22.04.2016   von rowohlt

Wie lebt ein Dorf mit den Schrecken der Vergangenheit?

Die unerzählte Geschichte des badischen Dorfes Sandheim – Jochen Metzger im Interview

© plainpicture/NaturePL
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Auch wenn die ganz großen Zerstörungen ausgeblieben sind – auch in dem kleinen badischen Dorf Sandheim hat der Krieg  seine Spuren hinterlassen. Die meisten Männer sind fort, die Markthalle ist zum Lazarett geworden, die Landwirtschaft liegt am Boden. Der Krieg ist verloren, alle wissen das. In den letzten Kriegstagen des 2. Weltkriegs wird ein marokkanisches Regiment unter französischer Flagge über den Rhein geschickt; auch in Sandheim rücken Besatzungssoldaten ein. Es naht der Tag, an dem der Krieg wirklich über Sandheim hergefallen ist. Dieser Tag, der niemals hätte seind dürfen … Der Journalist Jochen Metzger ist in diesem Dorf aufgewachsen. Sein Roman «Und doch ist es Heimat» entwirft ein lebendiges, beklemmend genaues Bild der Ereignisse von damals.


Hier finden Sie eine interaktive Karte Sandheims mit vielen Bildern und wichtigen Textstellen.

Das Interview

Sandheim ist Graben-Neudorf – und ist es auch nicht. Hatten Sie nie die Angst, in dem badischen Bauerndorf, wo Sie aufgewachsen sind, durch Ihre Recherchen auf Misstrauen, vielleicht sogar auf feindselige Ablehnung zu stoßen?
Es gab tatsächlich eine Phase, in der ich gedacht habe: «Diese Geschichte darfst du auf keinen Fall veröffentlichen.» Denn obwohl ich schon seit mehr als 20 Jahren nicht mehr in Graben lebe, sind viele Regeln von dort noch immer in mir lebendig, ob mir das nun passt oder nicht. Eine dieser Regeln lautet: «Darüber spricht man nicht.» Dass ich dieser Regel irgendwann nicht mehr geglaubt habe, lag auch an den Leuten aus Graben. Fast niemand hat mir einen Korb gegeben, wenn ich ein Gespräch über die letzten Kriegstage angefragt habe. Im Gegenteil: Die meisten schienen froh zu sein, dass da endlich mal einer war, der zugehört hat. 


Durch die Wahl der Romanform bekommen die dramatischen Ereignisse der letzten Kriegsmonate Gesichter: Menschen wie Marie und Liese, Filp und Milchkännchens Hans, die Geschichten erzählen, schreckliche und schöne. War Ihnen von vornherein klar, dass die Ereignisse von damals nur als Roman und nicht als dokumentarisches Sachbuch erzählt werden können?
Überhaupt nicht. Ich habe zu Anfang nur recherchiert, weil ich unbedingt wissen wollte, was damals eigentlich passiert ist. Mir war weder klar, dass ich die Geschichte veröffentlichen würde, noch, in welcher Form das geschehen könnte. Es hat anderthalb Jahre gedauert, bis ich auf einer Zugfahrt eine Art Eingebung hatte. Ich habe den Rechner hochgefahren und das erste Kapitel innerhalb von 20 Minuten runtergeschrieben. Alles schien schon da zu sein – die Bilder im Kopf, der Ton, die innere Haltung, die Sprache, alles. Danach wusste ich: So kann es gehen, das ist die Form, in der ich erzählen kann und darf.


Es ist eine der eindrücklichsten Szenen Ihres Romans: ein «Wagen, übervoll mit Frauen», die von der amtsärztlichen Untersuchung in Bruchsal zurückkommen und sich einschwören: «Niemand wird je davon erzählen! Und man wird keine verraten, die dabei war, solange man lebt.» Gab es das damals tatsächlich, dieses Schweigegelöbnis der betroffenen Mädchen und Frauen?
Alles, was ich dazu sagen möchte, ist, dass es diesen «Wagen voller Frauen» tatsächlich gegeben hat. 

«Das mit dem Schweigen ist so eine Sache»

Wie muss man sich das vorstellen, dass über die Massenvergewaltigung von Frauen in Sandheim über zwei Generationen hinweg geschwiegen wurde? Davon wussten ja nicht nur die Opfer der Übergriffe, sondern vermutlich das ganze Dorf …
Das mit dem Schweigen ist so eine Sache. Ich habe den Eindruck, dass nicht alle meiner Zeitzeugen das Gefühl hatten, da unter einem Tabu zu stehen. Man hat einfach nicht darüber gesprochen, und das halte ich für etwas sehr Normales. Wir haben in unserem Leben ja auch Themen, die wir mit anderen teilen – und solche, die wir eher für uns behalten. 


Es gibt einen eindrucksvollen Bildband: «Graben-Neudorf anno dazumal». Auffällig ist, dass die Nazijahre dort praktisch komplett ausgeblendet sind, obwohl nicht gerade wenig zwischen 1933 und 1945 dort passiert ist. Kann es sein, dass dieses organisierte (Ver)Schweigen nicht nur für die Frauen des Ortes gegolten hat?  
Ich habe da eher gegenteilige Erfahrungen gemacht. In Graben wurde – zumindest in meiner Kindheit und Jugend – relativ viel über die Hitler-Zeit gesprochen, da gab es keinen Bruch, keine innere Zensur. Möglich, dass Bilder aus jener Zeit verschwunden sind; aber da würde ich mal locker tippen, dass das eher pragmatische Gründe hat.


Was entgegnen Sie Leuten, die meinen, angesichts der sog. «Flüchtlingskrise» sollten solche Geschichten besser nicht bzw. besser jetzt nicht erzählt werden?
Dass ich Verständnis für sie habe, ihre Meinung aber nicht teile. 

Schweigen als Selbstschutz, Offenheit als Befreiung?

Im März 2005 wurde in einem Spiegel Special über Massenverwaltigungen u.a. in Stuttgart, Pforzheim und Freudenstadt durch französisch-marokkanische Besatzungssoldaten berichtet. Glauben Sie (oder hoffen Sie), dass Ihr Roman diesem düsteren Kapitel der Kriegs- und Nachkriegsjahre mehr Aufmerksamkeit verschaffen wird?
Das wäre natürlich wünschenswert, auch wenn ich weiß, dass diese Dinge immer zwei Seiten haben. Für manche ist das «darüber reden» sicherlich eine Befreiung, für andere kann es zu einer zusätzlichen Belastung werden. Aus der Nummer kommt man leider nicht so einfach heraus. Wenn ich diesen Gedanken umdrehe, kann ich immerhin sagen: Egal, was passiert, es wird für irgendwen gut sein.


In besagtem Bildband findet sich die Aufnahme einer Familie vor ihrem Haus, Bildunterschrift: Alt-Kirchendiener Metzger, 1930. Handelt es sich dabei um Ihre Vorfahren?
Ups, da müsste ich meine Eltern fragen. Ich glaub's aber nicht. Einer meiner Vorfahren war zwar tatsächlich Kirchendiener, er stammt aber nicht aus der Metzger-Linie. Im Übrigen ist der Name Metzger in Graben keine Seltenheit. Die meisten davon sind mit meinem Clan nur noch sehr, sehr entfernt verwandt. 

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