22.07.2016   von rowohlt

Wenn die Renate mit dem Kurt im Koyota

«Wissen Se, es ist ja ständig was …» Online-Omi Renate, mit 82 Jahren noch immer vergnügt und rüstig, beschäftigt sich mit den großen Fragen des Lebens

© Rudi Hurzlmeier
© Rudi Hurzlmeier

Jaja, die Renate. Mit ihren 82 Jahren hat sie so allerhand erlebt: als Reichsbahnerin, als Trümmer- und Ehefrau. Vier Männer hat sie überlebt, deren Gräber blöderweise über vier Friedhöfe Berlins verstreut sind («eine alte Frau ist kein D-Zug»). Aber ansonsten ist Renate Bergmann noch ganz schön fidel: im Kopf gut beieinander, bestens vernetzt (dank Notfallhändi, I-Mehl, Fäßbuck und Zwitter) und nach dem Hüftdrama auch körperlich wieder auf dem Damm. Und doch: Die Online-Omi ist in einem Alter, in dem man schon mal ans Ende denken kann. Wo will ich hin, wenn ich nicht mehr bin? Wie teuer darf das Büfett bei der Verabschiedung sein? Wer verhindert, dass Frau Schlode mit einem ihrer Kinderchöre am Grab auftaucht? Und vor allem: Wer, bitte schön, soll das erben, was am Ende des Tages übrig bleibt? 

Voll wegan: Smufie mit Entenklein

Eigentlich kam Renate Bergmann erst ins Grübeln, als Tochter Kirsten sich für ein paar Wochen bei ihr einnistete. Das Kind war ja immer schon ein bisschen schräg, von Anfang an lief sie leicht neben der Spur («Sie nennt es Legasthenie»). Kein Wunder, dass eine wie sie als Heilpraktikerin für Katzen im Sauerland lebt; jeder Besuch Kirstens in Brunskögel ist für Renate eine Qual. Tagein tagaus gesundes Essen, glückliche Möhren, unschuldige Äpfel, Sojapamps, kein Fleisch. Aber dafür Bio-Apfelsaft, der aussieht wie Morgenurin. All die Gespräche, über Sheng Pfui, Antiätching am Comer See, Schackrenpflege durch Joga und anderes esoterisches Zeugs – eine Heimsuchung. 


Dieses Mal aber – eitel Sonnenschein! Und das, obwohl die legasthenische Öko-Fundamentalistin ein neues Küchengerät anschleppt, einen Smufiemacher. Grüne Smufies, gelbe Smufies, rote Smufies – Gurke, Curry, Schillies! Wie schön nur, dass Kirsten keinen Schimmer hat, weshalb die pürierten Vitaminbomben aus Renates Küche so ungemein köstlich schmecken (zum Beispiel, weil ihre Mama in Guerillamanier Bürzel, Hals, Flüchtel und andere Reste vom österlichen Entenklein gnadenlos mitzerhäckselt hat). «Was glaubt das Kind denn, woher der Geschmack kommt? Von welken Gänseblümchen ja wohl nicht.» Mit der Zeit wird Renate immer kühner, aromatisiert den bunten Vitaminbrei mit einem Schuss Asbach Uralt oder was sonst so weg muss. Absoluter Höhepunkt: das Rouladen-Tannenzweig-Smufie!


So oder so, zwischen den beiden Bergmann-Damen geht es so friedlich zu, dass sich bei Renate die Nackenhaare aufstellen. Vorsicht, da kommt noch was Anderes! Und in der Tat: Eines Abends fragt Kirsten beiläufig nach Renates Lebensversicherung – daher weht der Wind: Das Kind braucht Geld! Und wofür? Es möchte seine «Praxis» zu einem Gesundheits- und Entspannungszänter für Haustiere erweitern, Wassergeburt und Aquagymnastik für Katzen inklusive. «Ich habe Kirsten SEHR deutlich gesagt, was ich von ihrer Idee halte. So deutlich, dass unser auf Smufies gebauter Frieden gleich wieder brüchig wurde und sie abgedüst ist.»


Irgendwann beschließt Renate, dass sie doch mal zur Sparkasse muss. Um zu sehen, was es alles gibt: Konto, Sparbücher, Sterbeversicherung, Bundesschatzbriefe, Pfandbriefe, was weiß sie denn. Dort erfährt sie von ihrem Bankberater, einem Jungschen erster Güte, man habe irrtümlicherweise Renates Geld in Aktien angelegt. Aber bevor sie jetzt einen Tobsuchtsanfall bekomme, solle sie bitteschön mal auf den aktuellen Auszug ihres Depots schauen. Renate schaut – und erbleicht. Sie ist reich! Reich!!!


