08.09.2017   von rowohlt

«War ich überassimiliert, deutscher als jeder Deutsche?»

Der Literaturkritiker Ijoma Mangold erzählt die Geschichte seiner Herkunft

Ijoma Alexander Mangold lautet sein vollständiger Name; er hat dunkle Haut, dunkle Locken. In den siebziger Jahren wächst er in Heidelberg auf; seine Mutter stammt aus Schlesien, sein Vater ist aus Nigeria nach Deutschland gekommen, um sich zum Facharzt für Kinderchirurgie ausbilden zu lassen. Zurück in Afrika, gründet eine neue Familie. Erst 22 Jahre später meldet er sich wieder und bringt Unruhe in die Verhältnisse. Ijoma Mangold, Literaturchef der ZEIT, erinnert sich an seine Kindheits- und Jugendjahre als «Mischlingskind» in der Bundesrepublik. Wie geht man um mit einem abwesenden Vater? Wie verhalten sich Rasse und Klasse zueinander? Und womit fällt man in Deutschland mehr aus dem Rahmen, mit einer dunklen Haut oder mit einer Leidenschaft für Thomas Mann und Richard Wagner? 

Stimmen zum Buch


Süddeutsche Zeitung: «Das Buch mit dem charmanten Titel ‹Das deutsche Krokodil› ist viel mehr geworden als eine persönliche Geschichte: Es ist zugleich ein Gesellschafts- und Epochenporträt en miniature, und es kann Themen für anregende Debatten liefern.»
Frankfurter Allgemeine Zeitung: « (…) sehr gut geschrieben, in knappem, prätentionsfreiem Deutsch, klug, reflektiert, ohne ins Essayistische abzuschweifen, mit dem Talent, Figuren und Stimmungen präzise zu skizzieren.»
Die Welt: «Man wird in der ängstlich um politische Korrektheit barmenden deutschen Publizistik lange suchen müssen, bis man auf einen ähnlich erfrischenden Blick auf Afrika stößt.»
Der Tagesspiegel: «Es gehört zu den erzählerischen Glanzstücken dieses Buches, wie Mangold seinen Nigeria-Aufenthalt in Lagos, Aba und dem Dorf des Vaters beschreibt.»
Berliner Morgenpost: «Seine Geschichte erzählt Ijoma Mangold mit bemerkenswerter Beobachtungsgabe. Präzise, behutsam und mit feinsinnigem Humor.»


In Ijoma Mangolds hinreißend geschriebenem Buch gibt es viele Episoden, die nachwirken – heitere, nachdenkliche, berührende. Über die Tenno-Gang, das Summer Camp in den USA 1990, die Freundschaft zu Edward, einem lebensklugen Brooklyner Pfarrer. Über die beiden Monate in Nigeria, als er seine afrikanische Familie zum ersten Mal besuchte. Über die späten Reisen in die Fontane'schen Traumlandschaften und das Sterben seiner Mutter. In einer kleinen Zitatencollage folgen wir Ijoma Mangold ein Stück weit auf dem Weg hinein in seine eigene Geschichte.

«Verband mich etwas mit Harry Belafonte, weil wir dieselbe Hautfarbe hatten?»


Ijoma Alexander. «Wenn der Junge das Telefon abnimmt, meldet er sich mit seinem vollen Namen. Manche Anrufer, die seine Mutter sprechen wollen, sind belustigt und ahmen ihn nach, als hätte der Junge in kindlicher Selbstverliebtheit etwas gesungen, das ein zärtliches Echo verdient. (…) Kein Zweifel, die Erwachsenen sind der Überzeugung, dass Ijoma der Name ist, der den Jungen am besten bezeichnet – obwohl alle erst einmal über diesen Namen stolpern. Das Stolpern löst bei ihm Schamgefühle aus. Das scheint die anderen nicht zu stören. Es scheint ihnen sogar ein besonderes Vergnügen zu bereiten, die unalltägliche Schönheit seines Vornamens zu preisen; wenn der Junge dem folgen wollte, müsste er sich glücklich schätzen, nicht Matthias, Andreas oder Oliver zu heißen.»


