18.11.2019   von rowohlt

Herzlichen Glückwunsch, Wolfgang Joop!

«Lasse ich Erinnerungen zu, kommen die Geister von allein – ungerufen»: Zum 75. Geburtstag des großen deutschen Modekreativen

© Inge Prader
© Inge Prader

Zeichner, Maler, Restaurator, Bildhauer, Modeschöpfer, Unternehmer, Kunstsammler, Möbeldesigner, Autor, Schauspieler, Juror, Ehemann, Großvater, Weltmann ... Wolfgang Joop ist ein Mann der tausend Talente, Begabungen, Neigungen. Und das alles ist er mit dieser so – wie es in Joop-Porträts gern heißt – «unverschämt jugendlichen Ausstrahlung». Kürzlich hat er sein neues Buch «Die einzig mögliche Zeit» vorgestellt: ein privates, fast intimes Stück Autobiografie. Gewidmet ist es den beiden großen Lieben seines Lebens, seiner Ex-Frau Karin und seinem Lebensgefährten Edwin. Am 18. November 2019 feiert das Multitalent Wolfgang Joop seinen 75. Geburtstag. Wir können uns da nur dem Wunsch der Lifestyle-Redaktion der Welt anschließen: «Alles Gute, Wunderkind!»

«Es ist ein erstaunliches Leben, das Wolfgang Joop in seiner Autobiografie Die einzig mögliche Zeit vor seinen Lesern ausbreitet», schreibt Der Tagesspiegel. «Bei ihm war von allem zu viel da: zu viel Begabung, die er lapidar erwähnt, um sie dann durch die Schilderung seines Scheiterns auszubalancieren, zu viele schräge Verwandte, die ihn prägten, zu viel idyllische Heimat. Und nicht zuletzt zu gutes Aussehen, das ihm oft Entscheidungen abnahm, weil Menschen von selbst auf ihn aufmerksam wurden.»

LEBENSWEGE, KARRIERESTATIONEN


2017 kehrte Wolfgang Joop
nach Gut Bornstedt zurück, in das Haus seiner Kindheit am Rande des Parks von Schloss Sanssouci in Potsdam. Er war neun Jahre alt, als er mit seinen Eltern nach Braunschweig umziehen musste; für den Jungen kam der Umzug von Ost nach West einer Entwurzelung gleich. Zum Glück blieben seine Großeltern und seine Tante Ulla in Bornstedt, sodass er zumindest seine Ferien in der geliebten Umgebung verbringen durfte. Heute hat Joop in dem weitläufigen Anwesen (Theodor Fontane: «die Rückseite von Sanssouci») einige seiner wichtigsten «Lebensmenschen» versammelt: seinen Lebenspartner Edwin, seine Ex-Frau Karin und seine Tochter Florentine mit ihrer Familie.


Mit Karin Benatzky, seiner ersten großen Liebe, stieg Joop nach einem kurzen Ausflug in das Studium der Kunstpädagogik an der HdK Braunschweig gemeinsam in die Modewelt ein; Initialzündung war ein Modewettbewerb der Zeitschrift Constanze, den die beiden gewannen. Heirat (1970), Geburt der Töchter Jette (*1968) und Florentine (*1973). Festanstellung als Moderedakteur beim Frauenmagazin Neue Mode, danach Arbeit als freiberuflicher Zeichner und Designer.


1982: die erste Pret-à-porter-Damenkollektion, 1985 die erste Herrenkollektion, später eine eigene Parfümlinie. 1987: Gründung von JOOP!: eine Lifestyle-Marke, die bis Ende der Neunzigerjahre mit enormem Erfolg Lizenzen in alle Welt verkaufte. 2003: Gründung des neuen Labels Wunderkind gemeinsam mit seinem Partner Edwin Lemberg; 2017: Präsentation der letzten Wunderkind-Kollektion 2017 auf der Mailänder Modewoche. Kreativberater und Creative Director für diverse Firmen, u.a. Galeria Kaufmann und Van Laack. Über zwei weniger bekannte Aktivitäten – die Zusammenarbeit mit Textilkommerz, einer Institution der DDR-Textilbranche, und der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meißen – notiert die Berliner Zeitung in ihrer Buchbesprechung: «Es ist ein Stück DDR-Geschichte aus ungewohntem Blickwinkel und (gerade vom Modemann!) eine Inspiration, sich zu trauen, anderen fremd zu sein, aber auch an Träumen festzuhalten – und vor allem: nie zu klein zu denken.»


Im Folgenden werfen wir einen Blick auf einige Facetten des Mannes, der nie zu klein dachte, der sich traute, anderen fremd zu sein und an seinen Träumen festzuhalten ... (Die nicht gekennzeichneten Zitate sind der oben erwähnten Autobiografie entnommen.)

LIEBE & ANDERE AMBIVALENZEN


«Karin kannte ich jetzt seit ein paar Wochen. Sie gab sich moderner als die anderen Mädchen. Sie hatte perfekte Proportionen und einen aufreizenden Gang. (...) Karin besaß eine BMW Isetta, diese dreibeinige Design-Missgeburt ... Mir gefiel Karin immer mehr. Sie konnte sich verwandeln, das beobachtete ich mit Spannung. Ich wusste nicht, was mich da plötzlich befiel – war es Liebe? Oder war es nur die Mode, die wir zusammen entdeckten? Die uns so besoffen machte, dass wir uns wie im Rausch aufeinander stürzten?»


