28.09.2018   von rowohlt

«Mein Roman, meine Arbeit, mein ganzes Leben …»

Texte, die Wolfgang Herrndorf vor der Vernichtung bewahrt hat. Texte, die bleiben sollten.

© Privat
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Dass Unfertiges, Unvollendetes, gänzlich Unveröffentlichtes aus seinem Nachlass publiziert wird, wollte Wolfgang Herrndorf nicht. In seinem Testament verfügte er, solche Arbeiten seien zu vernichten. Daran haben die Erben sich gehalten. Es gibt aber eine Anzahl von Texten, die schon zu Herrndorfs Lebzeiten einen Weg in die Öffentlichkeit gefunden hatten, sei es abgedruckt an entlegenem Ort, sei es durch Lesungen, vor allem aber digital: Herrndorf war Mitglied des Internet-Forums «Wir höflichen Paparazzi». Der vorliegende Band präsentiert eine Auswahl – Texte, die mal an «In Plüschgewittern» erinnern, mal an «Tschick», mal an die magischen Erinnerungsfragmente aus «Arbeit und Struktur». Nichts findet sich hier, das nur Dokument oder Autorenreliquie wäre; alles ist Literatur, auch das unvollendet Gebliebene, wo es vom Autor selbst in die Tradition des romantischen Fragments gestellt wird. Ein Schatz für Wolfgang Herrndorfs Leser.

Über Wolfgang Herrndorf «Stimmen»


Der Tagesspiegel: «So demonstrieren insbesondere die Geschichten, was für ein großartiger Erzähler Herrndorf war. Wie er damit zu unterhalten versteht und die Erzählungen sich trotzdem eine literarische Hintergründigkeit bewahren. Gekennzeichnet sind sie durch die Herrndorf-typische Mischung aus Sentimentalität und Lakonie, aus Humor und Fatalismus.»
Falter: «Am überzeugendsten aber ist Herrndorf, wenn er gar nicht erst versucht aufzudrehen. Die vierzeiligen Kreuzreimstrophen der Gedichte mit viel Mond sind konventionell in Machart und Sujet, aber gerade in ihrer lapidaren Schlichtheit mitunter zum Weinen schön.»
Münchner Merkur: «Man spürt seine Fähigkeit, einen Text zugleich lakonisch und witzig sein zu lassen. Genau zu beobachten und trotzdem wild zu fantasieren. (…) Mit ‹Stimmen› wird noch einmal klar, welche Größe der Literatur abhandengekommen ist. Wie schön, diesem Mann ein letztes Mal nachhorchen zu können.»
Westdeutsche Zeitung: «Kleine, feinst geschliffene Prosastücke - manchmal tieftraurig, manchmal urkomisch, aber immer brillant. Und immer eine bittere Erinnerung daran, was die Leser mit Herrndorf verloren haben.»
Sächsische Zeitung: «Das war das Besondere, was Herrndorf konnte wie kaum ein anderer: Er vermittelte ein Lebensgefühl, treffsicher, frech, witzig und immer auch etwas wehmütig.»


Hier das Nachwort von Marcus Gaertner und Cornelius Reiber:

Was hätte der Autor dazu gesagt?


Geschrieben hat Wolfgang Herrndorf schon, bevor er Schriftsteller wurde. Um die Jahrtausendwende verabschiedete er sich von seiner ersten Kunst, der Malerei; die Lebenszeit, die ihm von da an noch vergönnt war, hat er ganz ans Schreiben gegeben. Greifbares Symbol dessen war sein Rechner, den er liebte und der ihm existenzielle Albträume um den Verlust einer Tasche bescherte: «mein MacBook drin, mein Roman, meine Arbeit, mein ganzes Leben.» (1)
Was dieser Rechner im Einzelnen an Texten enthielt, lässt sich heute nicht mehr benennen; die Dateien, die sich darauf befanden, existieren zum großen Teil nicht mehr. Sie wurden auf Wunsch ihres Autors vernichtet. Dabei ist nur das Wenigste von dem veröffentlicht worden, was Herrndorf geschrieben hat. Bei Ausbruch seiner Krebserkrankung im Frühjahr 2010 waren es im Wesentlichen ein Roman und ein Erzählungsband. Angesichts der Gewissheit, nicht mehr lange zu leben, quälte ihn schon in jenen ersten Krankenhaustagen der Gedanke, was aus dem nicht publizierten Teil seiner schriftstellerischen Arbeit würde:


