25.02.2016   von rowohlt

«Was für ein kaputtes, krankes, verwüstetes Leben»

Heinz Strunks neuer Roman «Der goldene Handschuh» steht auf der Shortlist zum Preis der Leipziger Buchmesse

© ullstein bild; cg-textures
© ullstein bild; cg-textures

Fritz Honka, der «Frauenmörder von St. Pauli», war für in den siebziger Jahren aufgewachsene Deutsche so etwas wie das personifizierte Böse, das schwarze Gespenst ihrer Kindheit. Und ein Fest für die nach grellen Überschriften gierende Boulevardpresse:  «Vier Frauen von Nachtwächter geköpft und zerhackt» (BILD-Zeitung), «Das Brett, auf dem Honka die Frauen zersägte» (Morgenpost). In seinem dokumentarischen Roman «Der goldene Handschuh» zeichnet Heinz Strunk ohne jede Außenseiterromantik das Elendsmilieu, in dem Honka sich bewegte – «ein düsteres Gegenbild zu den hellen Selbstentwürfen der alten Bundesrepublik» (taz). Und er zeigt, wie weit Einfühlung gehen kann.



Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: «Ein todtrauriges Leben in Suff und Unglück, ein großartiges Buch.»


BR/Bayern 2: «Mit einem absoluten Gehör für die Absurdität und latente Komik von deliranten Dialogen hat Heinz Strunk einen brillanten, atmosphärisch hackendichten Roman geschrieben.»


Die Zeit: «Strunks Sprache ist präzise und erbarmungslos, aber nie herablassend. »


die tageszeitung: «Ein faszinierend unheimlicher Roman, der Facetten aufzeigt, die die Gegenwart hinter sich gelassen hat, die aber weiterhin in ihr gären.»


FAZ: «Heinz Strunk ist das Stilwunder gelungen, ohne Kälte lakonisch zu schreiben. (…) Dieses Buch ist eine Zumutung, eine große und zugleich humane Zumutung. Jedenfalls dann, wenn zu bedeutender Literatur gehört, den Blick von nichts abzuwenden.»


Stern: «Strunks Geniestreich ist dabei sein Blick auf diese Tristesse: Indem er nichts dramatisiert, trifft er den Leser erst recht mit dem Hammer … Der ‹Handschuh› ist Strunks Meisterwerk.»


NZZ: « Strunks formvollendeter Roman  dokumentiert die Genese des Fritz Honka zu einem der abscheulichsten Frauenmörder der siebziger Jahre.»

Honkas kaputte Welt

Fritz Honka wird 1935 in Leipzig als drittes von zehn Kindern geboren. Als er fünf ist, schlägt ihn sein Vater halb tot. Weil die Mutter mit den vielen Kindern heillos überfordert ist, wächst der Junge in Leipziger Kinderheimen auf. Eine Maurerlehre bricht er allergiebedingt ab – «Zementkrätze, was für ein entsetzlicher Name für eine entsetzliche Krankheit». Ein Selbstmordversuch. Mit 16 aus der DDR in den Westen. Ein schwerer Unfall beschert ihm ein entstelltes Gesicht.  Mit 17 ist er auf ein Hilfsarbeiterleben festgelegt. Aus dieser Mühle ist Honka zeit seines Lebens nicht rausgekommen. Erneuter Selbstmordversuch – Honka will sich erhängen, «doch findet sich auf dem Hof kein Schemel oder Stuhl, auf den er sich stellen könnte, oder der Wachhund schlägt an oder sonst was hindert ihn an seinem Vorhaben.»


In Hamburg wird der Goldene Handschuh zu Honkas zweitem Zuhause. Die Absturz- und Abschleppkneipe in St. Pauli ist ein Tag- und Nachtasyl für die Kaputten, Traumatisierten, Gestrandeten. Für Menschen, die ganz unten angekommen sind und sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen. Die Kaschemme am Hamburger Berg ist 365 Tage im Jahr rund um die Uhr geöffnet. Vorne vier Tische, hinten drei: Suff, Tristesse, Verwahrlosung. «Manche sitzen zwanzig, dreißig Stunden hier. Einmal hing einer zwei Tage und Nächte bewegungslos auf seinem Hocker, der war schon tot, wegen des Schichtwechsels hat aber keiner was gemerkt. Gesunder Schlaf, dachten die Leute.»


Die Gäste im Handschuh tragen handfeste Spitznamen. Der von Honka, dem «kleinen, schiefen Mann mit dem eingedrückten Gesicht und den riesigen Händen», ist nur einer zweiter Klasse: Fiete. Die anderen heißen Soldaten-Norbert (weil er bei der Waffen-SS war), Ritzen-Schorsch, Tampon-Günter, Glatzen-Dieter, Nasen-Erni, Bulgaren-Harry, Doornkaat-Willy oder Samba-Eddy. So mancher hat sich hier im Handschuh zu Tode gesoffen: Exitus nach «Schmiersuff», «Sturzsuff» oder «Vernichtungstrinken».

