30.05.2018   von rowohlt

«Was, wenn ich nicht Siri bin?»

«Im Zweifel für den Zweifel»: Neues von Siri Hustvedt, der Weltenwanderin zwischen Natur- und Geisteswissenschaften

© Coverausschnitt (Gestaltung: Christopher Lin)
© Coverausschnitt (Gestaltung: Christopher Lin)

Was ist der Verstand? Wie unterscheidet er sich vom Körper? Kann der Verstand auf Neuronen im Gehirn reduziert werden oder nicht? In ihren Essays nimmt sich Siri Hustvedt das uralte, noch immer nicht gelöste Geist-Körper-Problem vor und macht deutlich, wie massiv die unterschiedlichen Antworten auf diese Frage unser Verständnis von uns selbst prägen. Mit ihrem multidisziplinären Zugang zeigt Hustvedt, wie sehr ungerechtfertigte Annahmen über Körper und Geist das Denken der Neurowissenschaftler, Genetiker, Psychiater, Evolutionspsychologen und der Forscher zur Künstlichen Intelligenz verzerrt und verwirrt hat. Radikaler Zweifel ist eine Tugend. Und über allem gilt: Keine Idee ist unantastbar.

Stimmen zu «Die Illusion der Gewissheit»


Sofia Glasl, Süddeutsche Zeitung: «Es ist eine reine Freude, ihr dabei zuzusehen, wie sie bestehende Forschungsbereiche und -positionen miteinander in Beziehung setzt. „Die Illusion der Gewissheit“ liest sich wie eine hybride Poetik des Geistes, hier münden Hustvedts literarisches Werk und ihre wissenschaftlichen und philosophischen Essays in eine ganz eigene Variante poetischer Gelehrsamkeit.»
Gert Scobel, Philosophie Magazin: «Hustvedt stellt auf 400 gut zu lesenden Seiten präzise Fragen – und schafft etwas, das selten geworden ist im Kontext akademischer Reflexion: Sie verbindet Evolutionsbiologie mit Philosophiegeschichte, Seele mit Neuronen, künstliche Intelligenz mit Körperbewusstsein – und all das vor einem Hintergrund, der von Descartes und Turing über Steve Pinker und Thomas Nagel bis zu den tonangebenden Physikern und Neurowissenschaftlern reicht.»
taz: «Ein brillant geschriebener Langessay ... Die Wahrheit, so empfindet man bei der Lektüre, liegt nicht irgendwo da draußen, sondern genau hier: in der Klarheit und Offenheit dieser Argumentation und der schlichten Schönheit dieser Sprache.»
Die Welt: «Hustvedt versteht es, ihrem Leser viele seiner Gewissheiten zu nehmen, ihn aber gleichzieitg mit einer obsessiven Wissbegierde anzustecken. Produktiver kann einem nicht gesagt werden, dass man nichts weiß.»
Missy Magazine: «Sie vertritt ihre streitbare und scharfsinnige Position, ohne sich über andere und anderes zu stellen, nicht über Körperlichkeit, nicht über andere Perspektiven, nicht über Zweifel. In Zeiten immer schnellerer, schrillerer Debatten und immer dumpferer Totalisierungen ist das eine echte Wohltat.»

«Ich fühlt’ den Spalt in meinem Geist …


… als wär’ mein Hirn zerteilt», heißt es in einem Gedicht von Emily Dickinson – Siri Hustvedt hat es ihrem Buch «Die zitternde Frau» vorangestellt. Darin reflektiert sie ein beunruhigendes Phänomen, das sich bei ihr zum ersten Mal bei der Trauerfeier für ihren 2003 verstorbenen Vater Lloyd Hustvedt zeigte: ein unkontrollierbares Zittern. «Ich öffnete den Mund zu meinem ersten Satz und begann vom Hals an abwärts zu zittern. Meine Arme zuckten. Die Knie knickten ein. Ich zitterte so stark, als hätte ich einen Krampfanfall. Komischerweise war meine Stimme nicht betroffen.»


Seit damals hat sich Siri Hustvedt, die an der psychiatrischen Abteilung des Weill Medical College in Cornell lehrt, neben ihrer explizit literarischen Arbeit  immer wieder mit beeindruckenden Essays zu Wort gemeldet: «Leben, Denken, Schauen», «Nicht hier, nicht dort», «Being a Man». Wer gleichermaßen in Geistes- und Naturwissenschaften zu Hause ist, führt zwangsläufig ein publizistisches Doppelleben – nur Fiktion reicht ihr nicht.


