21.12.2017   von rowohlt

«Wahrheit braucht Zeit»

Ein Gespräch mit ZDF-Moderator Christian Sievers über kritischen Journalismus zwischen Schalte und Schelte

© ZDF/Jana Kay
© ZDF/Jana Kay

Zwanzig Minuten hat Christian Sievers in einer «heute»-Sendung, um über das aktuelle Weltgeschehen zu berichten – und muss dabei erklären, zusammenfassen, weglassen. In diesem Buch erzählt er die Geschichten hinter den Nachrichten. Gerade in den Krisengebieten dieser Welt stößt er auf Unerwartetes, Überraschendes, Verwirrendes: Humor neben Hass, Mut in der Katastrophe, Propaganda mit Augenzwinkern und Lügner, die den Wert der Wahrheit predigen. Eine verunsicherte Medienwelt steht vor der Herausforderung, all diesen Facetten der Story gerecht zu werden. Christian Sievers' Buch ist ein Blick hinter die Kulissen einer Nachrichtensendung – und eine Liebeserklärung an den Nahen Osten, wo nichts geht und alles möglich ist.


«Am Morgen aufzuwachen und nicht genau zu wissen, was der Arbeitstag bringt: dafür bin ich mal Journalist geworden. Das ist doof für die Terminplanung, aber gut gegen Routine.» Christian Sievers' Leidenschaft für seinen Beruf ist auf jeder Seite von «Grauzonen» zu spüren. In «Davor», dem ersten Teil des Buches, spürt er noch einmal seinen journalistischen Anfängen nach: als Reporter in Hoyerswerda und im Berlin der Wendezeit und als «Visiting Reporter» in den USA. In Teil 2 («Draußen») lernen wir, was es heißt, als Auslandsreporter in einem der unberechenbarsten Krisengebiete der Welt zu arbeiten, in Gaza und Israel. Und im dritten Teil («Drinnen») wird uns ein lehrreicher Blick hinter die Kulissen der ZDF-Nachrichtenwelt gewährt.


Wer «Grauzonen» gelesen hat, weiß, wie unverzichtbar seriöser, kritischer Journalismus für die demokratische Öffentlichkeit und unser Bild von der Welt ist: «Erst wenn die letzte Redaktion dichtgemacht hat und der letzte Reporter seine Kündigung bekam, werdet ihr merken, dass man mit Katzenvideos kein bisschen von der Welt versteht.»

DAS INTERVIEW


Es war ein langer Weg von Channel 8 in New Haven, Connecticut, zum Mainzer Lerchenberg. Was haben Sie aus den USA an handwerklichem Rüstzeug mitgebracht?
Unter extremem Zeitdruck die Nerven bewahren. Und nicht immer alles bierernst nehmen.


9. November 1989 – mit der Öffnung der Mauer verabschiedete sich die DDR von der Bildfläche. Darf man Sie, mit Blick auf den Beginn Ihrer journalistischen Karriere, einen «Wendegewinner» nennen?
Das Wort klingt so negativ. Die friedliche Revolution in der DDR hat für enorm viele Menschen enorm viel verändert. Das war ein Ereignis, das ich nie vergessen werde. Beruflich war es für mich eine Riesenchance, die größte journalistische Geschichte einer Generation. Plötzlich durfte der Praktikant ran. Ich weiß nicht, was aus mir ohne die Wende geworden wäre. Diese Zeit hat mir auch klar gemacht, wie wichtig Zufälle sind – im Beruf und im Leben.


Sie waren fünf Jahre ZDF-Korrespondent im Nahen Osten. Sie haben Fanatiker auf beiden Seiten des Israel-Palästina-Konflikts interviewt, zwei Kriege samt Raketen auf Tel Aviv und Bomben auf Gaza miterlebt. Oft waren Sie nur ein paar Schritte von den Orten entfernt, wo Menschen gestorben sind. Wenn Sie zurückblicken: Gibt es Situationen, Entscheidungen, bei denen Sie heute sagen würden: Viel zu riskant, absolutes No-go?
Ja, ich erinnere mich an eine Nacht in einem Hotel in Gaza, als direkt neben uns Raketen einschlugen. Da wäre ich am liebsten ganz woanders gewesen. Ich bin grundsätzlich sehr vorsichtig und versuche nicht übermäßig viel zu riskieren, aber manchmal gibt es böse Überraschungen. Während des letzten Gazakrieges haben sie in Israel die aktuellen von Raketenangriffen betroffenen Zonen im Radio durchgesagt. So zwischen zwei Songs. Wie bei uns die Staumeldungen. Wir hörten das und dachten noch: «Oh, da sind wir gerade.» Und dann sahen wir auch schon das anfliegende Geschoss.

Zwischen Gaza und «Grüner Hölle Lerchenberg»


9/11, Gaza, Tsunami 2004 … Wie gewinnen Sie innerlich Distanz zu all dem Schrecklichen, was Sie gesehen haben? 
Mir hilft der Kontakt zu den Menschen vor Ort, die viel stärker betroffen sind. Die können nicht weg, wir haben immer den roten Reisepass und ein Rückflugticket in der Tasche.


