27.04.2016   von rowohlt

Was heißt hier Unkraut?!

Huflattich, Liebesgras, Vogelknöterich: Mit Extrembotaniker Jürgen Feder unterwegs auf neuen Entdeckungstouren

© Thorsten Wulff, Lübeck
© Thorsten Wulff, Lübeck

Botanisch betrachtet ist Deutschland ein Dschungel. Wer das nicht glauben mag, kommt beim passionierten Botaniker Jürgen Feder aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nachdem er in seinem Bestseller «Feders fabelhafte Pflanzenwelt» unseren Blick für florale Schönheiten zwischen Sächsischer Schweiz und Kyffhäuser, Teufelsmoor und Mittellandkanal geschärft hat, lernen wir nun die Reize der städtischen Flora kennen (und schätzen). Zehn Städtetouren der ganz anderen Art – Wildwuchs, wohin das Auge schaut! 


Bettina Tietjen: «Früher habe ich Unkraut achtlos links liegengelassen. Bis ich Jürgen Feder begegnet bin! Die Leidenschaft des Extrembotanikers ist extrem ansteckend. Lesen! Staunen! Pflücken!»


Wo Jürgen Feder überall gesucht und gefunden hat? In Frankfurt (im alten und neuen Westhafen am Gutleutviertel), München (im Englischen Garten), Düsseldorf (zu beiden Seiten der Kö), Bremen (längs der Weser zwischen City und Werder-Stadion), Leipzig (auf dem großen Güterbahnhof). Außerdem in Stuttgart (im Höhenpark Killesberg), Essen (auf dem Gelände der Zeche Zollverein), Dresden (an der Elbe zwischen Marien- und Augustusbrücke), Berlin (im östlichen Tiergarten). Und natürlich in Hamburg, und zwar auf, neben und unter dem Altonaer Balkon. Das, was er dort gesehen hat, beschreibt Feder mit so viel Begeisterung und Witz, Präzision und poetischer Fabulierfreude, dass man sich Bettina Tietjen nur anschließen kann. Unkraut (das sogenannte) werden wir nach dieser Lektüre mit anderen Augen sehen.


Wir schalten jetzt direkt zum Altonaer Balkon, zu unserem Außenreporter Jürgen Feder …

«Hamburg, meine Perle …»

«Diese Steilhänge – ich liebe sie. Ich mag es, von oben auf etwas hinunterzugucken, den Blick in die Ferne schweifen zu lassen. Als Kind bin ich mit meinen Eltern nur zu gern in Bielefeld auf die Sparrenburg gestiegen, diese mächtige Festungsanlage, oder auf die Berge der Porta Westfalica bei Minden, das Ostende vom Wiehen- und der Westanfang vom Wesergebirge. Oder auf die Ravensburg bei Borgholzhausen – obwohl, wirklich so gerne?


In den dicken Familienschinken gibt es ein altes Foto, ich muss da so zehn gewesen sein: Alle auf der Ravensburg sind ganz vergnügt, nur ich hocke flennend auf der Burgmitte und traue mich nicht an den Rand – als ältestes Kind, wohlgemerkt! Hier, auf dem Altonaer Balkon in Hamburg, ist die Lage weniger dramatisch, aber ebenfalls ganz exponiert: ein atemberaubender Blick auf die Norderelbe und den Containerhafen, auf die elegant geschwungene Köhlbrandbrücke. Einige Segelschiffe trudeln schon ein, denn morgen ist der 8. Mai, und der alljährliche Hafengeburtstag wird mit Schlepperballett und Windjammerparade groß gefeiert.


Hinter mir in strahlendem Weiß und ganz klassizistisch das Altonaer Rathaus auf dem Platz der Republik, vor dem eine Braut und ein Bräutigam warten, um sich im Standesamt das Jawort zu geben. Einst ist das Rathaus ein Bahnhof gewesen, den man dann nach Norden verlegte. Durch die alten Trassen sind aber viele Pflanzen angereist gekommen, weshalb der Hamburger Stadtteil Altona ein riesiger Garten ist. Doch weder die morgigen Hafengeburtstagsbesucher, das künftige Ehepaar, die paar Gammler noch alle sonst hin und her hastenden Leute werden sich für diese alte Böschung mit Sonnenlage, Parkstreifen, Bänken, Treppen, Verstecken und hoher pflanzlicher Vielfalt interessieren. 


