28.07.2016   von Jessica Koch

Von Trauer, Wut und neuem Glück

Bestsellerautorin Jessica Koch erzählt von ihrem «Leben nach Danny»

© Privat
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Da mich jeden Tag viele Leser und Leserinnen meines Buches «Dem Horizont so nah» anschreiben, möchte ich hier eine der am häufigsten gestellten Fragen beantworten: Wie ist es mit mir nach Dannys Tod weitergegangen?

Wut kann ein enormer Antrieb sein

Irgendwie scheinen die meisten zu erwarten, dass ich nach Dannys Tod etwas Spektakuläres gemacht habe.  Dass es einen bestimmten Trick gibt, etwas derart Drastisches zu verarbeiten. Nein. Gibt es nicht. Ich habe es bis heute noch nicht verarbeitet, und ihr würdet euch wundern, wie viele bleibende Schäden ich davon getragen habe!


Ich hatte einfach keine Wahl. Um irgendwo runterzuspringen war ich schlichtweg zu feige. Außerdem gab es da noch meine Mutter, der ich das niemals hätte antun wollen. Also verdrängt man es. Atmet ein und atmet aus. Steht auf und schläft ein und wundert sich, warum die Scheißwelt sich immer noch dreht!


Ich habe nicht getrauert damals. Ich war einfach nur sauer! Wütend auf Danny, weil er mich nicht mitgenommen hat. Auf Tina, weil sie abgehauen ist. Auf die Menschen um uns herum, seinen Vater, ihren Vater, die Welt, das Schicksal. Und auf mich selbst, weil ich eben immer noch da war. Ich habe die ganze Welt gehasst. Wut kann ein enormer Antrieb sein, und ein Teil dieser Wut ist immer noch in mir drin. Er kommt in den unmöglichsten Situationen zum Vorschein.


Nachdem ich ein Stückweit über die Wut hinweg war, kamen die psychosomatischen Beschwerden. Ich konnte nicht schlucken. Dieser Kloß im Hals war einfach immer da. Ich hab alles untersuchen lassen: Mandeln, Schilddrüse, Halswirbel. Alles okay. 


Und dann kamen die Schmerzen. Ich hatte solche Schmerzen in der Brust, dass ich dachte – mit zwanzig! – ich bekomme einen Herzinfarkt und sterbe. Ich war überzeugt davon. Es ist nicht passiert. Ich bin wieder von Arzt zu Arzt gerannt: EKG, Belastungs-EKG, den ganzen Schmodder gemacht. Alles okay. Und trotzdem dachte ich jede Nacht, ich sterbe. Es wäre ja okay gewesen, aber es ist nicht passiert. Das ging ewig, bis ich eine Heilpraktikerin traf. Sie hat eine Augendiagnose gemacht und gesagt, mein Herz sei gesund. Sie meinte, solche Schmerzen seien oft psychischer Natur, ausgelöst von einem großen Verlust. Ob es da etwas gäbe in meinem Leben. Also hab ich erzählt – und es hat «klick» gemacht in meinem Kopf, als ich begriffen hab. Von einem Tag auf den anderen war alles weg. Nach fast drei Jahren, in denen ich überzeugt war, sterben zu müssen.

Am Ende ein unverhofftes Glück

In dieser Zeit, kurz nach Danny, hab ich einen Typen kennengelernt, der doof wie Brot war und so offen wie ein Buch. Ich dachte: Mit dem passiert dir das nicht nochmal – der hat keine Geheimnisse. Ich war so versessen darauf, ein Haus im Grünen zu haben, mit einem Durchschnittstypen und Hunden, dass ich mir den geschnappt hab. Wir waren nie auf einer Wellenlänge, er war mir intellektuell um Welten unterlegen. Ein Unterschied zu Danny wie Tag und Nacht. Trotzdem haben wir zusammen ein Haus gekauft und umgebaut. Wir haben fünf Jahre lang gearbeitet wie die Blöden, jeder hatte zwei Jobs, die restliche Zeit haben wir am Haus geschuftet. 


Gesehen haben wir uns kaum. Ich kam abends um elf von meinem Zweitjob und hab sonntags gearbeitet, er hat samstags gearbeitet und nebenher noch das Haus umgebaut. Wir waren verschuldet bis zum Geht-nicht-mehr. Nudeln und Ketchup waren nicht selten, weil wir kein Geld zum Einkaufen hatten. Wir haben Rechnungen nicht mal mehr aufgemacht, weil wir sie nicht zahlen konnten. Nachdem ich jahrelang nie aufs Geld schauen musste, hatte ich plötzlich nichts mehr. Den Mercedes musste ich nach einem Unfall verkaufen, weil ich kein Geld hatte ihn reparieren zu lassen. 


Ich habe mir Ausreden einfallen lassen, um mir Heizöl zu erschwindeln. Das Dach war undicht, wir saßen buchstäblich im überfluteten Wohnzimmer. Den oberen Stock konnten wir nur noch teilweise benutzen, weil durch einen Wasserschaden alles voller Schimmel war. All das Geld, das ich in der Zeit mit Danny angespart hatte, war weg. Fünf Jahre lang haben wir dieses Spiel gespielt. Sechzig Stunden Arbeit die Woche war normal. Aber ich hatte Haus, Hunde und ein Pferd. Nichts zu essen, aber egal. Nach fünf Jahren war das Haus so weit fertig – und wir hatten uns nichts mehr zu sagen. Den Wasserschaden konnten wir nie reparieren lassen. Er hatte dann dafür eine andere, die plötzlich bei uns gewohnt hat. 


Der Typ ging mir längst am Arsch vorbei, aber ich hab am Haus festgehalten. Wochenlang auf der Couch geschlafen, trotz Wasserlachen um mich rum. Eines Nachts bin ich dann ausgezogen. Verschuldet ohne Ende. Zwei Hunde und ein Pferd an der Backe, stand ich mit nichts auf der Straße. Wundervoll. Ich bin dann nach Heilbronn gegangen, zu einem Mann, den ich aus dem Internet kannte, aber nur ein einziges Mal getroffen hatte, da  waren wir zusammen was essen. Das war's. Aber ich mochte ihn, ich vertraute ihm – und hab ich mit Sack und Pack bei ihm geklingelt. Ich war verzweifelt. Er hat mich reingelassen, und ich hab alles hingeworfen – Job, Haus, Freunde. Alles. Bin mit 27 nach Heilbronn gezogen und hab nochmal von vorne angefangen. Den Mann habe ich geheiratet – und heute haben wir eine glückliche kleine Familie.

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