Das mit der «Grünen Hölle», dem HighTech-Studio des ZDF, wo man «prima mit dem Kopf vor die Wand laufen» und im Handumdrehen seekrank werden kann, ist einigermaßen leicht zu kapieren. Aber wieso dieses Ungetüm von Tisch? Welche praktische Funktion erfüllt dieser «längste Tresen in der Geschichte der öffentlich-rechtlichen Nachrichten»?
Ich mag ihn sehr, weil man sich an ihm festhalten kann, weil er viel Platz und Ablagefläche bietet, und weil sein Holz auch nach all den Jahren noch wunderschön ist.


Dreimal lang ein- und ausatmen, hilft das immer noch gegen Nervosität? Anders gefragt: Kennen Sie das nach all den Jahren vor der Kamera eigentlich noch – Lampenfieber? 
Absolut. Jeden Abend neu. Ich glaube, das ist auch ganz gut so. Wer nicht (zumindest ein bisschen) aufgeregt ist, macht Fehler. Und der Tipp, den sie uns im Bundeswehrtraining für Kriegsreporter gegeben haben, hilft auch im Studio, wenn die Sendung begonnen hat, aber der erste Beitrag noch nicht fertig ist …


Sie bezeichnen sich als «passionierten Langschläfer». Wie haben Sie da die elf Jahre beim ZDF-Morgenmagazin überstanden – mit Aufstehen um halb vier und einem endlos langen Tag vor sich?
Gute Frage. Mir fällt es leichter, um 3:30 Uhr aufzustehen als um 7. Vielleicht weil das mitten in der Nacht noch etwas Besonderes ist, eine besondere Stimmung. Morgens um 7 raus ist hart!


Sind heute Pannen der Art, dass jemand im Hintergrund an einer Nachrichtensprecherin vorbeischleicht, überhaupt noch denkbar? Was wäre eine Worst-Case-Situation bei einer Live-Moderation?
Alles ist denkbar. Wir sind alle nur Menschen. Mein persönlicher Alptraum ist, dass ich mir vornehme, aus dem Kopf eine Situation live vor Ort zu analysieren. Und dann kommt vor lauter Anspannung plötzlich ein schwarzes Loch auf einen zu und man weiß nicht mal mehr, wie man heißt. Ist mir auch schon passiert.

Höflich, bestimmt – aber nicht krawallig


Sie zitieren die Journalistin Evelyn Roll mit dem Satz «Ein Politiker, der lügt oder Falsches behauptet, ist kein Populist. Er ist ein Lügner.»  Wie direkt, wie krawallig dürfen Sie Politiker angehen, die  so offenkundig lügen, dass sich die Balken biegen – wie «The Donald», an dem Sie sich auch in Ihrem Twitter-Account #ChSievers  mit Lust abarbeiten?
Nicht «dürfen», sondern müssen. Ich halte das für unsere wichtigste Aufgabe als Journalisten. Sagen, was ist. Und sagen, was eben nicht stimmt. Dabei nicht krawallig werden, sondern höflich bleiben. Höflich, aber bestimmt.


Vermutlich gehörte die Meldung vom frühen Tod Ihrer Kollegin, der ZDF-Sportreporterin Jana Thiel, zu den schwersten Momenten Ihrer Zeit bei heute und heute-journal. Wie viel Platz darf Privates, Emotionales in Ihrem Job haben?
Wenn Nachrichten eine Kollegin betreffen, die man kannte und mochte, ist das besonders bedrückend. Ist doch klar. Generell bin ich der festen Auffassung, dass meine Emotion im journalistischen Produkt nichts zu suchen hat. Der Reporter sollte die Story vermitteln, aber nicht die Story sein.


Manche Ihrer öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkolleg*innen sorgen auch jenseits ihrer Profession für Schlagzeilen. Steffen Seibert (als Merkels Regierungssprecher),  Judith Rakers (als  3 nach 9-Mooderatorin), Linda Zervakis (die ihre Kindheit in wunderbar bunte Tüten packt), Gundula Gause und Claus Kleber, die schon allein stabreimtechnisch als TV-Paar niemals auseinandergerissen werden dürften (siehe Switch reloaded). Oder Tagesschau-Sprecher Thorsten Schröder, der es 2017 beim Ironman auf Hawai'i ins Ziel schaffte. In welcher (neuen) Rolle würden Sie gern einmal reüssieren? Vielleicht als «Olivenbauer im äußersten Südwesten von Kreta» – oder steht der Traum nicht mehr?
Wer weiß? Auch der Südosten von Kreta ist wunderschön …


Eine BUNTE-Frage zum Schluss: Gibt es so etwas wie eine Styleberatung für Nachrichtenmenschen? Wie halten Sie es mit dem Outfit? In Sachen farbenfrohe Krawatten wurde Ihnen ja schon einmal von einem freundlich-besorgten Zuschauer eine Kiste mit recht exzentrischen Exemplaren geschickt …
Der Zuschauer fand meine eigene Auswahl «zu wenig peppig» und hat deshalb seinen eigenen Karnevals-Fundus für mich geplündert. Ich versuche mich so anzuziehen, dass ich mich wohlfühle und selbst wiedererkenne. Aber ich bin für alle Anregungen jederzeit offen …

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