24.02.2017   von rowohlt

«Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe …»

«Sie kam aus Mariupol» von Natascha Wodin: Ein literarisches Ereignis – ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2017

© Privat  +++  Das Bild zeigt Jewgenia Iwaschtschenko (1920–1956) mit ihrer Mutter Matila Iosifowna De Martino (1877–1963); etwa 1938
© Privat +++ Das Bild zeigt Jewgenia Iwaschtschenko (1920–1956) mit ihrer Mutter Matila Iosifowna De Martino (1877–1963); etwa 1938

Natascha Wodins Buch «Sie kam aus Mariupol» – ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2017 – ist das Resultat einer Spurensuche: fesselnd, literarisch dicht, beklemmend intensiv erzählt. Natascha Wodin geht dem Leben ihrer ukrainischen Mutter Jewgenia nach, die aus der Hafenstadt Mariupol stammte und mit ihrem Mann 1943 als «Ostarbeiterin» nach Deutschland verschleppt wurde. Ein Leben, zermalmt im «Reißwolf» zweier mörderischer Diktaturen – ein Schicksal, das für Millionen anderer steht. Mit diesem Buch tritt die Frau, die als junges Mädchen den Untergang ihrer Adelsfamilie im stalinistischen Terror miterlebte, aus der Anonymität heraus, bekommt ein Gesicht, das unvergesslich ist. 


BR-Bayern 2: «Natascha Wodin hat ein großartiges Buch gegen das Schweigen verfast. Das ist lebendige, anschauliche, fragende, verzweifelte, rührende Geschichtssschreibung. Auch Trauerarbeit natürlich. Ein ergreifendes Buch ...»
Der Tagesspiegel: «Die faszinierende Rekonstruktion der Familiengeschichte der Autorin ..., eine Lebenserzählung, die man mit angehaltenem Atem liest.»
kulturradio rbb/Sigrid Löffler: «Die Geschichte der Recherche selbst liest sich wie ein spannendes Abenteuer. Lakonisch, klar, nüchtern und vollkommen unpathetisch führt Natascha Wodin den Leser durch die Verästelungen ihrer Familienforschung. Sie macht keine großen Worte. Sie lässt die Dinge für sich selbst sprechen. Eine kühle Sprödigkeit, mit der Wodin jede Emotionalität zügelt, wird als Markenzeichen dieses außerordentlichen Prosa-Werks erkennbar.»
Die Zeit: «Natascha Wodin schreibt scheinbar kühl, lässt die Dokumente und ihre Recherche sprechen, doch man merkt, wie es untergründig vibriert. (...) Die katastrophalen Geschichtsbrüche des 20. Jahrhunderts werden in dieser Familienrecherche en miniature verhandelt, ohne großen rhetorischen Aufwand, aber mit existentieller Wucht.»
Deutscchlandfunk: «Natascha Wodin könnte gelingen, was den Historikern nicht zu gelingen scheint: die Geschichte der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen im Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit zu verankern.»
Die Welt: «Ein Monumentalwerk über die Grausamkeit des zwanzigsten Jahrhunderts und ein sehr privates Dokument ... Wenn die Literatur heute nur noch selten wie ein Blitz über den historischen Landschaften aufleuchtet und die Szenerie ganz anders zeigt, dann ist es hier der Fall.»

Zwangsarbeit, «eine Marginalie, ein Anhängsel des Holocaust»


Natascha Wodins «fiktionale Biografie» wirft ein scharfes Licht auf das vergessene, totgeschwiegene Thema Zwangsarbeit. «Die Überlebenden der Konzentrationslager hatten Weltliteratur hervorgebracht. Bücher über den Holocaust füllten Bibliotheken, aber die nicht-jüdischen Zwangsarbeiter, die die Vernichtung durch Arbeit überlebt hatten, schwiegen. Man hatte sie zu Millionen ins Deutsche Reich verschleppt, Konzerne, Unternehmen, Handwerksbetriebe, Bauernhöfe, Privathaushalte im ganzen Land bedienten sich nach Belieben am Kontingent der importierten Arbeitssklaven, deren maximale Ausbeutung bei geringstem Aufwand Programm war. Sie mussten unter meist unmenschlichen, KZ-ähnlichen Bedingungen die Arbeit der deutschen Männer machen, die an der Front waren, in den Heimatländern der Deportierten deren Dörfer und Städte verwüsteten, deren Familien umbrachten.»


