19.04.2017   von rowohlt

Warum es sich lohnt, unser Gehirn besser kennenzulernen

Franca Parianen betreibt und empfiehlt Hirnforschung – originell, geistreich und amüsant

© shutterstock.com
© shutterstock.com

Was genau passiert in unserem Kopf, wenn wir streiten, lieben oder schmollen? Wo lauern die Denkfehler, die uns das Zusammenleben so schwer machen? Wie überlebt das Gehirn ein Arbeitsessen oder ein Paargespräch? Und wo wir gerade dabei sind: Wäre eine einsame Insel nicht doch die bessere Option? Franca Parianen, Forscherin am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften (und begnadete Science-Slammerin) meint: Wenn wir uns, unsere Gefühle und unsere Mitmenschen besser verstehen lernen wollen, müssen wir unser Gehirn besser verstehen. «Temporeich und unterhaltsam.» (Neue Zürcher Zeitung)


Das Hirn puzzelt heldenhaft und unermüdlich Informationen zusammen, aber wenn diese lückenhaft sind oder es schnell gehen soll, bedient es sich dabei eben auch gerne großzügiger Verallgemeinerungen, übereilter Kurzschlüsse und waghalsiger Prognosen – was in unserem Sozialleben schon mal zu recht interessanten Risiken und Nebenwirkungen führt. Die Neurowissenschaftlerin Franca Parianen erklärt, wie sozial unser Gehirn ist – und warum «sozial» nicht zwingend «nett» bedeuten muss.


Hier in Kürze: 5 Fragen, 5 Antworten …

Wie kommen die Fehler in den Kopf?


«Dafür müssen wir uns das Rohmaterial genauer angucken, mit dem unser Gehirn arbeitet, uns klarmachen, wie abstrakt die Informationen sind, die dort ankommen. Ein Kinosaal ist dafür keine schlechte Metapher. Auch Ihr Gehirn arbeitet ohne Licht. Es hat nicht mal eine Leinwand. Keinen Lautsprecher. Das einzige Signal, das es erhält, ist das Feuern von Nervenzellen. Feuern / Still. Ein / Aus. Das sind die Informationen, die unserem Gehirn zur Verfügung stehen. Unsere Selbstwahrnehmung, die Kontraktion unserer Muskeln, Druck, Schmerz. Dazu kommen die Informationen, die die Sinnesorgane übermitteln: Schallwellen, Licht, Wärme, Geschmack, Berührung, Geruch … Doch gerade mit Letzterem kann ein modernes Säugetier, wie wir es sind, ohnehin nicht mehr allzu viel anfangen. In dieser Welt aus Dunkelheit und kurz aufflammenden Blitzen versteht es sich nicht von selbst, was ein Stuhl ist oder ein Mensch oder ein Lächeln oder ein sarkastischer Unterton. Und dennoch müssen wir mit all diesen Dingen umgehen und ständig adäquate Reaktionen generieren. Irgendwer will immer irgendwas von uns. Das Gehirn lebt gewissermaßen im Dunkeln, aber allein ist es nie. Deshalb muss es verdammt hart arbeiten. Und wo gehobelt wird, fallen  Späne. Und manchmal passieren Fehler.»

Warum ist Empathie eine so ambivalente soziale Fähigkeit?


«Wir können natürliche Empathie unterdrücken, aber wir müssen auch nicht mehr jeder Provokation mit Gewalt begegnen und halten unseren Sexualtrieb die meiste Zeit gesellschaftsfähig in Schach. Wir können selbst dafür sorgen, dass wir mehr Mitgefühl empfinden. Zum Teil nutzen wir sogar dieselben Areale, unabhängig davon, ob wir Gefühle beleben oder in Schach halten wollen. Emotionsregulation ist keine Einbahnstraße. Mit diesen feinsinnigen sozialen Fähigkeiten kommen wir ganz gut klar in unserem Alltag gegenseitiger Abhängigkeit. Wer bessere Selbstkontrolle mitbringt, ist erfolgreicher in Karriere und Sozialleben und seltener krank oder abhängig von fragwürdigen Substanzen. Die Kontrolle bietet uns eine ganze Palette von Handlungsoptionen, inklusive Bemitleiden, Beruhigen und gekonnt Ablenken; aber auch Intrigieren, Lügen, Morden und passiv aggressives Schulterzucken. Sozial heißt nicht unbedingt «nett». Auch nicht freigebig oder gutherzig. Nur halt zwischenmenschlich. Gesellschaftlich. Wenn Sie auf Facebook gezielt Menschen gegeneinander aufhetzen, dann fällt das wissenschaftlich ebenfalls ins Fachgebiet soziale Kognition. Obwohl das Erste, was einem dazu einfällt, ‹asoziale Kognition› wäre.»

