29.03.2017   von rowohlt

Wer wir waren. Wer wir sind.

Ein großer Generationenroman vom Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart – die Geschichte einer alten Adelsfamilie, die an ihrem Erbe fast zerbricht

© Renate Neder
© Renate Neder

Nach der Flucht aus Ostpreußen im Winter 1945 wachsen die zehn Kinder der Gräfin Agnes von Kolberg in ärmlichen Verhältnissen bei Bonn auf – der Vater ist im Krieg gefallen. Die traumatischen Ereignisse ihrer frühen Kindheit und der Umgang mit der selbstherrlichen Mutter schweißt die Geschwister eng zusammen. Nach der Wende möchte Konrad, der jüngste Sohn der Patriarchin, das marode Gut Altenstein in den Familienbesitz zurückholen. Zwischen den Geschwistern entbrennt ein erbitterter Streit um das Gut, der viele Fragen aufwirft – nach alten Wunden und Loyalitäten und dem eigenen Selbstverständnis … «Ein toller Debütroman, der uns die große Angst von Menschen auf der Flucht genauso vergegenwärtigt wie die Gefahr, sich aus Gier ewig weiter zu bekriegen.» (Brigitte)


In klarer Sprache und mit großer Unmittelbarkeit erzählt Julie von Kessel von Charakteren, die so ungewöhnlich und lebendig sind, dass man sie lange nicht vergisst. Die Autorin arbeitet seit vielen Jahren als Journalistin beim ZDF. Am 11. September 2001 berichtete sie live von den Terroranschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon aus New York. «Altenstein» ist ihr erster Roman; ihre ältere Schwester, die Schauspielerin Sophie von Kessel», hat den Text als Hörbuch eingelesen. 

DAS INTERVIEW


Die Familienszenen in «Altenstein» erstehen beim Lesen bildhaft, nahezu greifbar vorm inneren Auge. Woher rührt diese Lebendigkeit?
Den Ton, das Zwischenmenschliche kenne ich so aus meiner Kindheit. Meine Familie hat für mich bis heute einen bestimmten «Sound». Beziehungen, Ticks, Eigenarten, Geschichten – ich habe als Kind unsere Verwandtschaft oft wie eine eigene Welt wahrgenommen, in der andere Regeln galten.


Ist «Altenstein» ein Roman der starken Frauen? Agnes, Ira und Nona haben ja – im Guten wie im Schlechten – ihren eigenen Kopf.
Es gibt definitiv viele starke Frauenfiguren in dem Buch. Agnes, Ira und Nona haben jede auf ihre Weise die Zügel in der Hand. Aber es ist Konrad, der die Handlung vorantreibt – dabei muss er sich unter all den Frauen zurechtfinden.


Der Streit um das Erbe des namensgebenden Guts ist ein Ringen um Heimat, Identität und Zugehörigkeit. Ist er bezeichnend für die Wendegeneration?
Ich war verblüfft, wie viele Verwandte nach der Wende in den Osten gezogen sind, um alte Güter zu kaufen oder Betriebe aufzubauen – die meisten sind gescheitert. Da schien es doch eine Sehnsucht nach Heimat oder nach einem Anknüpfen an früher zu geben, die ich zuvor nie wahrgenommen hatte. Mit der Zeit habe ich verstanden, dass einige auch hofften, sich neu zu erfinden.


Die Klarheit Ihrer Sprache scheint die märkische Landschaft widerzuspiegeln. Ist dieser Stil Ihnen zugeflogen oder intensiv erarbeitet?
Ich glaube, er ist vielen Jahren in meinem Beruf geschuldet. Als Fernsehjournalistin benutze ich eine sehr reduzierte Sprache. Für mich war es schwieriger, beim Schreiben des Romans selbst die Bilder malen zu müssen – die bekomme ich ja sonst vom Kameramann.

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