«(I)ch denke mit Verzweiflung an meine eigenen Projekte. Ich hab dreieinhalb Romane angefangen in den letzten Jahren, einen Jugendroman, einen in der Wüste spielenden Krimi mit B-Picture-Plot und einen Stimmenroman, zuletzt noch das Konzept zu einem SF-Roman, eine Hommage an Philipp K. Dick. Die ersten drei haben alle schon Anfang und Ende und jeweils zwischen 300 und 600 Seiten, aber nichts davon ist geordnet, richtig zusammengefügt oder überarbeitet. Diese Überarbeitung habe ich die letzten Jahre immer wieder in Angriff genommen und mich in immer neuem Material verloren, im jugendlichen Bewusstsein, noch ewig zu leben.» (2)


Nach der ersten Operation blieben Herrndorf noch etwa dreieinhalb Jahre. Zeit genug, um sich nicht nur Gedanken zu machen; Zeit genug für einen ungeheuren Produktivitätsschub, zugleich aber auch für eine gründliche Sichtung und radikale Säuberung des eigenen Werks, und das in mehreren Stufen. «Die Festplatte aus dem alten Computer ausgebaut und zerstört» (3), notiert er am 3. 7. 2010. Einige Wochen später heißt es: «Wieder einen Ordner Prosatexte weggeschmissen, schlechtes Zeug, gestern schon einen Packen aufwendiger Zeichnungen, an denen ich in meinem Studium viele Monate gearbeitet hatte, meine ersten Comics. Alles schlecht.» (4)
Weitere Einträge erzählen von der Vernichtung von Büchern mit Notizen, Korrespondenzen, Tagebüchern aus 28 Jahren: «An zwei Stellen reingeguckt: ein Unbekannter.» (5) So der Eintrag vom 23. 8. 2011, dazu, als Nachweis, dass es sich nicht um leere Worte handelte, das Foto einer mit Papier und Wasser randvoll gefüllten Wanne. Es war der Tag, an dem Herrndorf auch sein Testament schrieb.


Aus all diesen Überlegungen und Handlungen spricht ein klares Nachweltbewusstsein. Es war Herrndorf nicht gleich, welche seiner Texte ihn überdauern und sein Bild als Künstler beeinflussen würden. Material, das seinen Ansprüchen nicht genügte, das ihm zu fragmentarisch erschien oder in dem er sich nicht wiedererkannte, weil er ein anderer geworden war, fiel dem zum Opfer. Die wiederholten Säuberungsaktionen sagen aber auch etwas aus über den Status der Texte, die von dieser systematischen Vernichtung verschont blieben. Dass Herrndorf beispielsweise Jugendgedichte – eine Gattung, für die sich zu genieren in der Regel leicht fällt – bestehen ließ und mit kritischen Kommentaren versah, ist eine Handlung, die einen Adressaten mitdenkt: die Nachwelt.


Wie also umgehen mit den Texten, die von der Löschung ausgenommen blieben? Das ist eine Frage, die sich bei jedem Nachlass stellt und auf die es selten einfache Antworten gibt. Im wohl bekanntesten Fall der Literaturgeschichte hat der vom Autor persönlich bestimmte Nachlassverwalter den Willen des Verstorbenen ignoriert. Franz Kafka hatte seinen Freund Max Brod kurz vor dem Tod beschworen, «alles was sich in meinem Nachlass (….) an Tagebüchern, Manuscripten, Briefen, fremden und eigenen, Gezeichnetem u. s. w. findet restlos und ungelesen zu verbrennen» (6). Max Brod hat sich nicht daran gehalten, und die Nachwelt dankt es ihm. In anderen Fällen war es strittiger, ob ein Verstoß gegen den Autorenwillen nicht zumindest durch den literarischen oder sonstigen Wert der geretteten Texte legitimiert sei. Dies alles sind jedoch ohnehin keine Präzedenzfälle, denn im Unterschied zu ihnen hält sich die vorliegende Sammlung an das, was ihr Autor dazu schriftlich bestimmt hat.


Noch mit Herrndorfs expliziter Zustimmung postum veröffentlicht wurden der unvollendete Roman «Bilder deiner großen Liebe» und das digitale Tagebuch «Arbeit und Struktur». Herrndorf wusste, dass ein Zweierteam das Lektorat besorgen würde; zur Bedingung hatte er außerdem gemacht, dass keine Fragmente, Entwürfe, unfertige Dinge veröffentlicht würden. Diese Anweisungen hatten die Herausgeber auch bei der vorliegenden Auswahl im Gedächtnis.