«Edwin war so vieles für mich. Mentor, Assistent, Brother in Crime, Brother in Sin, Parzival, Kritiker, Vertrauter, die andere Hälfte des zerbrochenen Krugs ... (...) Für uns – wir waren drei, ich schließe Karin mit ein – war es ein schmerzlicher und unlösbarer Fall: Karin war mit Edwin, Edwin mit Karin befreundet gewesen. Ich war mit Karin verheiratet und mit beiden befreundet gewesen. Und irgendwie war das doch gutgegangen ... Aber es war, wie wenn Kinder auf einmal in die Pubertät kommen: Die beginnt am Samstagabend, und am kommenden Montag sind sich alle Kinder fremd. Denn ein unsichtbarer Spielgefährte ist zu der Gruppe dazugestoßen – die Sexualität.»


«Alles ist Outing. Bei mir gab es nicht dieses schmerzhafte Erwachen wie bei anderen: wenn man plötzlich der Mutter und dem Vater nicht sagen kann, dass man jetzt auf Männer steht. Ich hatte das nicht, ich wollte nicht mit 14 Bauernjungs flachlgeen. Ich war der Prinz von Bornstedt hier, ich war ambivalent.» (Die Zeit, 12.9.2019)


«Flirting with Desaster ist ohnehin die Überschrift für mein Leben ...» (Der Spiegel 38/2019)

MODE – JOOP! – WUNDERKIND


Modemenschen. «Die Beschäftigung mit Mode zieht ganz bestimmte Menschen an. Menschen, die nervöser auf den sogenannten Zeitgeist reagieren als die meisten anderen. Das wurde mir erst im Laufe der Jahre klar. Diese Art der Hypersensibilität verbindet die Modemenschen wie Drogensüchtige. Man entwickelt eine eigene Sprache, sucht nach Gleichgesinnten, die ebenso süchtig geworden sind nach dem Gefühl, über alle Grenzen hinaus miteinander verabredet zu sein.»


Alles «camp»? «Die Zeit der großen Modeschöpfer ist vorbei. (...) Mode wurde geschöpft von Männern, die wie ihre teuersten Kundinnen nahe am Nervenzusammenbruch lebten. Beschworen wurde eine Utopie – eine Frau, die fern von Angst und Alltag lebt. ‹Camp› war das Wort für die Stilrichtung. Alles wurde zitiert, Film, Literatur, Kunst und Mode, und mit den Zitaten kam der Hang zur Übertreibung. (...) Es war eine lustige, großartige, frivole Zeit, bevor alle Fashionistas Schwarz mit Schwarz kombinierten. Wie eine Schar schwarzer Riesenvögel sahen die Plätze aus, wo sie sich versammelten. Farben sah man auf den Laufstegen – man ließ sich jedoch von ihnen nicht verführen, sie selbst zu tragen.»


«Buy less, choose well, make it last». «Vivienne Westwood hat recht. Als sie mal gefragt wurde: ‹Was würde mir am besten stehen?›, hat sie auch richtig geantwortet: ‹Bildung›. Ich finde, wir können aus diesem Schlamassel nur mit einer hoch geschärften Intelligenz herauskommen.»


Die einzig mögliche Zeit ... «Ich bin dankbar für dieses wirklich großartige Leben, aber ich bin ein schlechtes Beispiel – ich habe aus vielen kleinen Talenten etwas Großes gemacht, aber es war meine Zeit. Und die ist vorbei. Und ein Mann, der gerade halb so alt ist wie ich, der wird sich in seiner Zeit orientieren. Mich gäbe es jetzt nicht mehr. Denn ich bin Autodidakt, all das, was ich beruflich gemacht habe, habe ich nicht gelernt, und trotzdem ist es mir gelungen, daraus eine sehr große Karriere zu machen. In dieser Zeit wird es keinen Karl Lagerfeld, keinen Helmut Lang oder eine Jil Sander mehr geben. Diese Konditionen, wie wir sie hatten, sind nicht mehr gegeben. Ich wüsste nicht, ob ich persönlich mit der jetzigen Zeit zurechtkäme. »

HEIMATPLANET BORNSTEDT


Heimatgefühle. «Ich hatte mich der Illusion hingegeben, in New York eine Heimat zu finden. Als die Karriere mich dann um den ganzen Erdball trieb, hat die Sehnsucht nach Bornstedt überhand genommen.» (Gala, 19.9.2019)
«Heimat war der Ort, wo ich erwartete, erwartet zu werden.»


Preußen. «Ich bin gerne Preuße. Alles, was man damit verbindet, ist für mich ein Gütesiegel. Ich finde, dass der Preuße so etwas Knappes hat, eine gewisse Selbstironie, einen Humor, der nicht grob ist und auf andere losgeht, dieser Humor geht auf sich selbst los. Das finde ich toll an Preußen.» (Märkische Allgemeine, 17.9.2019)


Sehnsuchtsort. «Bornstedt ist der Endpunkt meiner Reise. (...) Hier werden sie mich nur mit den Füßen voraus hinaustragen! Es sind ja nur zwei Schritte von unserer Gartentür bis zum Bornstedter Friedhof ...» (ad-magazin 30.10.2019)

Die einzig mögliche Zeit

Die einzig mögliche Zeit

Aufgewachsen auf dem Bauernhof seiner Großeltern in Bornstedt bei Potsdam, verbringt Wolfgang Joop die ersten acht Lebensjahre dort. Der große Garten und der nur wenige Schritte entfernte Park Sanssoucis waren in der Vorstellung des Kindes sein Reich. Er erzählt von Familienfesten, die aus dem Ruder laufen, von seiner lebenshungrigen Mutter, ...  Weiterlesen

Preis: € 22,00
Seitenzahl: 496
Kindler
ISBN: 978-3-463-00003-9
17.09.2019
Erhältlich als: Hardcover, e-Book
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