Verwahrlosung. Suff. Geilheit. Mord

Strunk durfte die lange unter Verschluss gehaltenen Prozessakten von 1976 lesen; manche Schilderungen im Roman wirken realistisch wie Filmsequenzen aus dieser Zeit. Man starrt fassungslos auf die unglaubliche Kaputtheit des Stadtteils St. Pauli – und den Horror in Honkas Wohnung in der Zeißstraße 74, dritter Stock, Dachgeschoss. «Verfaulte Vorhänge, die von den Wänden tropfen, verschmierter Spiegel, über den sich eine Kette winziger Blutflecken zieht. Linoleumboden, im Wohnzimmer ein Teppich, der mal weiß gewesen sein könnte, mit den Jahren haben sich Sperma, umgekippte Getränke, Zigarettenasche, tröpfelnder Urin und wer weiß was noch zu einem ganz kranken Farbton verdichtet. Der Schmutz sitzt so tief; kein Reinigungsmittel der Welt könnte was dagegen ausrichten. Die Wohnung wird bis in alle Ewigkeit Dreck speien.»


Hierhin bringt Honka seine Frauen, die er im Handschuh oder im Elbschlosskeller aufgegabelt hat. Treibgut der Gesellschaft, einsame Wesen aus dem Trinkermilieu der Reeperbahn, die sich für Unterkunft und Alkohol und wenig Geld prostituieren. «Wählerisch darf Fiete nicht sein, zerprügelt, zerschunden und zermörsert wie er ist. Bei Frauen seines Alters ist er chancenlos, die bleiben unerreichbar, undurchschaubar, unberechenbar. So lange er denken kann, hatte er Ältere, richtige Omas teilweise». Zerschundenes Menschenfleisch, oder, in den Worten von Ijoma Mangold: «Klumpen vergärender Biomasse, irgendwo an jener Grenze, an der das Beseelte ins nur noch Organische übergeht» (Die Zeit).


Aber auch einer wie Fiete hat Träume. Einmal, ein einziges Mal noch möchte er eine junge Frau mit nach Hause nehmen. Eine normale, eine, die nicht aus der Gosse kommt, die ihr Leben noch vor sich hat. Aber dieses eine Mal wird es nicht geben. «Sein Hass auf Frauen wächst. Er hat sich endgültig damit abgefunden, keine Normale mehr abzubekommen. Dieser schreckliche Triebstau, Tag und Nacht und Nacht und Tag, lässt ihn nicht mehr los. Seine Phantasien werden immer abartiger …»

«Mitgefühl ist die frohe Botschaft der Literatur» (Rainald Goetz)

Am Ende sind vier Frauen tot. Es sei ihm einfach so passiert, sagt Honka später im Prozess vor dem Hamburger Landgericht – im Vollsuff, frustriert, angeekelt, gedemütigt. Dass auf dem Dachboden und in der Abseite Leichenteile vor sich hingären, schiebt er weit von sich; vielleicht hat ihm das Saufen, all die Biere und Fakos (Fanta-Korn), auch Teile des Gehirns weggeätzt. «An den Gestank in seiner Wohnung hat er sich gewöhnt, als sei er ein Teil von ihm geworden. Die blauen Plastiksäcke in der Abseite schmoren schon so lange vor sich hin, dass er sie fast vergessen hat, und auch, wie die dahingekommen sind.» 


Und doch ist tief in ihm eine Stimme, die sagt, dass irgendwann irgendwas passiert. Und die Polizei vor der Tür stehen wird. Am 17. Juni 1975 ist dieser Tag da: Um 3.37 Uhr wird die Feuerwache alarmiert, um in der Zeißstraße 74 einen Zimmerbrand zu löschen. Stunden später machen die Männer unter dem Dach einen grässlichen Fund. Das ist der Anfang vom Ende Honkas.


Nie schlägt Heinz Strunk in seinem Roman einen zynischen, verächtlichen Ton an. Immer spürt man das Mitgefühl mit seinen Figuren, so verroht und unfassbar brutal sie auch agieren. Dass wir als Leser ganz nah dran sind an Honka und ihn, den Serienmörder, doch immer wieder aus der Distanz betrachten können, liegt auch daran, dass Strunk immer wieder zwischen auktorialer Perspektive und Binnenperspektive hin und her wechselt, manchmal übergangslos. Hier ist eine dieser Stellen: «Fiete, gnädig wie er ist, setzt sie aufs Sofa, er hilft ihr sogar, sich hinzusetzen. Und was macht Gerda? Schenkt sich ein, ohne zu fragen. Randvoll. Aha, schon wieder alles vergessen, nach fünf Sekunden alles weg. So haben wir nicht gewettet, kleiner Finger, ganze Hand, vom Stamme Nimm …»

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