19.09.2019   von rowohlt

Endstation Sehnsucht

Wolfgang Joops autobiografischer Roman «Die einzig mögliche Zeit» blickt auf seine Kinder- und Jugendzeit zurück — und auf seine deutsche Familiengeschichte in Ost und West

© Inge Prader
© Inge Prader

Heimat ist ein Gefühl, ein Garten, ein besonderer Mensch – in seiner neuen Autobiographie «Die einzig mögliche Zeit» wirft Modedesigner Wolfgang Joop einen Blick zurück. Auf sein Leben, auf die Menschen und Orte, die ihn prägten. Was Heimat für den 74-Jährigen bedeutet.

In einem vanillegelben Gutshaus in der Ribbeckstraße 39 im idyllischen Potsdamer Stadtteil Bornstedt lebt die Erinnerung. Es ist der Ort, an dem der deutsche Modedesigner Wolfgang Joop seine ersten zehn Lebensjahre verbrachte, bevor er mit seinen Eltern nach Braunschweig übersiedelte. Bornstedt und die Menschen, die dort einst lebten, waren für Joop immer ein Zuhause. Denkt der 74-Jährige an seine Heimat, sieht er einen Pferdewagen vor dem grünen Hoftor des Gutshauses, hört das Bellen der Hunde, erinnert sich an den Geschmack von Schmalzstullen, riecht den Baldriantropfengeruch im Schlafzimmer der Großmutter und fühlt die Dielen seines Elternhauses unter den nackten Füßen.


Heimat ist eine Sehnsucht, die den 74-Jährigen zeit seines Lebens begleitete. Auch darüber erzählt Joop in seiner neuen Autobiographie «Die einzig mögliche Zeit», deren 496 Seiten er mit der Hand schrieb. Nach Stationen in Hamburg, Berlin, Monaco und New York, an denen Joop ein neues Zuhause gefunden zu haben glaubte, musste er feststellen: «In Wahrheit (…) wurde mir an jedem dieser Orte nach kurzer oder längerer Zeit klar, dass ich alles Mögliche fand, nur nichts, was nach Heimat roch oder schmeckte.» Nach einem Leben im Aufbruch kehrte Joop 2018 zurück zu seinen Wurzeln, an den Ort seiner Kindheit. Was Heimat für Joop bedeutet – eine Erinnerung in Worten.

Eine Tante namens Heimat


«Mit Tante Ulla starb ein Stück Heimat in mir», sagt Wolfgang Joop. Die Schwester seiner Mutter Charlotte, die in Joops Elternhaus in Bornstedt wohnte, starb 2002 nach langer Krankheit. Sie war einer der wichtigsten Menschen in seinem Leben. Joop: «Heimat war der Ort, wo ich erwartete, erwartet zu werden. So wie es Ulla mit selbstgebackenem Käsekuchen tat. Ich rechnete fest damit, dass immer jemand für mich an diesem Ort existierte, um sich auf mich zu freuen.» Ulla und ihr Garten waren ihm stets ein Zuhause. Ein alter Fliederbusch bildete den Mittelpunkt der zwei Morgen großen Grünfläche, der sich im Laufe der Zeit «wie eine bunte Insel im Meer der grünen Nutzpflanzen» ausbreitete. Ein Erdbeerbeet, zwei Reihen Tomatenpflanzen, Apfel-, Kirsch- und Pflaumenbäume, Rhododendren und Rosenbüsche, die üppig in Pink-Rosé blühten, gehörten außerdem zu «Ullas Garten». «Wenn Tante Ulla ‹mein Garten› sagte, lag die Betonung auf ‹mein›, und die ließ keinen Widerspruch zu. Es ist ihr Garten geblieben. In all den Jahren ließ er sich von niemandem wirklich verändern», sagt Joop.

Märchenwelt Sanssouci


Gleich hinter dem Garten von Wolfgang Joops Tante Ulla lag der Park des Potsdamer Schlosses Sanssouci. Ein Ort, an dem er als Junge vor allem an Sommerabenden viel Zeit verbrachte. Dann, wenn der Jasmin blühte und die Lindenblüten auf der Straße vor dem Tor aus ihren winzigen gelben, sternförmigen Blüten jenen Duft verströmten, der für Joop noch immer ein Inbegriff von Sommer ist. «Wenn ich die Augen schließe, rufe ich ihn mir wach. Und manchmal denke ich, dass er wiederkommt, wo immer ich bin», sagt Joop. Die märchenhafte Aura Sanssoucis regte seine kindliche Phantasie an. Auf den Stufen der breiten Sandsteintreppe stehend, die hoch zum Schloss führte, glaubte der junge Joop, hinter den hohen französischen Fenstern Schatten vorbeihuschen zu sehen: «Hatten sich die Vorhänge nicht eben bewegt?, fragte ich mich. ‹Es ist nur eine Frage der Zeit›, flüsterte es an vielen Abenden im Park Sanssouci in meinem Ohr, ‹alles geht schnell vorüber. Auch das, was lange dauert.›»