«Siri Hustvedt verkörpert einen Typus der Intellektuellen, der heutzutage eigentlich fast ausgestorben ist», schreibt Katharina Granzin in der taz. «Ursprünglich Dichterin, Romanautorin und promovierte Literaturwissenschaftlerin, hat die 63-Jährige sich zu einer Art Universalgelehrten entwickelt. Romane schreibt Hustvedt weiterhin, doch ebenso viel Zeit widmet sie dem Schreiben über wissenschaftliche und philosophische Themen.» 


Zum Einlesen hier einige Passagen aus Hustvedts neuem Werk:

Der Zweifel als notwendige Voraussetzung der Intelligenz


Was der Mensch ist. «Allen euphorischen Prognosen zum Trotz, der technologische Fortschritt werde bald zu künstlichen Gebärmüttern und zur Unsterblichkeit führen, gilt nach wie vor, dass jeder Mensch aus dem Körper seiner Mutter geboren wird und jeder Mensch einmal stirbt. Niemand trifft die Wahl, geboren zu werden, und auch wenn sich manche Menschen fürs Sterben entscheiden, wollten es viele von uns lieber nicht. Anfang und Ende, Leben und Tod sind keine einfachen Konzepte. Wann ‹das Leben› beginnt, ist seit jeher eine philosophische Frage und Schauplatz erbitterter politischer Auseinandersetzungen.
Was den ‹Tod› ausmacht, ist ebenfalls ungewiss, auch wenn jeder Zweifel schwindet, sobald ein Leichnam zu verwesen beginnt. Gleichwohl nimmt jedes Säugetier seinen Anfang im mütterlichen Raum. Und dennoch spielt der offenkundige Umstand, dass der Fötus, der jeder von uns einmal war, körperlich mit seiner Mutter verbunden ist und ohne sie nicht überleben kann, kaum eine Rolle im Mainstream der philosophischen und naturwissenschaftlichen Debatten, die sich mit der Frage beschäftigen, was der Mensch ist. (…)
Wir Menschen kommen aus dem Körper unserer Mutter auf die Welt, und wir verlassen diese Welt, wenn unser eigener Körper auf die eine oder andere Weise aufgibt. Nehmen der Geist und ein damit einhergehendes Bewusstsein bei der Geburt ihren Anfang und enden mit dem Tod? Wo genau ist der Geist im Körper verortet? Kann allein das Gehirn denken, oder können andere Organe das in gewisser Weise auch? Was ist Denken? Warum glauben manche Wissenschaftler heute, man könne den Tod durch einen künstlichen Geist überwinden, und zwar nicht in einem paradiesischen Jenseits, sondern hier auf Erden?


Woraus Gedanken bestehen. «Sinneswahrnehmung und Phantasie haben in Descartes’ Philosophie zwar einen Platz, doch wir verstehen nur mit Hilfe des Verstands, was wir sehen, fühlen, berühren, schmecken, riechen, hören und uns vorstellen. Der Körper mit seinen Erinnerungen, Einbildungen und Leidenschaften spielt mit Geist und Verstand zusammen, aber sie sind aus unterschiedlichem Stoff. Diese Trennung von Psyche und Soma bleibt ein bis in die Gegenwartskultur hineinwirkender Gemeinplatz. ‹It’s all in your mind – Das bildest du dir nur ein!› lautet die Kurzform, um anzudeuten, der Freund oder die Freundin habe ein ‹psychologisches›, ein ‹mentales› Problem. Ein gebrochenes Bein dagegen ist ein handfestes ‹physisches› Problem, man kann es richten und eingipsen. 


Woraus aber bestehen Gedanken? Und woher kommen sie, wenn nicht aus unserem Körper? Als Kind, wenn mir die Welt und ich mir selbst auf einmal fremd erschien, machte ich mir manchmal Gedanken über das Denken. Was, wenn ich nicht Siri bin?
Was wäre, wenn ich nur im Traum einer anderen Person existierte? Und wenn die Welt eine Welt in einer anderen Welt in einer anderen Welt wäre? Wer sind wir, und wie können wir wissen, wer wir sind? Wie kann es sein, dass wir im Kopf mit uns selbst sprechen können? Was sind Wörter?»


