22.11.2017   von rowohlt

Vom Sinn der Blumen und dem Vergehen der Zeit

Oliver Sacks' letztes Buch: eine Bilanz seiner wissenschaftlichen und medizinischen Arbeit

© iStockphoto.com; Dirk Reinartz
© iStockphoto.com; Dirk Reinartz

Als der durch seine Fallgeschichten berühmt gewordene New Yorker Neurologe Oliver Sacks im Sommer 2015 starb, war gerade seine Autobiografie «On the Move» erschienen – und wurde weltweit zum Bestseller. Fast bis zum letzten Tag hatte er noch an einem Band mit neuen Fallgeschichten und «Spezialthemen» gearbeitet: Hat ein Regenwurm Empfindungen? Wie viele Nervenzellen hat eine Qualle, und wozu dienen sie ihr? Was lernte der Naturforscher Darwin von seinen geliebten Orchideen? Wie entsteht Bewusstsein? Und wie funktionieren Gedächtnis und Erinnerung? «Der Strom des Bewusstseins» ist damit zu einer Art Vermächtnis des großen Wissenschaftlers und Menschenkenners geworden. 

Der Mann mit dem «Röntgenblick für die Abgründe der Seele»


«Für Oliver war Schreiben eine Form des Denkens», sagt Bill Hayes, Sacks' Lebensgefährte. Nie habe er ihn so fokussiert erlebt wie bei der Arbeit an dem jetzt vorliegenden, von Hainer Kober übersetzten Buch. Wenige Tage nach der (zweiten) Krebs-Diagnose besorgte Sacks sich ein kleines Aufnahmegerät, um seine Ideen für Texte festzuhalten. (Diese Tonaufnahmen sind ein bedeutendes Dokument; zu hören sind sie in dem US-Podcast Radiolab: http://www.radiolab.org/people/dr-oliver-sacks/.) Für sie gilt, was Siri Hustvedt über Sacks' Gesamtwerk schrieb: «Oliver Sacks beweist, dass die Medizin sowohl eine Kunst als auch eine Wissenschaft ist.» 


Es ist sicher kein Zufall, dass das letzte Kapitel sich mit den Grenzen der Erkenntnis befasst, mit Fällen von historischem Vergessen oder Ignorieren in der Naturwissenschaft. Ideengeschichte, notiert Sacks, sei eben «alles andere als ein majestätischer Entfaltungsprozess oder ein Kontinuum in irgendeiner Hinsicht.» Als junger Neurologe war er beim Studium der klassischen visuellen Migräne auf ein Buch des viktorianischen Arztes Edward Liveing gestoßen, der sich in seinem «Beitrag zur Pathologie der Nervenstürme» explizit auf einen Artikel des bedeutenden Astronomen John Frederick Herschel bezog. Der hatte bereits 1858 visuelle Auraphänomene (halluzinatorische Muster, geometrische Spektren) bei Migränekranken exakt so beschrieben wie einige von Oliver Sacks' Patienten. Wie konnten derart präzise Beschreibungen für mehr als ein Jahrhundert aus dem Blickfeld der wissenschaftlichen Forschung verschwinden?


Auf dieses Blinde-Flecken-Phänomen stieß Sacks auch, als er sich für das Tourette-Syndrom zu interessieren begann. Auch hier wunderte er sich, mit welcher Ignoranz Kollegen ältere Arbeiten für obsolet erklärten. «Warum? Es stellt sich die Frage, ob diese Vernachlässigung zu Beginn des neuen Jahrhunderts nicht durch den wachsenden Zwang verursacht wurde, wissenschaftliche Phänomene zu erklären, statt sie wie bisher einfach zu beschreiben.» Wir zitieren einige von Sacks' Überlegungen, die alle auf eine – notgedrungen unbeantwortbare – Frage hinauslaufen: «Könnte die Geschichte der Wissenschaft – wie die des Lebens – noch einmal ganz anders ablaufen? Ähnelt die Evolution der Ideen der Evolution des Lebens?»

Vom Vergessen und Vernachlässigen in der Wissenschaft


«Wir haben Entdeckungen und Ideen betrachtet, die aufgrund ihrer Verfrühung ohne Anknüpfungspunkte oder Kontext waren und daher zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung nicht verstanden oder nicht zur Kenntnis genommen wurden, aber wir haben auch von anderen gehört, die in dem notwendigen, aber gelegentlich auch rücksichtslosen Wettstreit der Wissenschaft leidenschaftlich und nicht selten erbittert bekämpft wurden. Die Geschichte der Wissenschaft und Medizin ist in nicht geringem Maße von intellektuellen Rivalitäten geprägt, die die beteiligten Wissenschaftler zwangen, sich mit Anomalien und tief verwurzelten Ideologien auseinanderzusetzen. Dieser Wettbewerb in Form offener, ehrlicher Debatten und Kontroversen ist von entscheidender Bedeutung für die Wissenschaft. Das ist ‹saubere› Wissenschaft, in dem freundlicher oder kollegialer Wettbewerb dem Erkenntnisfortschritt dient – doch es gibt auch viel ‹schmutzige› Wissenschaft, in der Konkurrenzdenken und persönliche Rivalität bösartig und kontraproduktiv werden. (…)


