06.01.2016   von rowohlt

«Wir gehen kurz heiraten»

Mit Humor und konfuzianischer Gelassenheit erzählt Sven Hänke von der Herausforderung, deutsch-chinesisch zu leben und zu lieben

© Sven Hänke
© Sven Hänke

Eigentlich sollte Sven Hänke nur für ein Jahr nach China gehen, um an der Nankai-Universität von Tianjin Deutsch zu unterrichten und seine Promotion voranzutreiben. Dass daraus sechs Jahre wurden, daran war Dingding schuld. Um Dingding zu seiner Ehefrau zu machen, musste auch ihre chinesische Großfamilie miterobert werden. Am Ende der romantischen Tour de Force durch ein Land zwischen Hightech und Tradition, Kaufrausch und Kommunismus steht eine spektakuläre Hochzeit, wie wir Westler uns sie nicht im Entferntesten  vorstellen können – klassische Brautwerbung, Schnapsmarathon, Fotoexzesse in Märchenkulissen und Seegurkenverkostung inklusive.

«Die Chinesen waren auf eine sympathische Weise irgendwie rumpelig»

Clash of civilizations! Aus dem platten  Othmarscher Land in die Multimillionenmetropolen Tianjin und Beijing – davon kann das Dorfkind Sven Hänke ein Lied singen. «Meine familiären Wurzeln liegen in einem kleinen Dorf in der Nähe von Hamburg. es heißt Brunsbek, aber als Dingding es zum ersten Mal aussprach, klang es ein bisschen wie ‹Bumsberg›. In Bumsberg schubsen die Jugendlichen nachts die schlafenden Kühe um, und wer nicht im Schützen-, Tennis- oder Fußballverein ist, der ist bei der Freiwilligen Feuerwehr.»


Eigentlich hatte Hänke «mit China nichts am Strohhut». Dass es ihn mit einem Abschluss in Germanistischer Linguistik, Philosophie und Publizistik in der Tasche ausgerechnet ins Reich der Mitte verschlägt – in eine Zehn-Millionen-Stadt, von der er bis dahin nicht einmal den Namen kannte –, hat er seinem Doktorvater zu verdanken. Also dann: Tianjin statt Bumsberg! Der erste Chinese, den er in seiner neuen Heimat kennenlernt, hört auf den schönen Namen Jupiter, Student an der Nankai-Universität, 2. Semester Germanistik …

Weichknochen, Grillengezirpe, Stundenhotels

Wo es einen Jupiter gibt, kann es auch ein Pünktchen geben – und tausend weitere staunenswerte Phänomene für den Gast aus Deutschland: «Welchen Grund konnte es dafür geben, dass man sich den Nagel des rechten kleinen Fingers lang wachsen ließ? Warum trugen die Babys Hosen, die in der Mitte einfach offen waren, sodass man das Geschlecht sehen konnte? Warum gingen einige alte Menschen rückwärts durch den Park? Und warum bloß sperrten einige Herren zirpende Grillen in einen kleinen Holzkäfig und nahmen sie zum Essen mit ins Restaurant?»


Rätselhafter Ferner Osten! Kaum hat man den Campus der Uni hinter sich gelassen, taucht man ein ins Gewimmel der Garküchen, wo man zu jeder Tages- und Nachtzeit alles essen kann, was Chinesen mit Heißhunger zu verspeisen pflegen. «Ich stellte ziemlich schnell fest, dass Weichknochen essbar sind und Seidenraupenlarven eigentlich ganz gut schmecken, wenn man es schafft zu vergessen, dass es Seidenraupenlarven sind. An den stinkenden Tofu, der an vielen Straßenecken frittiert wurde, traute ich mich hingegen nicht näher als zehn Meter heran, denn auch in dieser Entfernung trieb der Geruch einem noch die Tränen in die Augen. Als wäre es den Chinesen irgendwie gelungen, ein Extrakt aus getragenen Sportsocken herzustellen und mit dem Duft von glimmenden Tischtennisbällen zu verfeinern.»