Der Vater. «Ab und zu erzählt sie ihm die Geschichte, wie der Vater mit der Unterstützung des Dorfes, aus dem er stammte, nach Deutschland zum Medizinstudium gekommen sei; für ihn habe es sich von selbst verstanden, dass er die hier erworbenen Fähigkeiten, zuletzt als Facharzt für Kinderchirurgie, eines Tages seinem Heimatland zurückgeben werde. Umgekehrt sei es für sie, seine Mutter, nicht vorstellbar gewesen, mit ihm und dem Sohn nach Afrika zu gehen. Bei aller Liebe zu Afrika, dafür sei sie doch zu sehr Deutsche. Man habe sich im Guten getrennt, für Vorwürfe gebe es keinen Grund. Die Gespräche über den abwesenden Vater sind dem Jungen nicht angenehm. Mag die Mutter den Vater noch so sehr rühmen, als hätte alles seine Ordnung – am Ende ist er, anders als die Väter seiner Freunde, nicht da. Und warum soll er sich Geschichten anhören über einen Menschen, den es nicht gibt?»


Ein Krokodil im Wohnzimmer. « Auf dem Fenstersims im Wohnzimmer steht ein Krokodil, das der Junge dort lieber nicht sähe. Aus Ebenholz. Wie der Abgesandte jenes fernen, fragwürdigen Landes. Wie ein Wappentier des Äquators. Als wäre es seine Pflicht, jeden daran zu erinnern, dass dieser Haushalt eine besondere Verbindung zu Afrika pflegt. Es kann überhaupt keinen Zweifel geben, dass die Holzskulptur die Rolle eines Botschafters spielt, der darüber wacht, dass niemand die Existenz des Kontinents, der ihn entsandt hat, verdrängt oder vergisst. (…)  Aber damit nicht genug. Das Krokodil ist auch noch aus Ebenholz: Keine heimische Baumart, sondern ein Holz, aus dem man in Afrika Werkzeug und Schmuck herstellt, und obendrein schwarz, als hätte das Krokodil in einem Akt der Solidarität mit den Menschen seines Lebensraumes deren Hautfarbe angenommen. Statt einer weißen Marmorbüste eine schwarze Holzskulptur. Damit auch noch der letzte Depp mit der Nase darauf gestoßen wird. Da kann man sich ja gleich selbst bei der Polizei anzeigen.»


Black & Brown. «Mit dem öffentlichen Gang zum Postschalter würde es unabweisbar werden: Neben der tiefschwarzen Haut von Yvonne (eine Freundin von Mangolds Mutter, d.R.) wird man auch seine eigene Hautfarbe nicht länger ignorieren und so tun können, als wäre gar nichts. Sein Braun war zu hell, um dominant zu sein, in Gesellschaft von Yvonne jedoch würde es allen wie Schuppen von den Augen fallen, sie würden sich an den Kopf fassen und nicht begreifen, wie sie so blind sein konnten gegenüber der offensichtlichen Wahrheit. Sie würden sagen: Ja, wie konnten wir uns nur so lange in ihm täuschen! Das ist die Sippe! Vielleicht würden die Leute sogar denken, dass Yvonne seine wahre Mutter ist und die Mutter nur eine Adoptivmutter? Das Gegenteil ließe sich schwer beweisen.»