Mich hat einigermaßen überrascht, dass die Chaostheorie weder von Newton noch von Galilei entdeckt oder erfunden wurde; sie mussten doch beispielsweise mit dem Phänomen der Strudel und Wirbel bestens vertraut sein, da sie ihnen im Alltag ständig begegneten (und Leonardo sie so glänzend abgebildet hatte). Vielleicht haben sie absichtlich vermieden, über solche Erscheinungen nachzudenken, weil sie möglicherweise vermuteten, es könne sich um Verstöße gegen die Regeln einer rationalen, gesetzmäßigen und geordneten Natur handeln.


Weitgehend dasselbe empfand zwei Jahrhunderte danach Henri Poincaré, der damals als Erster die mathematischen Konsequenzen des Chaos erforschte: ‹Diese Dinge sind so bizarr, dass ich den Gedanken an sie nicht ertragen kann.› Heute empfinden wir die Muster des Chaos als schön – die Natur hat eine neue Dimension der Schönheit –, aber das ist sicherlich nicht der Eindruck, den Poincaré ursprünglich hatte.


Das berühmteste Beispiel für eine solche Abneigung ist im 20. Jahrhundert natürlich Einsteins heftiger Widerwille gegen die vermeintlich irrationale Natur der Quantenmechanik. Obwohl er als einer der ersten Wissenschaftler den Beweis für die Existenz von Quantenprozessen geliefert hatte, weigerte er sich, in der Quantenmechanik irgendetwas anderes zu sehen als eine oberflächliche Darstellung von Naturprozessen, die bei eingehenderer Kenntnis einer harmonischeren und geordneteren Theorie weichen würde.


Bei großen wissenschaftlichen Fortschritten spielen häufig sowohl Zufall wie Unvermeidlichkeit eine Rolle. Wären Watson und Crick 1953 nicht auf die Doppelhelix gestoßen, wäre das Linus Pauling fast mit Sicherheit gelungen. Man könnte sagen, die Struktur der Doppelhelix war reif, entdeckt zu werden, aber wer es dann war, wann und wie es geschah, war unvorhersehbar. Die bedeutendsten kreativen Leistungen sind nicht das alleinige Werk ungewöhnlich begabter Männer und Frauen, sondern erwachsen aus ihrer Begegnung mit Problemen von enormer Universalität und Größenordnung. (…)


Häufig gibt es ein intuitives und unfertiges Bild von dem, was zu tun ist, und dieses Bild treibt dann, wenn es einmal erblickt ist, den Verstand vorwärts. So malte sich Einstein im Alter von fünfzehn Jahren aus, er reite auf einem Lichtstrahl, und zehn Jahre später entwickelte er die Spezielle Relativitätstheorie und war damit von einem Kindertraum zu einer der bedeutendsten Theorien der Menschheit gelangt. War die Entwicklung der Speziellen Relativitätstheorie und dann der Allgemeinen Relativitätstheorie Teil eines fortdauernden, unvermeidlichen historischen Prozesses? Oder das Ergebnis eines singulären Ereignisses, der Tat eines einzigartigen Genies? 


Wäre die Relativitätstheorie auch ohne Einstein entwickelt worden? Und wie rasch hätte man sie akzeptiert, wäre nicht die Sonnenfinsternis von 1917 gewesen, dieser seltene Glücksfall, der es ermöglichte, die Theorie zu bestätigen, weil man genau beobachten konnte, wie sich die Gravitation der Sonne auf das Licht auswirkte? Man spürt, wie hier der Zufall am Werk ist – aber sieht zugleich auch die Ebene der wissenschaftlichen Notwendigkeit, nämlich die nicht zu unterschätzende Tatsache, dass sich mit Hilfe der Relativitätstheorie die Umlaufbahn des Merkur exakt bestimmen ließ. Weder «historischer Prozess» noch «Genie» sind angemessene Erklärungen – beide werden sie der Komplexität und dem Zufallscharakter der Wirklichkeit nicht gerecht. (…)


Damit es zu dem scheinbar magischen Akt eines kreativen Fortschritts kommt, müssen isolierte, autonome und individuelle Faktoren zusammenkommen. Die Abwesenheit (oder unzulängliche Entwicklung) eines einzigen dieser Faktoren kann ausreichen, um das Zustandekommen des schöpferischen Ereignisses zu verhindern.»

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