09.11.2016   von rowohlt

«Wer die Welt verstehen will, der muss Frankopan lesen»

Peter Frankopans «Licht aus dem Osten» – eine Demontage des Eurozentrismus, «eine kühne, unterhaltsam provokante ‹Neue Geschichte der Welt›» (SZ)

Indigogefärbte Koran-Abschrift aus Nordafrika – © Marie-Lan Nguyen/Commons
Indigogefärbte Koran-Abschrift aus Nordafrika – © Marie-Lan Nguyen/Commons

Peter Frankopan lehrt uns, die Geschichte neu zu sehen – indem er nicht Europa, sondern den Nahen und Mittleren Osten zum Ausgangspunkt macht. Hier entstanden die ersten Hochkulturen und alle drei monotheistischen Weltreligionen; ein Reichtum an Gütern, Kultur und Wissen, der das Alte Europa seit jeher sehnsüchtig nach Osten blicken ließ. Frankopan erzählt von Alexander dem Großen und Babylon, vom Sklavenhandel mit der islamischen Welt, der Venedig im Mittelalter zum Aufstieg verhalf, von islamischen Gelehrten, die das antike Kulturerbe pflegten, lange bevor Europa die Renaissance erlebte. Und er erklärt, warum sich die Weltpolitik noch heute in Staaten wie Syrien, Afghanistan und Irak entscheidet … «Wer ‹Licht aus dem Osten› liest, sieht die Welt mit neuen Augen, ihre lange Geschichte wie ihre Gegenwart.» (NZZ)

Stimmen zu «Licht aus dem Osten»


Die Zeit: «Peter Frankopan hat ein tausendseitiges, bahnbrechendes Buch geschrieben. Eigentlich aber ist dieser Autor ein begnadeter Regisseur seines Stoffes. Der Leser fühlt sich alsbald wie in einem Vergangenheitskino im Breitwandformat.»
Berliner Zeitung: «Große Kollegen Frankopans betrachten ‹Licht aus dem Osten› als eines der wichtigsten Bücher zur Weltgeschichte, das in den letzten Jahren, gar Jahrzehnten geschrieben worden ist.»
Süddeutsche Zeitung: «Unter diesen Meisterwerken der Darstellung ragt an Prägnanz, erzählerischer Verve und Kühnheit in der Auswahl und Interpretation des Materials eine englische heraus: ‹Licht aus dem Osten›.»
Daily Telegraph: «Atemberaubend und so gut geschrieben, dass man es nicht mehr aus der Hand legen möchte.» 
Neue Zürcher Zeitung: «Peter Frankopans mitreißend erzählte Weltgeschichte kommt zu einem Zeitpunkt, da in Europa unter dem Eindruck des Terrors unbedarft die ‹Errungenschaften der Aufklärung› und die ‹westlichen Werte› gegen den pauschal als ‹barbarisch› taxierten Islam ins Feld geführt werden.».
Frankfurter Rundschau: «Wer die Welt verstehen will, der muss Frankopan lesen.»

«Eurozentrismus ist selbstmörderisch»


Dass der Westen nicht der Nabel der Welt ist – diese Auffassung wurde wohl noch in keinem anderen Buch so überzeugend untermauert wie in Peter Frankopans monumentaler Studie «Licht aus dem Osten» (745 Seiten Text, dazu knapp 200 Seiten Anmerkungen, Literatur und Personenregister). Der britische Historiker stellt das krude eurozentrische Geschichtsverständnis des Westens vom Kopf auf die Füße: «Wir müssen uns diesen Raum interessieren, in dem bald achtzig Prozent der Weltbevölkerung leben», fordert Frankopan im Interview mit der Berliner Zeitung.


Wie an einer Perlenschnur liegen im vorherrschenden manipulativen Geschichtsbild als Fixpunkte aufgereiht: das antike Griechenland, das alte Rom, das christliche Europa, Renaissance, Aufklärung, bürgerliche Revolution, industrielle Revolution, Demokratie (inkl. Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten). Dieses «Mantra des politisch-kulturellen und moralischen Siegeszugs des Westens» (Peter Frankopan) steckt nach wie vor in den Köpfen; in der vulgärsten Form erscheint die europäische Zivilisation als Höhe- und Endpunkt der Weltgeschichte. Das  triumphalistische Narrativ der westlichen Moderne hebelt der britische Historiker nach allen Regeln der Kunst aus. Man braucht nur dem Lauf der Seidenstraße zu folgen, dem Handelsweg für Luxusstoffe, Gewürze und Sklaven, um zu begreifen, dass die hochentwickelten Kulturen des Orients am Beginn der zivilisatorischen Evolution des Okzidents stehen (und nicht umgekehrt). Was zählte für das expansionsgierige Rom? Nicht Gallien, nicht Britannien oder die germanischen Provinzen, sondern die Kornkammern Nordafrikas, Kleinasien, das Imperium der Perser. Ex oriente lux – Licht aus dem Osten!


Peter Frankopan, Leiter des Zentrums für Byzantinische Studien an der Universität Oxford, zählt zu den profiliertesten jüngeren Historikern Großbritannien. Er lehrt uns den genauen, unvoreingenommenen Blick auf jene «Achse, um die sich der Erdball dreht»: die Region zwischen östlichem Mittelmeer und Himalaya, zwischen Schwarzem Meer und Indischem Ozean – das Gebiet, das wir als Nahen und Mittleren Osten kennen. Hier schlägt das «Herz der Welt», hier steht «die Wiege der Zivilisation» und nicht im Mittelmeerraum, so Frankopan. Kein Zufall, dass ausgerechnet in diesem historisch-geografischen Raum alle Weltreligionen entstanden sind, Judentum, Christentum und Islam, Buddhismus und Hinduismus.