Kein Ausländer. «Dass ich exotisch aussah, schien an der Schule niemand groß zu bemerken. Damals gab es in der Bundesrepublik Ausländer, aber ich gehörte nicht dazu. Wenn wir in der Schule über Ausländerfeindlichkeit diskutierten (und das war regelmäßig der Fall), kam niemand auf die Idee, nach meinen Erfahrungen zu fragen. Meine fremdländische Aura wurde nicht nur nicht thematisiert, sie wurde gar nicht wahrgenommen. Woran das lag, kann ich nicht sagen, denn lange ist es mir selber nicht aufgefallen. Vermutlich an beidem, meiner Anpassungskunst und dem entspannten, weltoffenen, in so vieler Hinsicht begünstigten Heidelberger Klima. Und natürlich hatte es auch damit etwas zu tun: Ein Ausländer war – und ist! – jemand, der Probleme macht. Er muss zu einer Problemgruppe gehören, sonst ist er kein Ausländer, sondern hat nur eine interessante Lebensgeschichte, eine Lebensgeschichte, nach der man fragt, indem man sagt: ‹Erzählen Sie doch mal!› Bei einem Ausländer fragt man nicht nach seiner Lebensgeschichte, denn man kennt sie immer schon: Schulabbruch, Parallelwelten, Ehrenmorde.»

«Das hatte ich noch nie gehört: Afrodeutscher ...»


Thomas Mann und Richard Wagner. «Gab es Gefühle des Außenseitertums, der Ausgegrenztheit? Ja, aber sie hatten nichts mit der Hautfarbe zu tun, sondern mit meiner Neigung zu Literatur und klassischer Musik. Wenn man mit sechzehn Thomas Mann liest, ist es ja nicht nur so, dass man Thomas Mann versteht, sondern vor allem fühlt man sich seinerseits von Thomas Mann verstanden, und zwar besser als von den Zeitgenossen, namentlich den Schulkameraden. Und so schien mir meine Liebe zu Thomas Mann und Richard Wagner das eigentliche Stigma meines Lebens zu sein: Es machte mich zum Sonderling, der nie die Freuden der Gemeinschaft würde genießen dürfen. Zum Glück hatte kein anderer als Thomas Mann selbst die entsprechende Problematik bereits ausgeführt.»


Afrodeutscher? «Ich war doch der, dessen Plädoyers für den Vernunftstaat Preußen alle wohlwollend lauschten, zumal ich weder blond noch blauäugig war und keiner alarmiert sein musste, das könne aus der falschen Ecke kommen. So hatte ich mich eingerichtet. Und jetzt trat Kofi auf und bot mir eine völlig andere Gemeinschaft an, in der ich mich überhaupt nicht wiedererkannte. Wenn man erst einmal begänne, mich als Afrodeutschen zu sehen, wäre ich ja eines, für das ich mich bisher gehalten hatte, ganz sicher nicht mehr, nämlich Deutscher. Was sollte dadurch gewonnen sein?»


Assimilation, Überassimilation. «War ich überassimiliert, deutscher als jeder Deutsche? Ein Opportunist, der die Anpassung so weit trieb, bis die konservativen Väter meiner Freunde überzeugt waren, dass das deutsche Kulturerbe einzig in meinen Händen noch eine Chance auf ein Weiterleben hatte? Überassimilation aus Angst vor Ausgrenzung, das war allerdings genau jene Art von schematischer Psychoanalyse, die ich wirklich zum Gähnen fand, auf die ich als Sohn einer Psychotherapeutin früh allergisch reagierte.» 


Post aus Nigeria. «Nie hatte ich über meinen Vater nachgedacht. Er war, hätte ich damals behauptet, noch nicht einmal eine Leerstelle. Den Gedanken einer klassischen Vatersuche hatte ich nie gehabt, und in der nicht ganz unlogischen Annahme einer Beziehungssymmetrie, in der sich Einfallsund Ausfallswinkel gleichen, hatte ich auch nicht mit dem umgekehrten Fall einer Sohnessuche gerechnet. Was sollte schon passieren, dass sich nach 22 Jahren an der Ordnung der Dinge noch etwas änderte? Mit diesem Brief aber würde etwas Neues beginnen, ohne dass ich danach verlangt hatte. (…) Dabei hätte ich mit mehr Recht als Heinrich V. zu Falstaff über den Absender des Briefes sagen können: «Ich kenne diesen Menschen nicht.»

