier, eine unappetitliche Bürgerwehr dort. Und mittendrin eine unermüdliche Guthessin, die die weltweite Flüchtlingskrise alleine meistern will, und Hennings Mutter, bei der der Blitz der späten Liebe eingeschlagen hat.


literaturmarkt.info: «Krimispaß, der einfach unschlagbar gut ist – Dietrich Fabers Romane sind der helle Wahnsinn und definitiv mit das Beste vom Besten …»
F.A.Z.: «Eine tolle Mischung aus Komik und Ernst.»


Facettenreiche Texte mit Witz und Tempo, egal ob im Krimi oder auf der Kabarettbühne, das ist bei Dietrich Faber Programm: «Ich will die Vielschichtigkeit des Lebens zeigen, eine Mischung emotionaler Zustände – von witzig bis schwermütig. Es ist eine Familiengeschichte, weil es um Familie geht. Es ist unterhaltsam, weil es humorvoll ist. Und es ist ein Krimi, weil es einen Toten gibt.»

«Hessenwerte. Find ich super …»


Nach zermürbenden Jahren in der Polizeidirektion Alsfeld hat Henning Bröhmann endlich den Mut aufgebracht, seinen Job als Kriminalhauptkommissar zu kündigen. Auch wenn diese Entscheidung den Finanzen der Bröhmanns einen herben Schlag versetzt – es musste sein. Das alte Ermittlerfeuer war erloschen, der Alltag die pure Routine. «Ich lebe mitten in Deutschland, mitten in Hessen, in einem mittelmäßigen Mittelgebirge namens Vogelsberg. Da passe ich hin, und da will ich auch nie wieder weg. Ich will einfach nur meine Ruhe. Nicht mehr, nicht weniger.» 


Zudem legte die neue Familienkonstellation den Wechsel vom Polizeimann zum Hausmann nahe. Jemand muss sich um die Nachzügler-Zwillinge Nick und Frida kümmern, damit Franziska, Hennings Frau, weiter als Musiklehrerin arbeiten kann. Auch dem recht introvertierten zwölfjährigen Sohn Laurin tut mehr väterliche Führung im Alltag gut; außerdem muss Hund Berlusconi (notdurfttechnisch) mehrmals an die frische Luft, und ohne tägliches Futter werden die Meerschweinchen Putin und Erdogan jämmerlich krepieren. Und reicht es nicht, wenn pro hessischer Familie eine Person auf Verbrecherjagd geht? Das erledigt fürdie Bröhmanns nun Tochter Melina, die es – sehr zur Verblüffung ihrer Eltern – als Jungpolizistin nach Frankfurt verschlagen hat. 


Mit der ersehnten Ruhe ist es für Henning vorbei. Seit sein Vermieter Rüdi nach dem Verlust seiner Redakteursstelle bei einer Frankfurter arbeitslos ist, hat er sich auf ungute Weise verändert. Er strebt auf Teufel komm raus ein Landtagsmandat der rechten Protestpartei «Hessen zuerst!» an Seit Rüdi einen auf Politik macht, hat sich sein Politfloskelarsenal und das seiner stiernackigen Bürgerwehr-Typen vervielfacht: «Man muss einfach endlich die Wahrheit sagen dürfen. Die Leute lassen sich nicht länger verarschen … Mutti Merkel ist drauf und dran, Deutschland zu zerstören … Wird Zeit, dass wir Patrioten dene mal uff unmissverständliche Weise zeigen, welche Werte mir hier habbe … Das ist unser Land. Wir bestimmen, was hier passiert und was nicht.» Hat man irgendwo schon mal gehört. 

«Wird auch Zeit, dass was passiert»


Bald ist am beschaulichen Vogelsberg nichts mehr, wie es war. «Den Großerhard habbe se totegeschlage!», Erhard Groß, CDU-Urgestein und Bürgermeister in Bretzenhain seit fast zwanzig Jahren. Wer «se» ist – diese Frage stellt sich für Rüdi und seine Wuthessen nicht. Weil zwei junge Afghanen aus der Flüchtlingsunterkunft verschwunden sind, muss es sich logischerweise um die Mörder vom «Großerhard» handeln.


Kaum hat Henning begonnen, sich – trotz Obergutmensch Jutta «Hessi» Hesswig – bei der lokalen Flüchtlingshilfe zu engagieren, eskalieren die Ereignisse. Ein 18-jähriger syrischer Flüchtling wird zusammengeschlagen: Täter unbekannt. Jana Wilhelm, die Leiterin der Flüchtlingsunterkunft, muss sich unbequeme Fragen gefallen lassen. Halim, einer der flüchtigen Afghanen, stirbt auf der Landstraße, überrollt von einem Auto: Täter unbekannt. Melina: «Da flieht man um die halbe Welt und wird am Ende in Bad Orb überfahren. Bitter.»


Besonders bitter, dass Hennings nerviger Ex-Kollege Teichner eine falsche Entscheidung trifft. Eine fatal falsche Entscheidung …


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