In ihrer Laudatio bei der Verleihung des Alfred-Döblin-Preises an Natascha Wodin sagte Sigrid Löffler: «Empathie entsteht nur für einzelne Menschen … Nur an menschlichen Einzelschicksalen, wie bruchstückhaft auch immer, lässt sich aufzeigen, wie Geschichtsereignisse in individuelle Biografien eingreifen und wie grundlegend das Zeitgeschehen das Leben des Einzelnen bestimmt … Das erinnert nicht von ungefähr an die Verfahrensweise, mit der W. G. Sebald, der große deutsche Gedächtniskünstler, verlorene Lebensläufe der Vergessenheit entriss.»

Was für eine schöne Frau, was für eine unglückliche Frau …


«Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe …» Wie ein Mantra murmelte Natascha Wodins Mutter diesen Satz, immer und immer wieder – und nahm doch, was sie meinte, mit ins Grab. Als sie sich – verzweifelt, demoralisiert, bis ins Innerste vernichtet – im Oktober 1956 unweit einer Siedlung für «Heimatlose Ausländer» in die Regnitz stürzt, ist ihre Tochter zehn. Und weiß nicht viel mehr, als dass sie zu einer Art Menschenunrat gehörte, der vom Krieg übriggeblieben ist: Niemand hatte dem Mädchen erklärt, dass sie ein Kind von Zwangsarbeitern ist und in einem Barackenlager für «Displaced Persons» lebt. 


Nie hatte ihre Mutter erzählt, was sie als Mädchen, als junge Frau erlebt und erlitten hat. Und weshalb sie am Ende nur noch eines will: endlich sterben. Nie war es gelungen, eine Spur vom Leben ihrer Mutter in der Ukraine zu finden, nicht in den Suchlisten des Roten Kreuz, nicht in einschlägigen Archiven und Forschungseinrichtungen. Bis sie in einer Sommernacht des Jahres 2013 in ihrem Schreibquartier am Schaalsee den Namen Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko in die Suchmaschine des russischen Internets eintippt – und zu ihrer Verblüffung einen Link zur Webseite «Azov's Greeks» findet. Es ist der Einstieg in eine geradezu obsessive Suche, die Natascha Wodins Leben von Grund auf verändern wird. Am Ende wird sie sie alle gefunden haben, die Toten und die noch Lebenden.


Bis zu diesem Tag ist Mariupol für sie «ein innerer Ort», gemalt aus eigenen kindlichen Bildern. Sibirischer Schnee, ewige Kälte, verhärmte Menschen in trostloser Umgebung – und mittendrin die Mutter als junges Mädchen. Auf einmal bekommt Mariupol, das wirkliche Mariupol, ein Gesicht: «Ich erfuhr, dass es sich um eine Stadt mit ausgesprochen mildem Klima handelte, eine Hafenstadt am Asowschen Meer, dem flachsten und wärmsten Meer der Welt. Es war von langen und weiten Sandstränden die Rede, von Weinhügeln, endlosen Sonnenblumenfeldern (…) «Zum ersten Mal seit ihrem Tod wurde meine Mutter zu einer Person außerhalb von mir. Statt im Schnee sah ich sie plötzlich in einem leichten, hellen Sommerkleid auf einer Straße von Mariupol gehen, mit nackten Armen und Beinen, die Füße in Sandalen. Ein junges Mädchen, das nicht am kältesten und dunkelsten Ort der Welt aufgewachsen war, sondern in der Nähe der Krim, an einem warmen südlichen Meer, unter einem Himmel, der vielleicht dem über der Adria glich.»

