24.05.2016   von rowohlt

Wie wir wurden, was wir sind

«Fünfmal Deutschland in gut siebzig Jahren, das dürfte Weltrekord sein in der Disziplin Untergang/Wiedergeburt»

© iStockphoto.com
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«Deutschland erzählen, geht das überhaupt? Ein Land mit einer derart zerfaserten, zerfetzten jüngeren Geschichte? Ein Land, das sich in so ziemlich jedes Hirngespinst verstieg, das in so ziemlich jede Falle ging und nach jedem Desaster so ziemlich jeden Neustart hingelegt hat, den die jeweilige Lage hergab.» (Wolfgang Büscher) Ein aufregendes literarisches Projekt, eine Koproduktion von Wolfgang Büscher, Christine Kensche und Uwe Schmitt: acht Geschichten über acht Menschen in acht Sommern. 


Im Vorwort skizziert Wolfgang Büscher die Herausforderung, vor der jeder steht, der über Deutschland nachdenkt. «Es gab so viele davon und so extrem verschiedene, dass einem schwindlig wird beim Betrachten. Deutschland, ein stroboskopischer Bilderrausch. Kaiserreich, Weimar, die Hitlerei, die Epoche der Teilung und nun die allerneueste Gestalt, in der wir Gegenwärtigen leben.»


Gemeinsam mit Christine Kensche, seit 2015 Reporterin der Welt und Welt am Sonntag, und  dem Journalisten Uwe Schmitt erzählt Büscher Geschichten aus acht Jahrzehnten Deutschland –  Geschichten, die das Leben von acht Menschen entscheidend veränderten. Acht deutsche Sommer – ein erzählerisches Panorama. «Wir haben und an einzelne Menschen gehalten. Jeweils einer oder eine für alle.» Und darum geht es in den acht deutschen Sommergeschichten:

«Deutschland, worüber reden wir da eigentlich?»


1945: Der junge Mann, der mein Vater war. «An einem strahlenden Sommermorgen kurz nach dem Krieg stieg ein junger Mann in den Harz hinauf, fast noch ein Kind mit seinen siebzehn Jahren und doch ein deutscher Soldat. Von der Schule geholt, an die Front geschickt, besiegt, entwaffnet, in die Gefangenschaft geführt.» Dieser junge Mann, Wolfgang Büschers Vater, ist auf der Suche nach seiner vom Krieg versprengten Familie. Viel zu spät und überstürzt ist ihre Heimatstadt Breslau evakuiert worden: eine Aktion, bei der «das Grauen und der Tod mitmarschierten». Dass der junge Mann seine Familie unversehrt im stillen Kurort Hahnenklee im Harz aufspürt, erscheint als ein kleines Wunder. «Sie zahlten Kurtaxe, stell dir vor. Sie wurden als Kurgäste behandelt, ein Witz.»


1955: Aus Ruinen nach Amerika. Als Jochen Lengemann nach sieben Jahren der Evakuierung nach Kassel zurückkehrte, ist er zwölf; «seine Heimatstadt existierte nicht mehr». In der Nacht zum 23. Oktober 1943 haben Phosphorbomben die Stadt ausgelöscht – «Kassel brannte wie Zunder». Als langsam wieder Leben in die Stadt einkehrt («Es war der Sommer von Bern. Tor! Tor!! Tor!!!»), widerfährt dem Gymnasiasten Jochen ein unverhofftes Glück. Er erhält ein USA-Stipendium – ein Jahr als Gastschüler in Georgia. Hier erwacht sein Interesse an gesellschaftlichen Fragen, an Politik – es wird ihn bis  in den Hessischen Landtag und in die thüringische Landesregierung führen.


1965: Der Prozess. «Wie war das – Student sein am Vorabend der Studentenbewegung?» Peter Kalb schreibt sich an der Frankfurter Uni bei den Theologen ein, ehe er an das später zur Legende gewordene Institut für Sozialforschung wechselt. Hier lehren mit den Emigranten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno zwei intellektuelle Stars, Protagonisten der Kritischen Theorie. Kalb beginnt bei Horkheimer eine Promotion über Widerstand in Auschwitz; seine prägendsten politischen Erfahrungen aber macht er als Zeugenbetreuer bei den Frankfurter Auschwitz-Prozessen (Dezember 1963 – August 1965). Er ist dabei, als der ehemalige KZ-Häftling Stanislaw Kaminski im Hotelaufzug Hedwig Höß begegnet, der Frau des Lagerkommandanten von Auschwitz – jener Frau, die ihm damals mit den Worten gedroht hatte: «Wenn du nicht spurst, geht's ab durch den Kamin.»

