01.03.2014   von rowohlt

Vorsicht, schnippisches Pubertier!

«Ich musste die ganze Zeit laut grinsen» – Jan Weiler weiß, wie Pubertiere ticken

© Till Hafenbrak
© Till Hafenbrak

Vorsicht, schnippisches Pubertier! Pubertiere sind eine Herausforderung für Körper, Geist und Charakter. Dabei war das eigene Kind früher, sehr viel früher einmal süß, lieb, also: irgendwie vielversprechend. Kaum kommt es aber in das kritische Alter, wird das Leben der Eltern zur Qual.  Im Hause Weiler  ist das nicht anders. Was hilft einem da die Ahnung, dass auch im eigenen Pubertier irgendwo, tief verborgen, ein vernunftbegabtes, freundliches Wesen wohnt? Jan Weilers Buch ist das perfekte Geschenk für Eltern, deren Nerven blank liegen, weil ihre pubertierenden Blagen sie verdammt alt aussehen lassen.

Don't worry, be happy

Tochter Carla ist eine Herausforderung. Für den Autor und seine Frau Sara, eigentlich für die ganze Umwelt. Mit Carla leben heißt: umdenken lernen. «Ich lernte: Kinder, die du als liebenswürdige Geschöpfe voller Anmut und Charme in Erinnerung hattest, verwandeln sich innerhalb kurzer Zeit in stinkende Monster (Jungs) oder hysterische Amazonen (Mädchen). Wenn die Familien Glück haben, verlassen die Jugendlichen diese «danger zone» der Eiterpickel und befleckten Unterwäsche als lebenstüchtige Erwachsene. Einige verbleiben jedoch für immer im Schattenreich der Adoleszenz, machen aber dennoch manchmal Karriere.»


Geht es um Wünsche der Eltern, sind sie schwerhörig, maulfaul und extrem vergesslich. Wenn sie überhaupt reagieren, sind es meist grammatikalisch karge Botschaften vom Typ «Wassissnn?», «Mir doch egal» oder «Voll uncool». Mit Rumreden verlieren sie keine Zeit, es sei denn, es geht um leicht fassliche Dinge wie das ökologische Gleichgewicht unseres Planeten, die Gerechtigkeitslücke oder andere Themen dieses Kalibers.
  
Besucht man das Pubertier in seinem Zimmer, watet man durch eine Ursuppe aus Klamotten, Apfelsinenschalen, rausgerissenen Zeitschriftenseiten, leeren Puddingbechern, verlegten Matheaufgaben und dergleichen. Unfassbares, knöcheltiefes Chaos – der natürliche Lebensraum jugendlicher Menschen im Hormonstau.

Studien am lebenden Pubertier

Kaum zu glauben, dass Koalabären in Sachen Faulheit von praktizierenden Pubertieren mühelos der Rang abgelaufen wird. Natürlich hätte Tochter Carla gern etwas mehr Salz in der Soße gehabt. Aber aufstehen und den Salzstreuer holen? Unmöglich.  «Sie ist fauler als ein andalusischer Esel im August um die Mittagszeit.» Und wer gedacht hat, «Chillen, Relaxen, Entspannen, Ausruhen, Runterkommen, Zeittotschlagen und Einfach-mal-nix-machen» seien im Wesentlichen nur verschiedene Ausdrücke für ein und dieselbe Sache, der hat sich geirrt. Für Carla sind es sieben verschiedene – pardon – Tätigkeiten.


Pubertiere kosten eine Menge Geld, denn sie sind voll stylish und krass markenbewusst. Sie begrüßen sich extrem lässig, kleiden sich krass cool. Mit Erwachsenen gehen sie um, als wären diese dämlich, sozial desorientiert oder fehlgepolt wie Aliens. Carla, hat sie einmal Fahrt aufgenommen, nennt ihren (demoerfahrenen!) Vater eine «Revolutionsbremse»: unerhört! Auch aufmunternde Albernheiten des Erzeugers kommen bei Vierzehnjährigen nicht wirklich gut an: «‹Sieben Uhr, die Sonne lacht, jetzt wird aber aufgewacht.› Für diesen allmorgendlichen Satz wird er später nicht im Altenheim besucht.»


Ein untrügliches Indiz für den Wechsel vom Kind zum Pubertier ist das Verschwinden der Pferdebilder, ein wahrer «kultureller Paradigmenwechsel». «Das ist sehr wichtiger Moment im Leben eines Mädchens, denn bis dahin gehört die weibliche Libido ziemlich uneingeschränkt diesen riesigen Tieren.» Das pubertistische Drama hat viele Namen: Alcopops, Damenrasierer etc.pp. Aber immerhin: das Kind hat eine neue Formel für eines der rätselhaftesten Phänomene unserer Existenz erfunden. Sie lautet: Zeit = Föhn x Haar. Bitte merken!

«Ich musste die ganze Zeit wahnsinnig laut grinsen»

«Wer fährt so spät durch Nacht und Wind?  Ich bin's, mit der Spange von meinem Kind.» Zur Pubertät gehört offenbar, der Tochter regelmäßig die Zahnspange hinterherzufahren, wenn sie woanders übernachtet. Und das ist alles andere als «endlaser». Solche Liebesdienste bedeuten nicht, dass dem Erzeuger Dankbarkeit in irgendeiner Form zuteil wird. Stattdessen bekommt er zu hören, Till Schweiger als Vater wäre ungleich cooler. «‹Warum denn bitte ausgerechnet der?›, fragte ich empört. Ben Stiller hätte ich okay gefunden, meinetwegen auch Jürgen Klopp, solange er die doofe Mütze nicht aufhat. Aber Till Schweiger?»


Jan Weiler gesteht, dass es auch in seinem Erwachsenenleben Situationen gibt, in denen er zum Pubertier wird: komplett hormongesteuert und jenseits der Spur. Sein Ausraster heißt Marie, genauer: Marie-Astrid Jamois. Sie ist eine Balletttänzerin, Schauspielerin und unendlich schön, selbst für eine Französin. Und sie macht Werbung für ein «Vergleichsportal» – und zwar als «Marie mit dem Spendierhöschen … Ich weiß zwar nicht, was das ist, und es ist mir auch egal, aber Marie mit dem Spendierhöschen ist der Hammer. Ich habe den Spot ungefähr viertausend Mal gesehen, und Marie ist so was von entzückend. Eine Frau, für die ein Kardinal Kirchenfenster eintreten würde.» So viel zum alten Pubertier.


Und so ist das mit den (jungen) Pubertieren. Übrigens: Im Hause Weiler steht das nächste schon in den Startlöchern: Nick, Carlas kleiner Bruder.  Und was er jetzt schon alles von seiner großen Schwester lernt – Chapeau!

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