14.09.2013   von rowohlt

Völkerschlacht 1813: Vier Tage, die die Welt erschütterten

Wo Napoleon war, war das Schlachtfeld nicht weit. Wo Napoleon war, war der Krieg.

An vier Tagen im Oktober 1813 entschied sich vor den Toren der sächsischen Stadt in der bisher größten Schlacht der Menschheitsgeschichte das Schicksal des Kontinents. Napoleons Truppen, nach dem verheerenden Russlandfeldzug wiedererstarkt, trafen auf eine Kriegskoalition aus Preußen, Österreich, England und Schweden. 600.000 Soldaten aus über einem Dutzend Nationen prallten in diesen dramatischen Oktobertagen in einer Serie erbitterter Schlachten aufeinander. Die Bilanz des Grauens: 90.000 tote Soldaten und ungezählte zivile Opfer.


Andreas Platthaus, Feuilletonredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat in «1813» ein eindringliches Panorama jener Tage entworfen, die mit dem Untergang der alten Welt und der Dämmerung einer neuen endete. Es war die bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts größte Schlacht der Weltgeschichte. Die Koalitionstruppen – die böhmische Armee unter General Schwarzenberg, die schlesische Armee unter General Blücher und die Nordarmee unter Schweden-Kronprinz Bernadotte – läuteten das Ende der napoleonischen Hegemonie in Europa ein.

«Es ist mir nirgends wohl als wie im Kriege …» (Napoleon)

Napoleons militärisches Genie ließ den Feldherrn aus Korsika zum Kaiser aller Franzosen aufsteigen. Bei aller Selbstherrlichkeit neigte Napoleon nicht zum Größenwahn; er war sich bewusst, dass er zum militärischen Erfolg verdammt war: «Eure Majestäten, die auf dem Thron geboren sind, halten es aus, zwanzigmal geschlagen zu werden. Jedes Mal kehren sie zurück in ihre Hauptstadt. Ich bin nur der Sohn des Glücks. Ich würde von dem Tag an nicht mehr regieren, an dem ich aufhörte, stark zu sein, an dem ich aufhörte, Respekt zu erheischen.» Dem Soldatenkaiser, der seine Truppen höchstpersönlich kommandierte, eilte mehr als ein Jahrzehnt lang der Nimbus der Unbesiegbarkeit in der offenen Feldschlacht voraus. Im Debakel des Russlandfeldzugs erhielt das Bild erste Kratzer, in den vier Tagen vor den Toren Leipzigs zerbrach es in Stücke.


Die Erfolge der napoleonischen Heere beruhten auf der Geschwindigkeit ihrer militärischen Operationen (erstmals von General Bonaparte im Italienfeldzug von 1795/96 zum Erschrecken seiner Gegner vorgeführt) – und auf dem Ignorieren eines alten logistischen Prinzips: nämlich den Nachschub im Tross mitzuführen. Sie requirierten die benötigten Versorgungsgüter in den Gebieten, wo sie unterwegs waren. Was im wohlhabenden und dichtbesiedelten Norditalien funktionierte, führte in den Weiten Russlands in die Katastrophe.


Die Allianz der Gegner Napoleons war gewaltig: Russland unter Zar Alexander I., Österreich unter Kaiser Franz I., Preußen unter König Friedrich Wilhelm III. und Schweden, geführt vom draufgängerischen Kronprinz Bernadotte, einer der interessantesten und umstrittensten Figuren der napoleonischen Ära. Frankreichs einziger Verbündeter war König Friedrich August I. von Sachsen, eine Generation älter als die anderen Monarchen. Napoleons Hoffnungen beruhten auf der Stärke Leipzigs als Handelsstadt (und Basislager für Teile seiner Truppen), auch wenn die Begeisterung der sächsischen Bevölkerung für die «französische Sache» durch die ständigen Abgaben äußerst brüchig geworden war.

Vier Tage, die die alte Welt erschütterten

Platthaus zeichnet das kriegerische Geschehen der Oktobertage 1813 nach: vom Beginn der Kampfhandlungen bis zur Erstürmung Leipzigs durch die alliierten Truppen und der panischen Flucht der französischen Soldaten am 19. Oktober 1813. Aber nicht nur vom Leben und Sterben der Soldaten auf beiden Seiten der Frontlinien wird berichtet, von der Entwicklung der Kriegstechnik (z.B. dem erstmaligen gezielten Einsatz von Raketen). Auch vom unermesslichen Leid der Zivilbevölkerung, der Bauern und der Leipziger Bürger erfahren wir, von Typhus und Ruhr, von den fürchterlichen hygienischen und medizinischen Zuständen in den improvisierten Notlazaretten, von den Kalkülen der Kriegsgewinnler, den Strategiespielen politischer Visionäre, die nach der Flucht der napoleonischen Heere aus Sachsen letztlich in Neuordnung Europas beim Wiener Kongress 1814 mündeten.


