16.02.2017   von rowohlt

Was, wenn es doch ganz anders war?

Scott Bergstroms rasanter Thriller «Cruelty» – ein Buch wie ein Blockbuster

© Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich; Jason A. Knowles
© Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich; Jason A. Knowles

Vor zehn Jahren wurde Gwendolyn Blooms Mutter ermordet, jetzt hat sie nur noch ihren Vater. Gwen reagiert verstört, als sie von Beamten des Diplomatischen Sicherheitsdienstes erfährt, William Bloom sei in Wahrheit CIA-Agent – und bei einem Einsatz in Paris spurlos verschwunden. Wurde ihr Vater entführt? War er ein Doppelagent, der dem amerikanischen Geheimdienst den Rücken kehren wollte?  Als die CIA die Ermittlungen auf Eis legt, macht Gwen sich selbst auf die Suche. Ihre einzige Spur: der Kontaktmann ihres Vaters in Paris. Die erste Lektion, die sie lernen muss: Hast du es mit skrupellosen Waffenschiebern, Drogendealern und Menschenhändlern zu tun hast, dann setze dich mit aller Härte und Grausamkeit zur Wehr. Sonst bist du das nächste Opfer.


Man muss nur die ersten Sätze des Romans lesen – und weiß: Das hier ist toller Thrillerstoff! Mit einer Heldin, deren Reise ins Herz der Gewalt man fiebernd verfolgt. Von einem Autor, der auf den Punkt schreibt: mitreißend, tough, schnörkellos. Scott Bergstrom ist eine Entdeckung. Jahrelang arbeitete er als Texter und Creative Director in einer der bedeutendsten Werbeagenturen in Manhattan, wo er Print- und Onlinekampagnen für Firmen wie Ford, Boeing und Chase entwickelte. Kein Wunder, dass sein Debütroman «Cruelty» in 20 Ländern erscheint und in Hollywood verfilmt wird – von Kinohit-Produzent Jerry Bruckheimer («Fluch der Karibik», «Armageddon»). 

Ein dreckiges Geschäft in einer dreckigen Welt


Gwen ist ein besonderes Mädchen, in jeder Hinsicht. Als Albert Camus' «Der Fremde» als Schullektüre ansteht, winkt sie müde ab. Sie hat den Roman schon mit vierzehn gelesen, im französischen Original, versteht sich. Gwen liebt Jazz: Charlie Parker, Monk, Duke Ellington, Miles Davis, Sonny Rollins. Der einzige, der diese Leidenschaft teilt, ist ein junger Schwarzer, der IT-Nerd aus ihrer Klasse – Terrance, der bei ihrer riskanten Mission zu ihrem wichtigsten Verbündeten werden wird. 


Laut Pass ist Gwen Amerikanerin. «Aber ich bin nicht hier geboren, und als ich Anfang September in die 11. Klasse kam, war ich insgesamt erst seit achtzehn Monaten in den USA gewesen, nachdem meine Mutter getötet worden war. Wir – mein Dad und ich – sind zuletzt nach New York gekommen, weil er eine Stelle bei der UN angenommen hat, was nicht weit von meiner Schule liegt, der Danton Academy.» Geboren in einem Militärkrankenhaus in Deutschland, mal hier, mal dort zu Hause. Algier, Dubai, Moskau, New York – immer sind sie den Jobs ihres Vaters hinterhergezogen. Gwens Mutter starb damals in Algier, als die Familie mit ihrem Auto in eine Auseinandersetzung zwischen schwerbewaffneter Militärpolizei und einem aufgebrachten Mob geriet.


Als Geheimdiensttypen die Wohnung auf den Kopf stellen, um belastendes Material gegen ihren Vater zu finden, bricht für Gwen eine Welt zusammen. Was, wenn ihr Vater nicht der war, für den sie ihn immer gehalten hat? Was, wenn ihr ganzes Leben auf einer Lüge beruhte? Gwens einziger Halt in diesen schweren Tagen sind Bela und Lili Atzmon, die unten im Haus einen Schreibwarenladen führen. Bela ist mit seinen achtzig Jahren die Freundlichkeit und Gelassenheit in Person. Dass er einmal Stifte und Papier in New York verkaufen würde, war ihm biografisch nicht vorgezeichnet: Nach dem 1956 von sowjetischen Panzern niedergeschlagenen Ungarn-Aufstand hatte man ihn, den jungen Chemie-Professor, ins Gefängnis geworfen. Mit seiner Freundin Lili gelang Bela Atzmon die Flucht ins Ausland. Kein Wunder, dass sich irgendwann der israelische Geheimdienst Mossad für einen wie ihn zu interessieren begann.