Warum lässt der andere uns nicht kalt?


«Für unser Überleben ist es besser, sich von den Gefühlen anderer schnell anstecken zu lassen und selbst artenübergreifend mitzufiebern. So lassen sich Frühwarnsysteme aufbauen, wie bei den Erdmännchen zum Beispiel. Eines hält Wache, und wenn das schreit, können die anderen immer noch panisch im Kreis laufen und mit den Armen fuchteln. Das ist viel effizienter, als wenn alle Erdmännchen ständig auf dem Hügel stehen müssten wie extravagante Buchstützen. Deshalb reagieren sie auf Alarmschreie anderer, genauso wie Vögel, Affen, Eichhörnchen – und Sie selbst. Wenn Sie in einer großen Menschenmenge plötzlich eine kleine Gruppe schreien hören, lassen auch Sie sich von der Unruhe anstecken und geraten selbst in Panik. Sie rennen. Und zwar nicht in Richtung der Gefahr, um sich selbst davon zu überzeugen («Oh, tatsächlich, da ist ein sehr großes Feuer»). Sie laufen blindlings in die entgegengesetzte Richtung. Damit beantwortet sich auch die uralte Frage: Wenn alle anderen es tun, würden Sie dann auch von der Brücke springen? Wahrscheinlich schon. Wahrscheinlich wissen die etwas, was Sie nicht wissen. Also lieber anschließen.»  

Wurstsehnsucht und Tofurealität oder: Wie ist das mit Motivation & Belohnung?


«Sie tun alles, um das gute Gefühl wiederzubekommen. Wir haben eben ein Bedürfnis nach Zuwendung. Und wenn das nicht befriedigt wird, werden wir etwas ungehalten. Das Gleiche gilt für Situationen, in denen wir einem einstmals geliebten Menschen begegnen. Je länger die Beziehung war, desto stärker sind alle Maschinen auf Kuscheln und Streicheln eingestellt. Aber die Beziehung ist vorbei, und die Belohnung kommt nicht mehr. Stattdessen erhalten wir einen Vorhersagefehler, inklusive Alarmgefühl und Glückstief. Wie der frischgebackene Vegetarier neben dem Bratwurststand, dessen Gehirn sich schon auf all die schönen Dinge einstellt, und der jedes Mal wieder erfahren muss, dass es dazu nicht kommt. Stattdessen gibt es wässrigen Tofu, und schlimmer kann Enttäuschung nicht sein. Zum Glück kann sich das Gehirn umgewöhnen. Übrigens auch zum Vegetarier. Doch bis dahin plagt Sie die Wurstsehnsucht oder der Liebeskummer. Dafür nutzt das Gehirn die große Schnittmenge zwischen Arealen, die wir sonst aus dem Bereich Motivation und Belohnung kennen, und denen aus der Ecke Suchtverhalten. Deren Aktivierung stärkt auch Ihre Empfänglichkeit für alles, was Sie mit der Belohnung in Verbindung bringen. Das ist dann der Moment, in dem die an Liebeskummer erkrankte Freundin anfängt zu heulen, weil sie «seinen» Pullover gesehen hat. Oder jemand den gleichen Haarschnitt wie er trägt. Oder das gleiche Deo.»

Was also lernen wir bei einer Reise ins menschliche Gehirn?


«Wenn es um den Menschen geht, überrascht uns eigentlich nichts mehr. Aber was haben wir gefunden? Mit Sicherheit ein paar Weltwunder. Theory of Mind, Mitgefühl, Moral-, Regel- und Selbstbewusstsein genauso wie einen ziemlich robusten Drang, irgendwie hilfreich zu sein. Fähigkeiten, die über Millionen Jahre immer komplexer geworden sind. Hier und da wurde etwas angebaut, alles ist flexibel, um jederzeit auf den Kontext zu reagieren, und jetzt neigen sich die Gebilde gefährlich windschief, wenn man sie überlastet. Dazwischen tummeln sich die Emotionen, das Hormonsystem, die Signale des Körpers. All das, was im Reiseführer gerne übersehen wird, aber eigentlich das Leben an den Ort bringt. Jubel, Trubel, Heiterkeit. Ziemlich häufig Trubel. Oder Meuterei. Aber wir haben auch einige Wege entdeckt, wie wir damit umgehen können. Das ist also das soziale Gehirn. Wahnsinnig begabt, etwas vorschnell, aber mitfühlend und hilfsbereit; ziemlich eitel, normorientiert, leicht erregbar und doch kontrolliert. Ein Gemeinschaftswesen mit einem Hang zum Gemeingefährlichen … Damit lässt sich doch arbeiten.»

Top