17.05.2017   von rowohlt

«Wie können Eltern nur so bescheuert sein?»

Die Wahrheit liegt auf (und nicht neben) dem Platz! Temperamentvoll und amüsant: Hanna Dietz' Roman ist ein Must-have für alle Fußballmütter (und -väter)

© iStockphoto.com
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Mit den anderen Müttern und einem Kaffeebecher am Spielfeldrand stehen und zusehen, wie die Kleinen kicken – so stellt sich Carolin ihr neues Leben als Fußballmutter vor. Also meldet sie ihren Sohn Luis in der F2-Jugend des 1. FC Reschheim an. Was sie vorher nicht wusste: dass der Kampf auf dem Rasen nichts ist gegen das, was sich am Spielfeldrand unter Fußballmüttern und -vätern  abspielt. Da wird intrigiert, gemobbt, gepöbelt. Schwer zu ertragen für Carolin, die nach ihrer Scheidung von Luis' Vater Konstantin nur ihre Ruhe will. Als dann auch noch ihr Scheidungsgrund auftaucht – Sophia nebst Sohn Johannes –, erwacht in Carolin ein lange verschüttetes Gefühl: Kampfgeist: Wäre doch gelacht, wenn Luis' Mannschaft nicht die angeberische Vorzeigemannschaft des Vereins, die F1, in die Knie zwingen könnte ...

«Massenschlägerei unter Trainern und Eltern … Eltern stürmen Platz …»


Wenn Kinder Fußball im Verein spielen, hört der Spaß auf. Was Carolin in Luis' neuem Verein erwartet, darauf ist sie nicht vorbereitet. Auf Sprüche wie diese etwa: «Der Trainer hat gesagt, mein Simon hätte eine außerordentliche Spielintelligenz … Mein Joel hat ja schon lange eine Einladung vom 1. FC Köln … Jarvis ist wahnsinnig talentiert. Bald wechselt er in die F1, natürlich mit einem Stammplatz in der Startaufstellung.» Klar, und morgen kommt der Anruf von Real Madrid.


Blöd nur, dass die F2, das kleine, dumme Brüderlein der F1, bei allem mütterlicherseits attestierten Talent auf dem Platz wenig gelingt. Wie sagt Rubens Mutter Hilli so treffend: «Bei uns ist das Höchstmaß an Professionalität erreicht, wenn alle Kinder die Schuhe zu haben.» Allzu heiter stimmen Niederlagen wie ein 1:13 ja auch nicht. Aber wie soll man auch bei solchen Anweisungen der elterlichen Fans auf einen grünen Zweig kommen? «Raus da! – Schieß doch endlich! – Weg mit dem Ball aus der Todeszone! – Hau ihn weg, Junge!» Wie gut, dass es neben all den durchgeknallten  «Schnepfen» und «Bratzen» auch noch Frauen wie Iwanka gibt, eine Polin mit angenehm derbem Humor: «Jungs sollen froh sein, dass kein Prügel gibt.» Oder, als ein Ball in die Wiese fliegt: «Ist Brennnessel. Kein Napalm. Soll sich nicht anstellen.» 


Als Sonja, Konstantins Neue, bei den Reschheimer Fußballkids auftaucht, schrillen bei Carolin sämtliche Alarmglocken. Schwarze Röhrenjeans, Pilotenbrille, gletscherblond. Blöderweise hat «das Miststück» sich entschieden, ihren weizenblonden Knaben auch beim 1. FC Reschheim anzumelden. In der F1, versteht sich. Eigentlich hat sie ja ganz andere Sorgen, als sich von Exen und überehrgeizigen Fußballmüttern das Leben zur Hölle machen zu lassen. Geschieden, neue Wohnung, Stress in ihrem Job bei Fliesen Günther: Caro hat jede Menge am Hals. Einziger Lichtblick:  Mit Nachbar Yannik und Fußballtrainer Georg scheinen sich gleich zwei attraktive Typen brennend für sie zu interessieren … 


Apropos Georg: Luis' Trainer hat eine Vision. Er will seine Jungs spielerisch und taktisch so fit machen, dass sie beim Cookie-Cup das Finale erreichen – am liebsten gegen die Reschheimer F1. Carolin ist Feuer und Flamme: Die Angebertruppe besiegen heißt, Sonja besiegen! Auf in den Kampf gegen das «Miststück» – her mit dem Cookie-Cup!

SECHS FRAGEN AN HANNA DIETZ


Ihr Roman klingt stark danach, als hätten Sie selbst als Fußballmutter viel Lebenszeit am Spielfeldrand verbracht. Hat Sie das hektische Drumherum im Verein eher genervt oder amüsiert?
Bei uns geht es zum Glück meist ziemlich entspannt zu. Nervig wird es nur, wenn man gegen Mannschaften spielt, wo Eltern und Trainer nicht so entspannt sind. Das überträgt sich nämlich sofort auf die Spieler und provoziert dann unfaires Spiel. Als Autorin habe ich dabei aber den Vorteil, gerade solche Vorfälle als Recherche zu betrachten – und mich trotzdem darüber zu amüsieren. 