Was Renate Bergmann sonst noch so denkt, lesen Sie am besten in ihrem ganz schön coolen neuen Buch nach. Um was es da geht? Ehrlich gesagt: um (fast) alles!

Erbschleicher, Flachmänner & Tupperdosen beim Leichenschmaus

Nach '45. «Ich hab doch nicht nach '45 Steine geklopft, um heute kalt zu duschen!»


Erben? «Alles verjubelt, nichts verschenkt, das ist das beste Testament.»


«That's my ge-ge-generation» (The Who).  «Unsere Generation hat schließlich schon mehr überstanden als ein bisschen Schnupfen. Den Krieg, die Mauer und 30 Jahre Lindenstraße zum Beispiel.»


Kinder. «Kinder sind wie Griechenland. Erst nehmen sie gerne das Geld, und dann gehen se undankbar ihrer Wege.»


Fachmann & Flachmann. «Bei großen Problemen hilft der Fachmann, bei kleinen reicht ein Flachmann.»


So was von wegan! «Wenn diese Weganer immer auf ihren Körnern rumkauen, könnte ich weinen. Was man aus dem schönen Kern nicht Leckeres brennen könnte!» 


VW-Skandal. «Gott sei Dank haben Ilse und Kurt einen Koyota und keinen VW. Wir haben am Auspuff gerochen, da ist alles in Ordnung mit dem Abgas.»


Heiraten – weshalb? «Bei Gertrud mache ich mir keine Gedanken … Da blickt ja keiner durch, nicht mal Gertrud selbst. Als ich angeregt habe, die Verhältnisse mit einer zweiten Ehe zu ordnen, hat sie zu mir gesagt: ‹Renate, wer kauft schon ein ganzes Schwein, nur weil er ab und zu mal Wurst essen will?› Da war ich baff und mir fiel nichts mehr ein. Was Männer betrifft, war Gertrud schon immer eine, die gern à la carte gelebt hat.»


Beerdigung & Leichenschmaus. «Man kommt mal raus, lernt nette Leute kennen und kann reichlich und gut essen. (…) Eine Zeitlang sind wir mit Kühltasche gegangen … aber man soll es nicht übertreiben. Wir gehen lieber einmal öfter. Ich habe nur noch die Aufschnittdose dabei: Da passen acht Stück Zuckerkuchen rein, ein gutes Pfund Aufschnitt, zwei Portionen ‹Märkische Hochzeitssuppe mit Klößchen› oder sechs Scheiben gemischter Braten mit Soße und Gemüse, je nachdem, was es gibt.»

Bergmännische Gefühle, Heiratsgründe & die Nacht mit Udo

Gefühle, oh ja! «Auch eine Renate Bergmann hat schließlich Gefühle. Sagte ich das schon?»


Blind wie Harry … «Nawi ist, wenn man trotzdem ankommt.»


Spaß muss sein. «Mich habe heute zwei junge Fräuleins nach dem Weg zum Solarium gefragt. Ich habe sie zum Krematorium gelotst. Ein kleiner Spaß ab und an hält einen jung.»


Udo 1! «Ich bereue nichts im Leben, nicht mal die Nacht mit Udo Jürgens.»


Udo 2! «Wir waren dann zwei Jahre später auf einem Konzert vom Herrn Jürgens, ach, das war schön. Der hat noch anständige Musik gemacht zum Klatschen und Mitsingen, und doch so, dass die Texte einen nachdenken ließen. Ein toller Mann war das, fast mein Jahrgang. Aber es war ja kein Rankommen an ihn, und immer, wenn er mal auf Konzert kam, war ich gerade verheiratet. Das ist schade, weil sein weißer Bademantel hübsch ausgesehen hätte zu meinem Dederonkimoni …»


Kurt & Ilse. «Kurt sagt ja auch nicht viel … Kurt sagt, dass Frauen 30.000 Worte am Tag sprechen müssen, weil sie sonst Kopfschmerzen kriegen, und da er auf Nummer sicher gehen will, lässt er Ilse seinen Anteil mitsagen, damit sie sich nicht wiederholen muss. ein richtiger Witzbold ist unser Kurt!»


Wort zum Sonntag. «Man muss nicht immer das Richtige tun, es reicht schon, wenn man das Falsche lässt.»


Begrenzte Haltbarkeit. «Ich bin bestimmt keine schlechte Hausfrau, aber Weihnachtssterne und Ehemänner habe ich immer nur mit Mühe über den Winter gebracht.»

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