30.08.2018   von rowohlt

Narben auf der Seele

Unterschätzt und banalisiert: Emotionale Gewalt – einer der perfidesten Krankmacher unserer Gesellschaft

© Stefan Hobmaier
© Stefan Hobmaier

Emotionale Gewalt demütigt, sie macht hilflos und krank. Sie tritt in allen Lebensbereichen auf, im Job, in der Schule, in der Familie oder der Partnerschaft, und sie geschieht oft beiläufig. Sie kann seelische und körperliche Verletzungen hervorrufen, die nie wieder heilen: Stresshormone werden vermehrt ausgeschüttet, die Schmerzschwelle ist niedriger, die Immunabwehr geschwächt. Die Betroffenen neigen oft zu Depressionen und Angststörungen. Emotionale Gewalt ist eines der meistunterschätzten Probleme unserer Gesellschaft. Überall kann man Demütigung und Missachtung erleben, aber überall kann man sich auch wehren. Wie – das offenbart einfühlsam und anschaulich das neue Buch des Gesundheitsexperten und Bestsellerautors Dr. Werner Bartens.

DAS INTERVIEW


Zu Beginn die ganz grundsätzliche Frage: Was ist emotionale Gewalt?
Emotionale Gewalt ist das, was wir an Kränkung, Demütigung, an Erniedrigung erleben. Man kann es auch als unsichtbare Keule bezeichnen, weil man im Gegensatz zu körperlicher Gewalt die Verletzungen und Wunden, die das reißt, nicht sieht. Sie bleiben aber dennoch und gehen manchmal sogar tiefer.


Welche konkreten Beispiele können Sie uns da nennen?
Das existiert in allen Spielarten. Da gibt es den Chef, der seine Mitarbeiter vorführt, vor versammelter Mannschaft, da gibt es die Lehrer, die Schüler bloßstellen oder immer wieder piesacken. Emotionale Gewalt gibt es aber auch in verdeckteren Formen – in Beziehungen beispielsweise, wenn jemand immer wieder die Wünsche des anderen ignoriert, oft gerade in Beziehungen zu Kindern, wenn etwas totgeschwiegen wird, wenn Kinder in ihrem Willen missachtet werden. In vielen Familien gibt es grausame Rituale des Missachtens, Kränkens, Demütigens.


Wo verläuft im Alltag die Grenze zwischen Gemeinheit und emotionaler Gewalt?
Emotionale Gewalt wird es dann, wenn man das, was passiert, als zerstörerisch empfindet, weil es mich in meinem Kern treffen, mich fertigmachen soll. Und wenn uns das von Menschen zugefügt wird, die uns wichtig, von denen wir emotional abhängig sind, also von Familienangehörigen, Eltern oder engen Freunden, dann fühlt man sich regelrecht verraten und bloßgestellt. Sich in der Gruppe, in der Clique, vom besten Freund, dem liebsten Kollegen oder gar vom Partner verraten zu fühlen – das tut besonders weh.


Welche Folgen können für die Opfer von emotionaler Gewalt entstehen?
Kränkungen machen krank. Das Erstaunliche ist, dass sich das nicht nur auf seelischer Ebene zeigt, durch die Zunahme von Ängsten und Depressionen – erstaunlich sind auch die körperlichen Folgen. Durch dauerhafte seelische Kränkung werden die körperlichen Abwehrkräfte geschwächt: Die Blutgerinnung ist eingeschränkt, Wunden heilen schlechter; chronischer Stress führt zu chronischen Entzündungen, was sich auf praktisch alle Organsysteme des Körpers auswirkt. Bei Kindern, so viel wissen wir, ist bei der Konfrontation mit roher emotionaler Gewalt sogar die Gehirnentwicklung verlangsamt und beeinträchtigt.


Wie kann man sich vor den fatalen Folgen von emotionaler Gewalt schützen? Haben Sie ein paar konkrete Tipps für den Alltag?
Ich versuche, in meinem Buch zu zeigen, was uns wirklich wehtut. Emotionale Gewalt ist ein banalisiertes, unterschätztes Phänomen. Da ist es wichtig, dass man das Gefühl hat, nicht passiv zum Opfer werden zu müssen. Dass man sich wehren kann, dass es möglich ist, seelische Aggressionen von anderen ins Leere laufen zu lassen. Dazu gebe ich viele Tipps und Hinweise und hoffe, dass so weniger Menschen zum Opfer emotionaler Gewalt werden.

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