Nigerianisches Epos vs. deutscher psychologischer Roman


Meine afrikanische Familie. «Die Ezebuikes lebten in Aba, berichtete sie, im Osten Nigerias, dort sei auch das Krankenhaus meines Vaters, doch das Leben in der Stadt sei nur die eine Seite, entscheidend für eine nigerianische Familie sei das Dorf, aus dem der Vater stammt. Da lägen die Wurzeln. Am Wochenende fahre man deshalb immer nach Amucha, so heiße ihr Dorf. Das kannte ich bereits. Wenn Mama mir als Kind erklärt hatte, warum mein Vater nach Nigeria zurückgegangen sei, dann bezog sie sich immer auf das Dorf, das sein Auslandsstudium finanziert hatte und dem er im Gegenzug das Empfangene zurückgeben wollte. In Amucha, ergänzte nun Ikunna, und das war mir neu, sei unser Vater Chief. Ein Chief, fragte ich belustigt, was das denn sei. Ein lokaler Häuptling, der das Dorf finanziell unterstütze und in wichtigen Belangen die Entscheidungen fälle, entgegnete Ikunna – zum Grinsen gab es offenbar keinen Anlass.»


Kupplungsschäden. «Dass es für mich etwas Schmähliches haben könnte, Objekt von Verkupplungsmaßnahmen zu sein, wurde nicht gesehen. (…) Offensichtlich war ich eine gute Partie: Ob als Ezebuike oder als Deutscher, war mir nicht klar. Vermutlich kamen da zwei Stärken zusammen. Wenn wieder einmal die Heiratsfrage gestreift wurde, fragte ich mich innerlich: Hätte sich mein Vater eigentlich bei mir gemeldet, wenn ihm seine zwei Söhne nicht gestorben wären? Unverändert lebte meine nigerianische Familie in der Gattung des Epos, ich in der des psychologischen Romans.»


Ein Leben, zwei Leben? «Mir wurde ein zweites Leben angeboten, und ich habe es ausgeschlagen. Vom Häuptlingsszepter bis zum Krankenhaus, ich habe mir die Lebensofferte meines Vaters nicht zu eigen gemacht. Im Rückblick bedauere ich das manchmal. Dann denke ich mir: Wäre doch eigentlich gar nicht so schlecht gewesen … Ich habe dieses zweite Leben ausgeschlagen. Ich glaube, weil es mir zu viel war, weil es mich überforderte. Woher die Kraft nehmen, zwei Leben zu führen? Wenn ich das eine gut machen wollte, blieb keine Energie für ein zweites mehr. Theoretisch bin ich zwar für die doppelte Staatsbürgerschaft, aber praktisch war ich damals nicht in der Lage, zwei Herren zu dienen oder auch nur auf zwei Hochzeiten zu tanzen.»


Farbenblind in Los Angeles. «Einen einzigen mir bekannten Ort gibt es, den ich farbenblind nennen würde, und ich kann nicht bestreiten, dass ich es wohltuend fand, dort zu sein: Los Angeles. Etwas war anders. In mir. Ich war anders. Zum ersten Mal tat ich etwas nicht, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es stets getan hatte, und dieser eine Hauch mehr Luft im Zwerchfell, diese bei jeder Begegnung mitlaufende Gefechtsbereitschaft, diese Extraportion Präsenz, mit der ich sonst in alle Situationen hineinging, nur um sicherzustellen, dass es zu keinen Missverständnissen kam, war hier nicht nötig. (…) Der kalifornische Phänotyp ist demgegenüber tatsächlich postethnisch; der typische Angeleno sieht aus wie eine Kreuzung aus Korea und Mexiko, ein neuer, emergenter Universallook, der nichts mehr von den sozialen Herkunftswelten erzählt, sondern nur noch von etwas Drittem, etwas Neuem, Kalifornien eben. Das Gemischte selbst ist die Norm, und man kann ganz unterschiedliche Farbtöne mischen, um zum selben Ergebnis zu kommen.»

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