Dass Eltern kickender Kinder sich oft wie Wildschweine auf Speed benehmen, ist in Ihrem Buch durch Dutzende Medienbelege eindrucksvoll belegt. Wie erklären Sie sich die infantile Regression all der Fußballmütter und -väter? Um was geht's da? 
Fußball an sich ist schon eine sehr emotionale Angelegenheit, aber je näher einem ein Spieler ist, desto persönlicher nimmt man alles: Siege, Niederlagen, aber auch Fouls und unfaires Spiel. Ich merke ja auch, wie angespannt ich bin, wenn mein Sohn im Tor steht. Da schlägt dann der Mutterinstinkt durch, mit dem man sein Kind vor allen Gefahren schützen möchte – und da muss man sich schon manchmal zusammenreißen, gerade wenn die andere Mannschaft zu Unsportlichkeiten neigt. Und dann gibt es natürlich die Eltern, die ihr Kind als künftigen Nationalspieler sehen und dann auf alle Beteiligten (besonders natürlich auf das Kind) enormen Druck ausüben. Das nimmt bisweilen lächerliche Züge an, wenn Mütter von ihren achtjährigen Söhnen behaupten, dass sie «professionell» Fußball spielen – in der Hoffnung, dass ihr Kind einmal reich und berühmt wird.


Hand aufs Herz: Haben Sie persönlich ein Faible für Fußball? Oder gilt vielleicht dieser Satz aus «Fußballmütter» ein bisschen auch für Sie: «Fußball spielen finde ich in etwa so verlockend wie Tapeten abkratzen …»?
Im Urlaub kicke ich auch schon mal gerne mit, aber so richtig mein Sport ist es nicht. Ich habe an der Sporthochschule zwei Semester Fußball gehabt und mir echt einen abgebrochen bei dem Versuch, weit und feste zu schießen. Ist mir ein Rätsel, wie das geht! (Von Kopfbällen fange ich jetzt gar nicht erst an …) Ins Tor stelle ich mich auf gar keinen Fall, weil mein Sohn so einen harten Schuss hat. Was hatte ich schon für blaue Flecken! Ich bin froh, dass mein Mann so gerne Fußball spielt und das Kicken mit unserem Sohn mit  Begeisterung übernimmt. Aber beim Zuschauen fiebere ich richtig mit – aber nur bei Europa- und Weltmeisterschaften und bei den Spielen meines Sohnes!


Hätten Sie über Fußball spielende Mädchen geschrieben – wären die Beschreibungen der Hysteriker am Spielfeldrand ähnlich krass ausgefallen?
Bei uns im Verein sind Mädchen eine Seltenheit, auch bei Spielen gegen andere Mannschaften habe ich höchstens mal ein, zwei gesehen. Ich könnte mir vorstellen, dass die Eltern von Fußballspielerinnen entspannter sind, weil die Karriereaussichten im Frauen- und Männerfußball so unterschiedlich sind. Während man bei den Männern als Drittligaspieler schon gut davon leben kann, müssen selbst Nationalspielerinnen für ihren Lebensunterhalt nebenbei arbeiten. Da ist die Unterstützung des Hobbys durch die Eltern vermutlich grundsätzlich viel ideeller – und nicht so getrieben von dem Ehrgeiz, dass das Kind später Fußballmillionär wird. 


«Fußballmütter» ist – jenseits aller fußballerischen Dinge – ein wunderbar unterhaltsamer Familienroman. Mit allem, was dazugehört: Fremdgehen, Trennung, Scheidung, Neuanfang, das Zerren der Eltern um ihr Kind, neue Männer am Horizont … Neben Luis' Porsche-911-Turbo-Vater Konstantin haben Sie mit Yannik und Georg gleich zwei Exemplare der Kategorie «Toller Typ» in die Schlacht geworfen – weshalb?
Gerade als Mutter ordnet man fast alles den Bedürfnissen seiner Kinder unter, da vergisst man schon mal, wie es war, als man nur für sich selbst verantwortlich war. Yannik ist ein Sonnyboy, der Caro wieder an solche unbeschwerten Zeiten erinnert – und das tut ihr einfach gut. Georg dagegen ist viel reifer, steht aber unter dem Verdacht, ein notorischer Herzensbrecher zu sein. Da Caro sich selbst und ihre Bedürfnisse über lange Jahre vernachlässigt hat, muss sie also erst einmal herausfinden, was sie wirklich will …


Zum Saisonfinale der Bundesliga hätten wir gern noch gewusst, wer im Hause Dietz eigentlich welchen Verein am liebsten hat, vom 1. FC Reschheim mal abgesehen. Also: Welcher Verein darf nie-nie-niemals absteigen?
Sagen wir mal so: Ich fände es blöd, wenn der 1. FC Köln absteigen würde (was diese Saison zum Glück keine Gefahr ist!). Aber dass die Lieblingsmannschaft meiner Familie absteigt, ist so unvorstellbar wie Cristiano Ronaldo mit Bierplauze. Sie sind nämlich Bayern-München-Fans. 

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