23.09.2016   von rowohlt

Wolfgang Prosinger ist tot

«Prosingers Buch ‹In Rente› leistet Lebenshilfe, ohne einen einzigen Ratschlag zu geben und ohne auch nur einmal den pastoralen Zeigefinger zu heben» (Süddeutsche Zeitung)

© Thorsten Wulff
© Thorsten Wulff

Mit seinem im Frühjahr 2014 bei Rowohlt erschienenen Buch «In Rente» hat Wolfgang Prosinger einfühlsam, dicht und humorvoll einen der wichtigsten Einschnitte in unserem Leben behandelt, ein Thema, das uns alle – direkt oder als Angehörige – angeht. Weil sich viele vor dem Tag fürchten, an dem es heißt: Ab heute außer Dienst. Prosinger selbst konnte, anders als sein Protagonist Hecker, über seinen 65. Geburtstag hinaus beim Tagesspiegel weiter als Redakteur journalistisch tätig sein. Eine Ausnahme, ein spätes Glück, für das er dankbar war. Am 22.9.2016 ist der Berliner Journalist nach schwerer Krankheit gestorben.


«Viele junge Journalisten, die später preisgekrönte Reporter wurden, haben ihm das Aufblühen ihres Talents zu verdanken», schreibt Lorenz Maroldt in «Tagesspiegel Checkpoint», dem Newsletter der Berliner Tageszeitung. «Wolfgang Prosinger, lange Jahre Chef der Seite 3 des Tagesspiegels, wusste genau, was eine gute Geschichte zu einer großartigen macht. Er konnte sich freuen, wenn andere für Texte gefeiert wurden, die durch seine Hände gegangen waren. Und er war auch selbst ein großer Reporter, Korrespondent, Kommentator, Buchautor – vor allem aber war er uns allen ein herzensguter Kollege, manchen ein herzlicher Freund. Gestern Vormittag kam die Nachricht, dass Wolfgang in der Nacht zuvor an seiner schwerden Krankheit gestorben ist.» 

Wolfgang Prosinger: In Rente


«Rekrut Hecker, noch 189 Tage …» Termin bei der Deutschen Rentenversicherung. Der Tag steht kurz bevor, an dem das, was sein Leben jahrzehntelang bestimmte, abreißen wird: plötzlich, unvermittelt. Heckers Behördenallergie macht es nicht einfacher, er fühlt sich verzagt und ausgeliefert. Die Korridore in «geriatrischen Farben», die Gesichter seiner Leidensgefährten müde, verschlossen, zumindest bildet er sich das ein. «Ich bin nicht so wie die, knurrte er, ich bin nicht müde, erschöpft, missmutig, ich werde 65, aber ich bin nicht alt, nicht so alt wie alle die.»


Den ersten Altershorror hat er bereits hinter sich. Es war bei der letzten Bergwanderung in den Dolomiten. Er, mit einer robusten Gesundheit gesegnet, ein erfahrener Langstreckenwanderer, hatte plötzlich schlapp gemacht. Die Beine wollten nicht mehr, Krämpfe, Schwächeanfall. «Unsere Senioren übernehmen sich gerne mal», sagte die Dame an der Hotelrezeption mitfühlend.  «Das Wort stand im Raum wie ein Gespenst. Senioren. Hecker hatte es immer verabscheut». Genauso wie «Unruhestand», ein Euphemismus, saublöd und peinlich. Seniorenrabatt, Seniorenticket, Seniorenteller – am liebsten will Hecker mit alldem in Ruhe gelassen werden. 


Wie es sich wohl anfühlt, noch einmal die alte schwarze Lederjacke fürs Bob-Dylan-Konzert anzuziehen? Gar nicht mal schlecht, und doch: The times they are a-changin'. Kein Jungbrunnen weit und breit. «Was für eine seltsame Altersphase, sinnierte er, was für eine schwierige Gleichzeitigkeit: auf Popkonzerte gehen und auf den Rentenbescheid warten …»


Franziska, Heckers Frau, sorgt für einen geschmeidigen Übergang in «die Zeit danach». Einladung ins Edelrestaurant «Margaux», wo Hecker nach dem vierten von sieben Gängen schon kapitulieren muss zu seiner und Franziskas Enttäuschung. Am nächsten Tag: Aufbruch nach Sardinien, satte vier Wochen Urlaub. Die Rente lässt sich gut an, das immerhin. Das Trauerspiel beginnt mit der Rückkehr nach Berlin. Kaum ist er seine Arbeit los, vermisst er sie auch schon. Einkaufen, kochen, putzen, tagaus tagein, ist das der Ruhestand? Keine Lust auf die demonstrative Munterkeit der pensionierten Ex-Kollegen, auf das enervierende Weißt-du-noch und Kennst-du-noch. Mein Haus, meine Prostata, meine Seychellen-Reise. «Es war keine Gegenwart in diesen Gesprächen, es war nur ein Früher, ein Damals, ein Einstmals. Hecker erschrak, weil er den Grund dafür erkannte. Die Gespräche waren Ausdruck einer Wirklichkeit. Hier in dieser Wohnung waren Menschen ohne Leben in der Gegenwart.»


Der Renteneintritt verändert das komplette Koordinatensystem seines Lebens, wirft ihn aus der mühsam erarbeiteten inneren Balance. Was ihn immer getragen, ihm Halt und Richtung gegeben hat, es ist außer Kraft gesetzt: das Leistungsprinzip. «Plötzlich. Auf einen Schlag. Mit dem Fallbeil. Was er gelernt hatte, 60 Jahre lang, galt nicht mehr. Ansehen, Fortkommen, Wohlergehen hingen von nun an nicht mehr von Leistung ab. Selbst das Geld, das jeden Monat auf sein Konto überwiesen wurde, war nicht mehr an eine Leistung gekoppelt.» Wie sicher war er gewesen, dass er, der ausgewiesene Europaexperte und Italien-Spezialist, auch «danach» noch Aufträge aus seiner Redaktion bekommen würde. Nichts da, bedaure: Einsparungen, Umstrukturierungen, vielleicht später, frag einfach noch mal nach. Hecker begreift: Er wird nicht mehr gebraucht. Er ist draußen. Leben in der Vergangenheitsform. Das Ende, es hat längst begonnen.


Mit Hecker geht es immer mehr bergab. Irgendwann steht er nicht mehr mit auf, wenn Franziska sich für ihre Arbeit fertig macht. Schläft lange in den Tag hinein, rasiert sich nicht mehr regelmäßig, öffnet oft schon vormittags eine Flasche Weißwein. Diese dröhnende Stille. Kaum mal ein Anruf. Hecker Hausmann, Hecker Putzmann, das soll jetzt sein Leben sein? Bis etwas geschieht, was ihn aus seiner selbstmitleidgetränkten Lethargie reißt. Und ihn zwingt, sich Zeit zu nehmen und nachzudenken. Über sich, seine Ehe, sein neues Leben als Alter. Und auf einmal spürt er, dass etwas in ihm in Bewegung gerät … 

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