Was tust du, wenn man dir das Liebste nimmt?


Auf das Angebot ihrer Tante, sie mit zu ihrer Familie nach Texas zu nehmen, geht Gwen nicht ein. Sie will ihren verschwundenen Vater suchen, koste es, was es wolle. Dafür muss sie nach Paris; William Blooms Kontaktmann in der französischen Hauptstadt ist ihre einzige Spur – neben einer alten zerfledderten Ausgabe von George Orwells «1984» (die sie zu einer mysteriösen Zahlenkombination führen wird …) 


Auch Bela Atzmon kann das Mädchen nicht umstimmen. Aber er sorgt dafür, dass sich in Paris jemand um die Siebzehnjährige kümmert. Jemand, der sich keine Illusionen macht über die Typen, mit denen Gwen es bei ihrer Mission zu tun haben wird. Jemand, der Gwen das Kämpfen beibringen wird, das Täuschen und Tricksen. Und auch das Töten. Dieser Jemand ist Yael – beziehungsweise «die Frau, die sich Yael nennt». Ende dreißig, hübsch, schwarze wilde Haare, Tanzlehrerin. Und Schläferin des israelischen Geheimdienstes in Paris. Ihre Jobbeschreibung: «Ich bringe dir bei, wie du es schaffst, dich nicht umzubringen zu lassen.» 


Yaels Trainingsprogramm ist knallhart – und der anschließende Praxistest brutal. Wer in den Krieg zieht, sollte für alle Schlachten gerüstet sein. «Anders als bei Karate oder Kung-Fu gibt es keinen Ehrenkodex bei Krav Maga, jedenfalls nicht in der Version, die ich unterrichte», erklärt Yael. «Es ist der pure Straßenkampf. Wir gebrauchen unsere Zähne, unsere Fingernägel, alles, was wir haben. Es gibt keine Grenzen und Regeln» … außer einigen wenigen. Regel Nummer 1: Du bist im Krieg, alles ist erlaubt. Regel Nummer 2: Du kämpfst nicht gegen einen Gegner, du kämpfst gegen einen Feind. Regel Nummer drei: «Wenn du deinen Feind nicht töten musst, kannst du ihn verletzen. Schieß ihm ins Bein, oder wenn du ein Messer hast, schneid ihm die Achillessehne durch.» 

«Sag ihnen, es hat ein Massaker gegeben…»


Schritt für Schritt formt Yael aus Gwen eine Kämpferin, eine Kriegerin. Eine zu allem entschlossene junge Frau mit neuem Outfit, neuem Pass, neuem Namen, neuer Identität: Sofija Timurovna Kozlovskaja, 22 Jahre alt, Russin. «Fang an, dir dein Leben auszudenken, Sofija.»


Als einer von Yaels Informanten in Paris im Beisein von Gwen kaltblütig exekutiert wird, führt sie die Suche nach den Kidnappern ihres Vaters zuerst nach Berlin, dann nach Prag.  Sie hat nur eine Chance, herauszufinden, ob ihr Vater noch lebt und wo er festgehalten wird: Sie muss das Vertrauen von Bohdan Kladivo, des «Paten von Prag»,  gewinnen, der mit seiner «Armee des Schreckens» alle rentablen Verbrechenszweige östlich von Berlin monopolisiert zu haben scheint: Drogen, Waffen, Prostitution, Geldwäsche, Auftragsmorde. 


Bei all dem lässt Gwen eine Frage keine Ruhe: War ihr Vater tatsächlich der loyale, korrekte amerikanische Patriot, für den ihn alle gehalten haben? Oder wurde er zum «Verräter an der nationalen Sache», indem er sich an einen ausländischen Geheimdienst verkaufte? Oder gar auf eigene Rechnung hinter Viktor Zoric her war, der mit allem handelte, was man in der globalisierten Ökonomie des Verbrechens zu Geld zu machen kann, Waffen, Drogen, Informationen, Frauen? Zoric ist tot, erschossen in Belgrad. Aber wo ist William Bloom?


Das herauszufinden ist für Gwen eine Frage der Zeit in einem Spiel auf Leben und Tod …

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