Was Biologie und was Kultur ist. «Für mich gibt es keinerlei Gründe, Geschlechtsunterschiede zu verleugnen. Viele sind augenfällig, wie Bartwuchs, Brüste, Penis und Klitoris, Vulva und das Timbre der Stimme. Die Frage ist jedoch, wie signifikant diese Unterschiede sind und was man unter psychologischen Geschlechterdifferenzen versteht. (…) Bei der Geburt meiner Tochter im Jahr 1987 machte ich Qualen durch, die allein Frauen vorbehalten bleiben; doch selbst dieser natürliche Umstand ist kein schlüssiger Grund für die scharfe Trennung zwischen Biologie und Kultur, zwischen nature und nurture. (…)
Gleichzeitig hatte ich während der Geburt besonders stark den Eindruck, dass mein Geist und mein Körper nicht eins sind, dass ich, wenn ich sprach, nur Zeugin dieser merkwürdigen Verkrümmungen meines Körperselbst war. Meine innere Erzählerin, die unaufhörlich Sätze im Kopf formulierte, war keine Beteiligte am, sondern Kommentatorin des Geschehens. Auch diese Erfahrung ist Teil des Körper-Geist-Dilemmas und muss erklärt werden. Das Baby wurde geboren, ob das meiner inneren Erzählerin passte oder nicht. Andererseits können meine Erzählung und mein Verständnis des Geschehens doch wohl nicht nur als bloß über den Dingen schwebende, psychische Phänomene gedeutet werden? Ich wollte dieses Baby, hatte die Ankunft des kleinen Menschleins voll Ungeduld herbeigesehnt und es, trotz Qualen und Oxytocin, unter wonnigen Krämpfen aus mir herausgepresst. Doch mein individuelles Erleben ist kaum verallgemeinerbar. Es war charakteristisch für mich, für meinen Körper in einer bestimmten und als eine bestimmte Situation. Es ist nicht schwer, diese Geschichte anders zu erzählen, diese Erfahrung vollkommen zu verändern …»


Was wir alles nicht wissen. «‹Ich weiß nicht, wer mich in die Welt gesetzt hat, und auch nicht, was die Welt und ich selbst sind. Ich bin schrecklich unwissend in allen Dingen. Ich weiß nicht, was mein Körper, meine Sinne, meine Seele und selbst jener Teil meines Ichs sind, der denkt, was ich sage, der über alles und über sich selbst Betrachtungen anstelltund sich nicht mehr als das übrige erkennt.›
Das schrieb Blaise Pascal, der Mathematiker, Physiker, Religionsphilosoph, in seinen Gedanken, einer Sammlung von Notizen für ein Werk, das er nicht mehr vollenden sollte, das aber sieben Jahre nach seinem Tod 1669 veröffentlicht wurde. Pascal wusste über eine Menge Dinge Bescheid. Er erfand eine Rechenmaschine, die Spritze, die Hydraulikpresse, einen Rouletteautomaten, und er gründete ein Droschkenunternehmen, das zum Vorläufer des öffentlichen Nahverkehrs wurde. Seine Studien über den Luftdruck führten zu dem nach ihm benannten Pascal’schen Gesetz. Er hinterließ der Geometrie und Mathematik viele Lehrsätze. 


Und doch sollte man sein Bekenntnis zur Unwissenheit ernst nehmen. Die Bereiche, in denen er sich zum Unwissenden erklärt – die Seele oder Psyche, der über die Sinne erlebende Körper und das selbstreflexive Bewusstsein, der Teil des Menschen, der über die Welt, die ihn umgibt, über sich selbst und die eigenen Gedanken nachdenken kann – , bleiben ein größeres Rätsel als die allgemeine Relativitätstheorie.


Das mag schwer zu akzeptieren sein, denn wenn es einen mit abgehobenem und exklusivem Wissen verbundenen Bereich gibt, dann ist das die Physik – was könnte auch wichtiger sein, als die verborgenen Gesetze des Universums zu entschlüsseln? Und doch liefern die Physiker, die sich an den Debatten über Bewusstsein und Geist beteiligt haben, nicht eine Antwort; sie liefern ganz unterschiedliche Antworten …»

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