Zur Auswahl und Gliederung


Was sich nach dem Tod Herrndorfs auf seinem Rechner befand, war zum Teil in einem Ordner mit dem Namen «Unbesehen Löschen» gespeichert (7). Die Einrichtung eines derart benannten Speicherorts sagt auch etwas aus über die Texte, die sich nicht darin befinden: Dass diese eben nicht unbesehen bleiben sollen. Tatsächlich ist Herrndorf im verbindlichsten Schriftstück, seinem Testament, klar darin, dass er kein generelles Veröffentlichungsverbot erlassen hat: «Einige kleine Texte», könnten erhalten werden, nicht aber «Reste, angefangene Geschichten, Romane, Materialsammlung (…). Keine Fragmente aufbewahren, niemals Fragmente veröffentlichen».
Die Erben haben sich an den – auch mündlich bekräftigten – Imperativ gehalten und die entsprechenden Daten gelöscht. Aus dem, was übrig blieb – und das ist nicht viel – , haben Wolfgang Herrndorfs Witwe Carola Wimmer und sein Freund Cornelius Reiber eine Vorauswahl getroffen, aus der sich wiederum die Zusammenstellung in diesem Buch speist.


Was sind die Kriterien für die Auswahl? Aufnahme finden sollten nur Stücke, die für sich lesbar und von literarischem Wert sind. Fragmentarisches wäre dem Wunsch des Autors zuwidergelaufen; ebenfalls unberücksichtigt blieb aus demselben Grund, was nur als Dokument, Lebenszeugnis oder Reliquie Bedeutung gehabt hätte. Es ist eine heterogene, eine gute Mischung geworden. (8) Die Datierung war nicht bei jedem einzelnen Stück bis ins Detail möglich, aber mit Ausnahme der Gedichte, bei denen die Zeitangabe zum Teil 1988, zum Teil vage «alles während meines Studiums, manches vielleicht vorher» lautet, und einiger Texte aus den späten neunziger Jahren, als der Maler und Grafiker Wolfgang Herrndorf im Dunstkreis der Zeitschrift «Titanic» auch mal für diese, für die «taz», für den «Raben» schrieb, stammen die meisten Texte aus dem neuen Jahr tausend. Den Löwenanteil machen dabei Beiträge aus, die Herrndorf zwischen 2001 und 2009 im von Christian Ankowitsch und Tex Rubinowitz gegründeten Internetforum «Wir höflichen Paparazzi» gepostet hat. (9) Dieses Forum war aus einem älteren mit dem Namen «Alles Bonanza» hervorgegangen, das Ankowitsch 1999 ins Leben gerufen hatte. Herrndorf schrieb dort ab 2001, unablässig und bis zu seinem Tod, auch als die Energie des Forums als Ganzen längst nachgelassen hatte. Die höflichen Paparazzi waren für einige Jahre ein Ort, an dem fast manisch Text produziert wurde, was auch bedeutete, dass viele der dort Schreibenden einen Teil ihres Lebens im Forum verbrachten und es so zu einer «unglaublichen Sozialmaschine» (Holm Friebe) machten. «Das Grundbrummen im Forum war zu Spitzenzeiten zu einem süchtig machenden Lebensmittel geworden», schreibt Tex Rubinowitz, «das für Außenstehende schwer vermittelbar gewesen wäre, weil es eben eine Dimension mehr lieferte, über den Text hinaus.» (10)