Bereits als Junge, zu dessen wertvollsten Besitztümern eine große Weltkarte zählte, habe er sich «über den gnadenlos engen geographischen Fokus des Schulunterrichts» geärgert, «der sich auf Westeuropa und die Vereinigten Staaten konzentrierte und den Rest der Welt größtenteils gar nicht berührte.» Die Faszination für die Weltregion Middle East war geboren. Hier einige Passagen aus dem Vorwort von «Licht aus dem Osten»:

Der Westen: kein Weltmodell


«Diese mittlere Region zwischen Ost und West, die sich grob vom östlichen Ufer des Mittelmeers und vom Schwarzen Meer bis zum Himalaya erstreckt, mag als Ausgangspunkt für die Beurteilung der Welt wenig verheißungsvoll erscheinen. Heutzutage beheimatet sie Staaten, die den Eindruck von Exotik und hinterster Provinz wecken, wie Kasachstan und Usbekistan, Kirgisistan und Turkmenistan, Tadschikistan und die Länder des Kaukasus; gemeinhin wird diese Region mit instabilen, gewalttätigen Regimen in Verbindung gebracht, die eine Gefahr für die internationale Sicherheit darstellen, wie Afghanistan, Iran, Irak und Syrien, oder die wenig Erfahrung mit demokratischen Gepflogenheiten haben, wie Russland und Aserbaidschan. (…)


Uns im Westen mögen diese Länder barbarisch erscheinen, aber sie sind keineswegs tiefste Provinz, kein unbekanntes Ödland. Genau genommen bildet die Brücke zwischen Ost und West exakt die Schnittstelle der Zivilisation. Diese Länder liegen nicht an der Peripherie der Weltpolitik, sondern mitten in ihrem Zentrum – und das schon seit Beginn der Geschichte. Hier finden wir die Wiege der Zivilisation, und viele glauben, dass hier sogar der Mensch erschaffen wurde: im Garten Eden, den «Gott der Herr pflanzte» mit «allerlei Bäumen, verlockend anzusehen und gut zu essen» und von dem gemeinhin angenommen wird, dass er in den fruchtbaren Landschaft en zwischen Euphrat und Tigris lag.


An dieser Schnittstelle von Ost und West wurden vor fast fünftausend Jahren große Metropolen gegründet; die Städte Harappa und Mohenjo-Daro im Indus-Tal waren Wunder des Altertums, mit Zehntausenden von Einwohnern und Straßen, die über ein hochentwickeltes Kanalisationssystem miteinander verbunden waren, wie man es in Europa noch Jahrtausende später nicht kannte. Weitere Zentren der Zivilisation, wie Babylon, Ninive, Uruk und Akkad in Mesopotamien, waren berühmt für ihre Pracht und architektonischen Innovationen. Ein chinesischer Geograph, der vor über zweitausend Jahren schrieb, hielt fest, dass die Bewohner von Baktrien, das südlich des Flusses Oxus (Amudarja) im heutigen Norden Afghanistans liegt, legendäre Unterhändler und Kaufleute waren. Ihre Hauptstadt beherbergte einen Markt, auf dem eine riesige Vielfalt an Erzeugnissen angeboten wurde, die von fern hergeschafft worden war.


In dieser Region sind die großen Weltreligionen entstanden; hier haben das Judentum, das Christentum, der Islam, der Buddhismus und der Hinduismus miteinander gerungen. Dies ist der Schmelztiegel, in dem Sprachgruppen miteinander wetteiferten, indoeuropäische, semitische und sinotibetische Sprachen neben den altaischen, türkischen und kaukasischen zu hören waren. Hier wurden große Imperien errichtet und zu Fall gebracht; die Nachwirkungen des Zusammenstoßes von Kulturen und rivalisierenden Mächten waren noch in Tausenden Kilometern Entfernung zu spüren. (…)


Vor nicht allzu langer Zeit teilten die Europäer den asiatischen Kontinent grob in drei Zonen ein: den Nahen, den Mittleren und den Fernen Osten. Aber wann immer ich in all den Jahren von den aktuellen Problemen gehört oder gelesen habe, kam es mir so vor, als habe die zweite Zone, der Mittlere Osten oder zumindest das, was im angelsächsischen Raum als Middle East bezeichnet wird, eine neue Bedeutung und sogar Verortung bekommen. Für gewöhnlich bezeichnen Angloamerikaner damit heute Israel, Palästina und deren Umgebung, gelegentlich auch den Persischen Golf. Mir wollte einfach nicht in den Kopf, warum mir ständig erzählt wurde, wie wichtig das Mittelmeer als Wiege der Zivilisation gewesen sei, wo doch auf der Hand lag, dass die Zivilisation nicht hier entstanden war. Der eigentliche Schmelztiegel, der «mediterrane Raum» im wörtlichen Sinn – die Mitte der Erde –, war nicht ein Meer, das Europa und Nordafrika voneinander trennte, sondern lag mitten auf dem asiatischen Kontinent. (…)»

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