«Ich kenne kein Land, das seine kostbarsten Momente so leicht verwirft und vergisst»


1975: Das Wunder von Bonn. Am 10. November 1982 steht Anne Trabant-Haarbach im Koblenzer Oberwerth-Stadion beim ersten Länderspiel einer deutschen Frauenfußball-Mannschaft auf dem Platz; Deutschland gewinnt 5:1. Ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit die DFB-Herrenriege am 30. Juli 1955 befand: «Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden, und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.». Am Beispiel der Spielerin und Trainerin Anne Trabant und Hannelore Ratzeburg (DFB-Präsidiumsmitglied) wird der unsäglich schwierige Aufstieg des Frauenfußballs in Deutschland beleuchtet. Welche Hindernisse Fußball spielende Frauen überwinden mussten, verdeutlichen Sätze wie die von Bayern-Star Gerd Müller («Warum sollen Frauen hinter dem Ball herlaufen? Sie gehören doch hinter den Kochtopf») oder Trainer Rudi Gutendorf («Im Bett kann eine Frau so herrlich sein, auf dem Fußballplatz wird sie mir immer schrecklich vorkommen».


1985: Leipzig – eine Jugend im Wartesaal. Klaus Zeh ist Mikroelektronik-Spezialist, gläubiger Katholik und politischer Freigeist: eine Konstellation, die in der DDR eigentlich nur in den Knast führen konnte. Hier wird erzählt, wie es Zeh gelingt, dank Glasnost und Perestroika DDR und Stasi-Terror zu überleben und später – nach Spitzenämtern in der CDU, Staatskanzlei und Landesregierung – zum Oberbürgermeister der thüringischen Stadt Nordhausen zu werden. 


1995: Der Himmel unter Berlin. Berlin im Jahrhundertsommer 1995. Ellen Allien, in einer Tempelhofer Hochhaussiedlung in der Nähe des Flughafens aufgewachsen und somit an heftige Beschallung gewöhnt, beginnt, in Klubs Platten aufzulegen: Musik, die sie in New York bereits fasziniert hat. Underground-Locations schießen aus dem Boden: Bunker, E-Werk, Fischlabor, Tresor. Acid House und Deep House regieren die Tanzflächen. Es sind die Techno-Jahre, Berlin verändert sich in rasendem Tempo; 1995 gründet Ellen ihr eigenes Label, «Brain Candy», später «BPitch Control». DJane, das soll ein Beruf sein, davon kann man leben?, fragte ihre Familie entgeistert. Ja, kann man!

Zwischen Kabul und Osnabrück

2005: Unser Mann am Hindukusch. Auch für André Wüstner und seine Bundeswehr-Kameraden war 9/11 ein Fanal. Der Kampfauftrag in Afghanistan scheint klar: «Rein, terroristische Strukturen zerschlagen, wieder raus.» Eine bittere Illusion, die viele mit ihrer körperlichen und seelischen Gesundheit und Dutzende mit dem Leben bezahlen. Am 14. November 2005 detoniert am östlichen Stadtrand von Kabul eine Autobombe. Ein deutscher Soldat stirbt, ein zweiter verliert beide Beine, ein dritter einen Unterschenkel. Wüstner kehrt seelisch versehrt von aus Afghanistan zurück, «sein Wertesystem hatte sich jäh verschoben». Die gegenüber den bewaffneten deutschen Streitkräften herrschende Doppelmoral widert Wüstner an. Für viele Veteranen der Bundeswehr-Auslandseinsätze ist das Leben nach dem Krieg ähnlich schrecklich wie der Krieg selbst. Davon erzählt dieser Bericht.


2015: Der Damaszener. Der achte und letzte Sommer gehört dem Syrer Anis Hamdoun. Am 8. August 2013 töten Granatsplitter seinen Freund Mohammed in Homs; er selbst liegt zwei Tage im Koma, «irgendwie hatten sie ihn in einem Untergrundlazarett gerettet und nach Damaskus schaffen lassen. Er war genesen, wider alle Erwartung. Aber sein Leben als Schauspiellehrer und Regieassistent war vorbei, seine Ausbildung als Chemiker an der Universität sowieso erledigt.» Mittlerweile leben Anis, seine Frau Zainab und Teile ihrer Familie bei uns. Sein kulturelles Gegengeschenk für die freundliche Aufnahme in Deutschland sind das Integrations-Video für  Neuankömmlinge «Achso from Osnabrück» und das auf Theaterfestivals erfolgreiche Vier-Personen-Stück «The Trip»: ein Stelldichein von Anis und seinen toten Freunden Mohammed, Sarah und Saleem. 

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