Zugangskriterien gab es keine, man meldete sich an und konnte losschreiben. Manche, und in besonderem Maße Herrndorf, gingen gleich mit mehreren Pseudonymen an den Start. Einige der Schreibenden waren bereits veröffentlichte Autoren, andere wurden es, aber die Zusammensetzung der Mitglieder hatte keinen beruflichen oder sozialen Nenner außer einem verbindenden Interesse am Text. Manche kamen, schrieben ein paar Monate und verschwanden wieder, für immer oder für einige Jahre. Der Umgang mit Texten war streng und begeisterungsfähig zugleich, «beinhart stalinistische Schreibschule» (Tex Rubinowitz) (11) wie «Idealbetrieb von Lesern und Schreibern» (Tobias Rüther) (12).
Herrndorfs Texte im Forum der höflichen Paparazzi sind, wie die der anderen Teilnehmer auch, zum großen Teil aus der Situation heraus und für die Situation geschrieben. Sinn ergeben sie nur in ihrem Kontext, auch ihr Stil und Humor leben von dieser Umgebung kollektiver Arbeit. Daneben gab es aber auch einige Texte, die er für sich vorschrieb und auf seinem Rechner lokal sicherte, kleine Erzählungen, oft angeregt durch das Forum und teils nur dort veröffentlicht, teils auch zusätzlich andernorts. Aus diesem Korpus wurde ein Großteil der Texte für diesen Band ausgewählt: Texte, die Herrndorf also schon mit einer – wenn auch begrenzten – Öffentlichkeit geteilt hat.
Diese Social-Media-Herkunft erklärt möglicherweise auch, warum viele der Texte zwischen autobiographischem und fiktivem Schreiben zu changieren scheinen. Szenen, die an ähnliche aus den Romanen erinnern – die Fahrt mit einem gestohlenen Wagen durchs ländliche Ostdeutschland, Wandern im nächtlichen Wald – , tauchen hier in einer Form auf, die autobiographischer wirkt (oder wirken möchte). Das gilt vor allem für die Rückblicke in die Kindheit und Jugend in Abschnitt I, aber auch für diejenigen in Abschnitt II, aus denen die Erfahrungen und das Lebensgefühl des Wahlberliners Herrndorf um die Jahrtausendwende sprechen, der wiederum in vielem dem Erzähler aus «In Plüschgewittern» ähnelt. Im Abschnitt III versammelt sind die eher reflektierenden Texte, zu denen der Autor selbst einmal mit der ihm eigenen ironischen Apodiktik notiert hat: «Falls ich jemals etwas anderes als reine Fiktion schreiben sollte, erschießen Sie mich bitte.»
Eine Sonderstellung in diesem Band nimmt das längere Dramolett «Akalkulie» im Abschnitt IV ein. «Akalkulie» hat Herrndorf, scheint es, in Verarbeitung seiner psychotischen Phase geschrieben, als das Nachdenken über die großen Fragen und die letzten Dinge sich immer ungebremster zu drehen begann. Der Text verhandelt dies auf so verstörende wie hinreißende Weise in den Kulissen einer schrottigen Privatsender- Gameshow. (13) Im fünften Abschnitt schließlich sind Gedichte versammelt. Sie stehen, wie bereits erwähnt, am Beginn von Herrndorfs schriftstellerischer Produktion. Die erste Gruppe, gesammelt in einem Dokument mit der Überschrift «Gedichte an A.», bedient sich demonstrativ sehr traditioneller formaler Mittel; strenger Reime, kaum noch gebräuchlicher Strophenformen, klassischer Motive der Liebes- und Vanitaslyrik. Dies alles könnte epigonal oder juvenil wirken, aber wie in der Malerei, in der sich Herrndorf ja auch selbstbewusst in einer zwischen Parodie und verehrungsvoller Imitation flimmernden Haltung zur Kunstgeschichte eingerichtet hat, ist spürbar, dass er als junger Autor nach bewährten Formen sucht, um auszudrücken, was er als Individuum empfindet und denkt. Die bewusste Entscheidung zur Imitation wird bei den Gedichten aus dem zweiten Dokument zusehends ironisch gebrochen; auch formal geben sie sich etwas weniger regelkonform. Der Weg führte in Richtung satirischer Benutzung, und so wundert es nicht, dass aus Herrndorf kein Lyriker geworden ist.


Dieser Band wird der letzte mit neuen Texten von Wolfgang Herrndorf sein. Texte, die er vor der Vernichtung bewahrt hat. Texte, die bleiben sollten.


Marcus Gärtner und Cornelius Reiber

Anmerkungen


(1) Wolfgang Herrndorf, Arbeit und Struktur, Berlin 2013, S. 22. Eintrag vom 11.9.2011
(2) Arbeit und Struktur, S. 105.
(3) Arbeit und Struktur, S. 68.
(4) Arbeit und Struktur, S. 84 f. Eintrag vom 21.8.2010.
(5) Arbeit und Struktur, S. 232.
(6) Max Brod / Franz Kafka, Eine Freundschaft. Briefwechsel, hrsg. von Malcolm Pasley, Frankfurt am Main 1989 (S. Fischer), Seite 365.
(7) «Einen Ordner UNBESEHEN LÖSCHEN auf meinem Desktop eingerichtet und Freunde gebeten, gemeinsam dieser Aufforderung nachzukommen. Ich möchte, dass es am Ende mehrere sind und nicht ein Einzelner, der aus Neugier oder anderen persönlichen Gefühlen auf die Idee kommt, meine Entscheidung in Frage zu stellen.» Arbeit und Struktur, S. 54, Eintrag vom 11. 5. 2010.
(8) Vgl. den Anhang mit den Angaben zu den einzelnen Texten auf den Seiten 191 f.
(9) Die Herausgeber haben die ausgesuchten Texte inhaltlich und nicht chronologisch angeordnet.
(10) Tex Rubinowitz, Bitte keine gelben Gesichter. Ein Essay, in: Der Standard vom 20. 3. 2016.
(11) Zit. nach: Klaus Nüchtern, «Es war eine beinhart stalinistische Schreibschule», Die Welt, 7. 7. 2014.
(12) Tobias Rüther, Der Stern. Lesen, Schreiben, Teilen: Zum Tod des Schriftstellers Wolfgang Herrndorf. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 1. 9. 2013.
(13) Wer eine Vorstellung vom erwähnten «Kanal Telemedial», laut Selbstdarstellung «erster spiritueller Sender in Europa», und seinem Protagonisten Thomas Hornauer haben möchte, findet bei YouTube aussagekräftiges Material zur Genüge.

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