Bornstedter Bäume


«Ich wusste, wo ich war, und jeder und alles kannte mich vom ersten Tag an», beschreibt Wolfgang Joop sein Gefühl von Heimat, in dem auch Bäume eine Rolle spielen. «Stumm waren die schweigenden Bäume nicht, die vor dem grünen Hoftor standen. Ich fühlte, dass sie mich wiedererkannten, wenn ich sie als Erste begrüßte, kehrte ich nach Hause zurück», so Joop. Als kleiner Junge kletterte er oft auf einen Weidenbaum am Ende des Gartens seiner Tante: «In einer Astgabelung war mein Platz. Von dort hatte ich einen guten Überblick.» Auf dem Hof seines Elternhauses in der Ribbeckstraße 39 stand ein großer Walnussbaum. «Fielen im Herbst die Nüsse herunter, steckten sie meist noch in einer dicken grünen Schale, die man entfernen musste. Die braune Nussschale fühlte sich ganz feucht an. Knackte man sie, war der Nusskern noch von einer zarten Haut umhüllt. Die musste man abziehen, weil sie ganz bitter schmeckte», erinnert sich Joop.

Heimat aus Stoff


Die Kreativität seiner Oma Joop und der Schrankinhalt seines Großvaters Paul prägten Wolfgang Joops modisches Selbst früh. Ein großes blaues Seidentuch mit rot-weißen Kordeln, das wie eine Tischdecke mit weißem Stoff gedoppelt und beidseitig mit großen bunten Flaggen bestickt war, weckte sein kindliches Interesse. «Das Tuch durfte ich vom runden Tisch wegnehmen und mir über die Schultern werfen wie ein Kaiser aus China. Oma Joop gab mir einen bemalten Fächer aus einem Vitrinenschrank», erzählt Joop.
Im Kleiderschrank seines Großvaters fand der damals 17-jährige Joop nicht weniger als seine modische Identität. «Als ich Opas Sachen anprobierte, sah ich im Spiegel des alten Kleiderschranks im Schlafzimmer meiner Großeltern, wie in Sekunden aus mir ein anderer Typ, ein Individualist, wurde. So ein ‹Lausbub› wie in alten Heimatfilmen – oder auch ein ‹local hero› wie Opa Paul in jungen Jahren», sagt Joop. Eine alte Uniformjacke, ein schwarzer Gehrock, viel zu weite steinpilzfarbene Manchester-Hosen, naturweiße Schafwollsocken und Clogs waren fortan fester Bestandteil seines Outfits, das er auch bei der Rückkehr ins Internat in Bad Harzburg trug. Joop: «Ich spürte, wie sich alle Blicke auf mich richteten. So hatte ich mir meinen Auftritt vorgestellt.»

Leuchtende Sommer


Der englische Begriff «heyday» (zu Deutsch: Blütezeit oder Hochphase) ist für Wolfgang Joop ein Heimat-Wort. «Übersetzt man ‹heydays› mit ‹Heu-Tage›, fühle ich mich an meine Kindheit erinnert, an die Augenblicke oben auf dem Heuwagen, den Opa Paul von seinen beiden Pferden Lotte und Hans durch die Sommerglut ziehen ließ», sagt er. «Gab es schönere, strahlendere Tage?» Die mit Opa Paul und Oma Ote verbrachte Zeit ist Joop auch kulinarisch im Gedächtnis geblieben. Neben der frischen warmen Kuhmilch, die er als Kind trank, mochte er ein Gericht besonders gern: «Meine Großmutter stellte in der Küche auch Butter her. In einer Blechzentrifuge wurde die Sahne von der Milch getrennt und dann in ein Fass gegossen. (…) Bevor sie zu gelber Butter wurde, war sie cremig-weiß. Meine Großmutter (…) nahm eine Portion von der dicken Sahne heraus und strich sie auf eine Stulle. Darüber streute sie Zucker. Das war die köstlichste aller Speisen, die sie mir zu bieten hatte.»

Das Buch in Kürze

Die einzig mögliche Zeit

Die einzig mögliche Zeit

Aufgewachsen auf dem Bauernhof seiner Großeltern in Bornstedt bei Potsdam, verbringt Wolfgang Joop die ersten acht Lebensjahre dort. Der große Garten und der nur wenige Schritte entfernte Park Sanssoucis waren in der Vorstellung des Kindes sein Reich. Er erzählt von Familienfesten, die aus dem Ruder laufen, von seiner lebenshungrigen Mutter, ...  Weiterlesen

Preis: € 22,00
Seitenzahl: 496
Kindler
ISBN: 978-3-463-00003-9
17.09.2019
Erhältlich als: Hardcover, e-Book

Worum geht es?


Der Modedesigner Wolfgang Joop erinnert sich – an seine Kindheit auf dem Bauernhof seiner Großeltern, den Garten seiner Tante Ulla, den verzauberten Park des Potsdamer Schlosses Sanssouci, das in seiner direkten Nachbarschaft liegt. Entstanden ist die lesenswerte Retrospektive einer schillernden Persönlichkeit und ein interessantes Buch über Mode, Heimat, Familie und die 50er und 60er Jahre in Deutschland.

Warum ist das Buch so lesenswert?


«Die einzig mögliche Zeit» ist mehr als eine Autobiographie. Es ist ein scharfsinniges Zeitzeugnis deutsch-deutscher Geschichte, ein eindrückliches Porträt der 50er und 60er Jahre und nicht zuletzt eine deutsche Familiengeschichte in Ost und West, witzig und klug erzählt.

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