Sollte sich übrigens irgendwer fragen, wie Studenten an chinesischen Unis mit ihren sexuellen Bedürfnissen umgehen angesichts der Tatsache, dass sie oft zu acht in winzigen Schlafsälen nächtigen, dem sei gesagt: pragmatisch und effizient. «Wie ich später erfuhr, florierten in der Nähe der Universitätstore preisgünstige Stundenhotels, in denen junge Erwachsene zum ersten Mal in ihrem Leben ausprobierten, was man alles anstellen kann, wenn man zu zweit in einem Zimmer ist. Dingding sagte mir einmal, dass wir Deutschen sehr viel Glück haben, weil wir in Freilandhaltung aufgewachsen sind. Die meisten Chinesen kennen nur die Käfighaltung.»

So sind sie, die Chinesen!

«Deutschlehrer Sven» ist erstaunt, dass die meisten Chinesen, die er trifft, auf eine sympathische Weise abweichen von dem Bild, das er sich vorher von dieser Spezies Mensch gemacht hat. Bescheiden, höflich, zurückhaltend – ja, irgendwie das schon. Aber «sie konnten nicht verbergen, dass ganz tief in ihnen ein Bedürfnis nach Lärm, Chaos, Unsinn und Theatralik schlummerte. Und manchmal brach es hervor.»


Mit viel Humor vermittelt Hänkes «Nackte Hochzeit» uns Langnasen tiefe Einblicke in chinesische Gepflogenheiten, Rituale und den ganz spezifischen Irrsinn des Alltags. Dass Restaurants Namen tragen wie «Die Ziege auf dem Baum ist nah». Dass kaum etwas junge Menschen in China derart in präsuizidalen Stress versetzen kann wie «Gaokao», die zentrale Hochschulaufnahmeprüfung (weil es in dieser «Terrorprüfung» tatsächlich oft um nicht weniger geht als den Verlauf des gesamten weiteren Lebens der Prüflinge). Dass chinesische Frauen auf einen Männertyp abfahren, den man «shuai» nennt, so was wie: schneidig und schick. (Shuai-optimierte deutsche Traummänner wären zum Beispiel Fußballer wie Philipp Lahm und noch mehr erstaunlicherweise Miroslav Klose, während jemand wie Til Schweiger bestenfalls unter «ferner liefen» abtauchen würde).


Dass (und warum!) Chinesen keinen substantiellen Unterschied zwischen Religionen und warmen Wollsocken sehen. Dass (und warum!) es für Chinesen keinerlei Problem darstellt, sich alles Wichtige in Berlin, Amsterdam und Paris in drei Tagen anzuschauen. Dass es selbst bei chinesischen Germanistik-Studenten in Prüfungen immer wieder zu den tollsten «sprachlichen Auffahrunfällen» kommt, zum Beispiel bei der Antwort auf die Frage, welche Eigenschaften man beim Sport trainieren könne. «Die Studentin überlegt eine Weile. ‹Mond.› – ‹Meinen Sie wirklich Mond?› – ‹Nein. Mond meine ich nicht. Ich meine Mord.› – ‹Mord? Beim Sport kann man seine Fähigkeiten im Bereich Mord ausbauen? Sport ist Mord. Meinen Sie das?› – ‹Nein. Das ist alles falsch und dumm. Mut. Mut meine ich.›»


Ganz entzückend sind die ausführlichen Beschreibungen all der Dinge, die auf den Autor (und seine deutsche Verwandtschaft!) warten, ehe die schöne Dingding geehelicht werden darf, zum Beispiel die Bollywood-reifen Inszenierungen in den Räumlichkeiten der Hochzeitsagentur Gebrüder Grimm (sic!). Und natürlich erfahren wir Leser auch, was genau unter einer «nackten Hochzeit» zu verstehen ist.


 Übrigens: Sven Hänke lernte seine Herzensdame unter dem Namen Anja Wu kennen, bürgerlich: Wu Ding, liebevoll Dingding genannt. Aber: «Meine Frau heißt in Wirklichkeit gar nicht Dingding. Und Jupiter? Na ja, der hieß eben Jupiter. Zumindest damals.»

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