02.11.2016   von rowohlt

Nabokov bürstet Cervantes gegen den Strich

Band 19 der Nabokov-Werkausgabe erschienen: «Vorlesungen über Don Quijote»

Neben seinen Vorlesungen über westeuropäische und russische Literatur nimmt die über Cervantes' «Don Quijote» eine Sonderstellung ein. Er hielt sie nur ein einziges Mal, 1952 als Gastdozent an der Harvard-Universität, und er wusste, dass er seinen Hörern eine ketzerische Ansicht des Weltklassikers zumuten würde. Denn er mochte den Roman nicht. Vor allem stieß ihn die Brutalität ab, mit der die Mitmenschen den zwar verrückten, aber edelmütigen und tapferen Pseudoritter traktieren, zur Schadenfreude des Lesers und wohl auch des Autors. Aber Nabokov fand im «Don Quijote» auch literarische Schätze – und konstatierte, dass der malträtierte Held längst aus dem Buch herausgewachsen war und schließlich für alles stand, «was sanftmütig, hilflos, rein, selbstlos und ritterlich ist …»


Anders als die meisten Akademiker seiner Zeit scheute Vladimir Nabokov sich nicht, seine streitbaren Ansichten so laut und so unversöhnlich wie möglich zu äußern. Wie meinungsstark, dezidiert und unerschrocken Vladimir Nabokov diesem Großroman der Weltliteratur zu Leibe rückt, erfährt man schon in der «Erzählung und Fiktion» überschriebenen Einführung zu den Vorlesungen – und dem knappen «Fazit» am Ende seiner Cervantes-Vorlesung.

«Der Mensch ist nichts, das Werk alles» (Gustave Flaubert)


«Einige Literaturexperten, eine sehr diffuse, längst tote Minderheit, haben beweisen wollen, dass Don Quijote nur eine schale Posse sei. Andere wiederum haben behauptet, Don Quijote sei der größte aller je geschriebenen Romane. Vor hundert Jahren hat ihn ein enthusiastischer französischer Kritiker, Sainte-Beuve, «die Bibel der Humanität » genannt. Wir wollen indes nicht in den Bann dieser Zaubermeister geraten. Der Übersetzer Samuel Putnam empfiehlt uns in der Viking-Ausgabe des Don Quijote Bücher von Bell und Krutch. Ich bin mit vielem, was in diesen Büchern steht, ganz und gar nicht einverstanden.


Ich bin nicht einverstanden mit Feststellungen wie «(das) Wahrnehmungsvermögen (von Cervantes) war ebenso empfindlich, sein Verstand so geschmeidig, seine Phantasie so rege und sein Humor so subtil wie Shakespeares ». Aber nicht doch – selbst wenn wir Shakespeare auf seine Komödien reduzieren, hinkt Cervantes in alledem hinter ihm her. Don Quijote ist nur der Schildknappe des König Lear – allerdings ein tüchtiger. Das Einzige, worin sich Cervantes und Shakespeare ebenbürtig sind, ist ihr Einfluss, ihre geistige Ausstrahlung – ich denke da an den langen, auf eine rezeptive Nachwelt fallenden Schatten eines geschaffenen Bildes, das unabhängig von dem Buch weiterlebt. Shakespeares Stücke indessen werden unabhängig von solchem Schatten fortleben. (…)


Wir wollen nicht den staubigen Pfad dieser frommen oder unfrommen, verschmitzten oder gravitätischen Verallgemeinerungen einschlagen. Es spielt wirklich keine Rolle, ob Cervantes ein guter oder schlechter Katholik war ; es spielt nicht einmal eine Rolle, ob er ein guter oder schlechter Mensch war; nicht einmal seine Einstellung zu den Verhältnissen seiner Zeit, wenn er denn eine hatte, halte ich für sonderlich bedeutsam. Persönlich neige ich eher zu der Annahme, dass ihn diese Verhältnisse nicht weiter interessiert haben. 


Was uns hingegen zu kümmern hat, ist das Buch selbst – ein bestimmter spanischer Text in einer mehr oder weniger adäquaten Übersetzung. Ausgehend von diesem Text, stoßen wir natürlich auf gewisse moralische Implikationen, die in einem Licht zu betrachten sein werden, welches vielleicht die Welt des Buches selbst überschreitet, und wir werden nicht zurückschrecken, wenn wir zu diesen Dornen gelangen. «L’homme n’est rien, l’oeuvre – tout» (Der Mensch ist nichts, das Werk – alles), sagte Flaubert 18. In manchem l’art pour l’art-Menschen wohnt ein frustrierter Moralist – und etwas in der Moral des Buchs Don Quijote wirft ein fahles Laborlicht auf das wilde Fleisch etlicher seiner Passagen. Wir werden von seiner Grausamkeit sprechen.

«Das Spottbild ist zum Leitbild geworden»


Ein spanischer Kommentator, Diego Clemencín, hat einmal gesagt: « [Cervantes] schrieb seine Fabel mit einer Nachlässigkeit, die unerklärlich scheint: ohne jede Vorausplanung, ganz wie seine Phantasie, seine üppige und robuste Phantasie es ihm diktierte. Zudem hatte er eine unüberwindliche Abneigung, das Geschriebene noch einmal durchzulesen und zu überarbeiten – daher diese fürchterliche Häufung von Schnitzern, von vergessenen oder falsch eingeordneten Begebenheiten, von widersprüchlichen Einzelheiten, Namen und Geschehnissen, die im Rückblick oder bei der Wiederholung alle möglichen irritierenden Veränderungen durchmachen, sowie von zahlreichen anderen Fehlern, die das Buch gleich Pockennarben bedecken.» 


Mit noch größerer Schärfe wurde ebenfalls gesagt, dass außer den faszinierenden Gesprächen zwischen Don Quijote und Sancho und den wunderbaren Wahnvorstellungen, aus denen die wichtigsten Abenteuer des Ritters bestehen, der Roman bloß ein Gemisch von vorgefertigten Begebenheiten ist, von Intrigen aus zweiter Hand, mittelmäßigen Versen, banalen Einschüben, unmöglichen Verkleidungen und unglaubwürdigen Zufällen. Dennoch schafft es das Genie von Cervantes, die Intuition des Künstlers, der er war, diese disparaten Teilstücke zusammenzuhalten und sie dazu zu verwenden, seinem Roman über einen edlen Verrückten und seinen ordinären Knappen Schwung und Geschlossenheit zu verleihen. (…)


Wir stehen somit vor einem interessanten Phänomen: einem Literaturhelden, der nach und nach den Kontakt zu dem Buch verliert, aus dem er hervorgegangen ist; der sein Vaterland verlässt, der das Schreibpult seines Schöpfers verlässt und dessen Umwelt, in der er wie dann in ganz Spanien herumgezogen war. Infolgedessen ist Don Quijote heute größer, als er es in Cervantes’ Schoß war. Dreihundertundfünfzig Jahre lang ist er durch die Dschungel und Tundren menschlichen Denkens geritten – und hat dabei an Vitalität und Statur gewonnen. Wir lachen nicht mehr über ihn. Sein Wappen ist das Erbarmen, sein Banner die Schönheit. Er steht für alles, was sanftmütig, hilflos, rein, selbstlos und ritterlich ist. Das Spottbild ist zum Leitbild geworden.»

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