Die Zahl der Opfer wird auf rund hunderttausend geschätzt – «ein ungewöhnlich hoher Blutzoll in einer Zeit, als Soldaten vor allem auf dem Marsch starben, wie Napoleons Russlandfeldzug im Vorjahr aufs fürchterlichste bewiesen hatte.» Frankreichs oberster Feldherr verlangte seinen Soldaten mitunter Tagesstrecken von fünfzig Kilometern ab, und das bei einem Gepäck von rund 30 Kilogramm, die Infanteristen zu schleppen hatten: ein mörderisches Pensum. 

Ob das Verlagshaus F. A. Brockhaus ohne die Völkerschlacht das wäre, was es heute ist, ist zu bezweifeln. Damals betrieb Friedrich Arnold Brockhaus seine Buchhandlung samt Verlag noch in Altenburg, 40 Kilometer südlich von Leipzig. Dass aus seinem Unternehmen der bedeutendste deutsche Lexikonverlag wurde, hat ohne Zweifel mit dem alliierten Armeebefehl vom 13. Oktober 1813 zu tun: «Dem Buchhändler, Herrn Brockhaus, von hier wird hiermit befohlen, alle von seiten der Hohen Alliirten theils schon erschienene, theils in der Zukunft noch zu erscheinende Nachrichten und officielle Schriften durch den Druck bekannt zu machen, und sie mittels eines periodischen Blattes, welches jedoch der Censur des jedesmaligen Herrn Platzcommandanten unterliegt, dem Publiko mitzutheilen.» Die nationalpatriotischen <i>Deutschen Blätter</i> (so der programmatische Titel) waren der Anschub, den der findige F. A. Brockhaus zur endgültigen Etablierung seines «Conversations-Lexicons» brauchte – und es dauerte nicht lange, und «der Brockhaus» war eine kulturelle Institution.


Und Goethe? Noch ein großer Name, der in diesem Zusammenhang nicht fehlen darf. Der berühmteste deutsche Dichter war – im Prinzip – ein erklärter Parteigänger Napoleon Bonapartes; nicht den «Kriegsgott» himmelte er in dem ehrgeizigen Franzosen an, sondern den Aufklärer. «Goethe und Bonaparte sind Parallelexistenzen,» schreibt Platthaus. «Der Deutsche war der europäische Geistesriese seiner Zeit, der Franzose das politische und strategische Genie. Beide waren sich der Bedeutung des jeweils anderen seit langem bewusst.» Aber erst 1808, beim Fürstentag in Erfurt, trafen sie zum ersten Mal persönlich aufeinander. Napoleon galt als fanatischer Literaturliebhaber, was Goethe mit nicht geringer Genugtuung erfüllte: «Napoleon hatte in seiner Feldbibliothek was für ein Buch? – meinen Werther!»


Andreas Platthaus Rekonstruktion des Kriegsgeschehens endet mit der Beschreibung einer viertägigen Exkursion des Autors über die Schlachtfelder von einst; als «Schlachtenbummler» sucht er nach den Spuren des blutigen Geschehens. Und es ist noch vieles zu finden, auch wenn fast alle ehemaligen Schlachtfelder längst zum Leipziger Stadtgebiet gehören – bebaute Fläche, wo 1813 noch freies Feld war.


Wer sich heute, zweihundert Jahre nach dem «Völkerschlachten», das Geschehen vergegenwärtigen möchte, kann von Ehrenmal zu Ehrenmal wandeln. Von der schlanken russischen Gedächtniskirche mit ihrer goldenen Kuppel über den beeindruckenden Napoleonstein und die österreichischen Doppelkopfadler-Monumente bis zum 91 Meter hohen und 300.000 Tonnen schweren Völkerschlachtdenkmal – dem Wahrzeichen Leipzigs, das man nicht suchen muss, weil es unübersehbar ist, egal aus welcher Richtung man sich nähert.  Dem Wahrzeichen, das wie kaum ein anderes Objekt der Erinnerungskultur politisch instrumentalisiert wurde: «Vom Kaiserreich über die Weimarer Republik, die Diktatur des Dritten Reichs bis zum SED-Regime der DDR bedienten sich alle deutschen Staatsformen, die sich den Nationalismus zunutze machten, dieses Geländes und Gebäudes – bevorzugt mit Fackelzügen und Aufmärschen.»

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