«Meine arme, kleine, verrückt gewordene Mutter»


Ohne wirklich an einen Durchbruch zu glauben, startet Wodin auf «Azov's Greeks» eine Suchanfrage. Tatsächlich meldet sich ein Mann namens Konstantin mit ersten Informationen zu ihrer Mutter: ein Ingenieur in einem Stahlwerk im nordrussischen Tscherepowez, ein besessener Spurensucher, ein leidenschaftlicher Genealoge mit unbändiger Lust an der Rekonstruktion von Stammbäumen. Für Wodin ist Konstantin ein Geschenk des Himmels. «Er war der Zauberer, ich seine Assistentin, die Gehilfin eines Meisterdetektivs.»


Es dauert Monate, bis dank Konstantins Hilfe  – und einem weiteren unglaublichen Glücksfall, den wiedergefundenen Tagebüchern von Jewgenias älterer Schwester Lidia – aus dem Dunkel der Vergangenheit ein Bild der Familie heraustritt. Das Bild einer verzweigten ukrainisch-italienischen Familie aus den höheren Ständen, in der es vom schwerreichen Großgrundbesitzer und Fabrikanten bis zum dandyhaften Revoluzzer alles zu geben scheint. Was für eine Familie! 


Der Vater von Jewgenias Mutter: ein bolschewistischer Revolutionär, verurteilt zu zwanzig Jahren Verbannung. Ihr Bruder Sergej, Jahrgang 1915: ein bekannter Opernsänger, Parteimitglied in der Roten Armee, dekoriert mit dem Staatsorden und der Medaille für Verdienste um die Verteidigung von Stalingrad. Lidia, die neun Jahre ältere Schwester: 1933 wegen «antisowjetischer Umtriebe» in das Arbeitslager Medweshja Gora deportiert, tief in den dunklen Wäldern Kareliens, mehr als zweitausend Kilometer von Mariupol entfernt – dort, wo Armeen von Häftlinge sich beim Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals zu Tode schufteten. 

Chronik eines angekündigten Todes


Und schließlich sie selbst, Jewgenia: Zwangsarbeiterin beim deutschen Kriegsfeind, aus Leipzig mit ihrem Mann vor der Roten Armee Richtung Westen geflohen, gestrandet schließlich im Lagerschuppen einer Eisenfabrik bei Fürth.Das erste Bild, das das Mädchen Natascha von der Mutter bewusst wahrnimmt, beginnt mit einem Schrei – «der Rest besteht nur aus Augen. Augen, in denen ein Entsetzen steht, das für mich zum Inbegriff von ihr werden wird. Ein Entsetzen von weit her, weit über mich hinaus, unbegreiflich, bodenlos. Das Entsetzen, das sie meint, wenn sie sagt: ‹Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe …›»


Hunger, Todesangst, Einsamkeit, Selbstverachtung und Scham, der Verlust der im Osten verstreuten Familie – wie viel Schreckliches kann ein Mensch ertragen? Ungeliebt von ihrem Mann, überfordert von den Kindern; seelisch zerrüttet und körperlich zermürbt: Fremde, eine Entwurzelte. Eine Frau ohne Vergangenheit und ohne Zukunft. 


«Sie war nicht erst in Deutschland zum Untermenschen erklärt worden, sie war bereits in der Ukraine einer gewesen, meine arme, kleine, verrückt gewordene Mutter, die aus dem dichtesten Dunkel des blutrünstigen Jahrhunderts kam.» Am Ende gab es für sie nur noch eine Frage: Gehe ich allein in den Tod oder nehme ich die beiden Mädchen mit? Dieser abschließende vierte Teil von Natascha Wodins Buch ist erschütternd, herzzerreißend. Es ist die Chronik eines angekündigten Todes.

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