Zu dumm, denn sie verpassen hier einiges. Besser daher: Auch mal die Augen auf und den Blick nach unten! Einst stand an diesem Steilhang – immerhin siebenundzwanzig Meter hoch über der Elbe – ein großartiger Wald mit Ahorn, Esche, Hainbuche, Eiche und wohl auch ein paar Rot-Buchen. Er zog sich an der Elbe entlang abwärts bis nach Wedel. Jetzt sind nur noch ein paar Relikte übrig, hier in Form einer wunderschönen Parkanlage – eine perfekte Flaniermeile, bevorzugt genutzt von Hamburger Bürgern, mit oder ohne Kind, mit oder ohne Hund, mit oder ohne Decke.

Schön scharlachrot. Und ganz schön giftig …

Ich beginne aber nicht direkt an der Böschung, sondern auf einem kleinen Spielplatz gegenüber. Dort gibt es hölzerne Elefanten, auf denen Jungen und Mädchen «reiten» können. Und mitten in dieser bunt angemalten Elefantenherde liegt ein Gelände, in dem die Rotfrüchtige Zaunrübe (Bryonia dioica) gedeiht, eine typische Schlingpflanzenart, ein echter Klettermaxe, der jetzt im Mai noch nicht blüht, aber verzweifelt nach Möglichkeiten zum Ranken sucht. Die Zaunrübe reckt und streckt sich, kann bis zu vier Meter hoch werden, kriecht ungehemmt ins Gehölz hinein und versucht, ihre vielen kleinen Korkenzieher an den Mann, nein, an den Wirt zu bringen. Ihre Blüten sind klein und grünlich-weiß, dann bekommen sie erbsengroße Beeren. Zuerst sind diese noch grün, ab Mitte/Ende Juli bis in den Oktober leuchten sie dann weithin knallrot – einfach nicht zu übersehen. 


Die Beeren aber bitte nicht essen, sie sind sehr giftig. Einst wurden sie trotzdem gefuttert, litt man nämlich unter Verstopfung. Na ja, das muss ich hier jetzt nicht näher ausführen. Die Rübe kommt übrigens in Städten ganz gut voran, weil Schwarzdrosseln die scharlachroten Kugeln fressen und dann irgendwo – platsch! – ausscheiden. Die Zaunrübe hat trotz ihrer Giftigkeit große Bedeutung in der Homöopathie, sie soll gegen Schwindel, Übelkeit, Fieber oder Rheuma helfen. Die Bandbreite ist wirklich enorm. 


Und was sehe ich denn da? Neben ihr wächst ja Hopfen, den reiße ich hier gleich mal raus. Das ist doch eine störrische Liane, ein wüster Drängler, ohne Taktgefühl, ganz im Gegensatz zur Zaunrübe. Die würde ich niemals rausrupfen, die streichle ich eher. Und «Rübe» heißt sie, weil sie extrem dicke Wurzeln hat, die wie ein Trichter aussehen, richtige Apparate sind das. Die Rotfrüchtige Zaunrübe ist für mich eine Stadtpflanze des Hintergrunds, der Ausdauer, der Gesten und der Grazie. Traurig sieht sie dann aber aus, wenn sie im Herbst abgerupft und vertrocknet im Geäst hängt und so zum Spielball des Winds wird.

«Zwölf Monate im Blütenwahn, mehr geht nicht»

Richtig apart nimmt sich auch ihre Nachbarin auf dem grünen Rasen aus, Miss Bellis perennis, was nichts anderes heißt, als dass sie das gesamte Jahr über (perennis) schön und anmutig (bellis) ist, und das stimmt hundertprozentig: Gemeint ist das Gänseblümchen, jeder kennt es! Seine zungenartigen rosa-weißen Strahlenblüten liegen wie ein Wimpernkranz um gelbe Röhrenblüten, und sie trauen sich tatsächlich was. Sie sind, und das stimmt wirklich, zwölf Monate im Blütenwahn, mehr geht nicht …»

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