02.05.2018   von rowohlt

Verrat und Vergeltung

«Unerträglich spannend» (Daily Telegraph) – Nicholas Searles Thriller über den blutigen Bürgerkrieg in Nordirland

© iStockphoto.com
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Weihnachten 1989. Während Bridget O’Neill mit Grauen den Feiertagen entgegenblickt, ist ihr Mann in Calais, um einen britischen Soldaten vor den Augen seiner Familie zu töten. Francis ist ein Fußsoldat der IRA, der Kampf ist ihm Beruf und Lebenszweck. Bridget aber erträgt das vom Bürgerkrieg geprägte elende Leben nicht mehr – und lässt sich vom britischen Geheimdienst rekrutieren. Bei einem missglückten Attentatsversuch wird Francis verhaftet und für viele Jahre in den Hochsicherheitsknast gesteckt – er ahnt nicht, von wem der entscheidende Tipp gekommen ist. Und dass die IRA da insgeheim längst mit den Briten verhandelte, hat er nicht gewusst. Bridget fühlt sich durch ihren Verrat noch mehr an ihn gebunden. Sie wird auf ihn warten – auf die Gefahr hin, aufzufliegen und den Preis für eine fatale Entscheidung zu zahlen …


Nicholas Searle hat mit «Verrat» einen brillanten, ungeheuer spannenden Thriller geschrieben, der quasi pünktlich zum Karfreitagsabkommen vom April 1998 erscheint, dem Übereinkommen zwischen der Republik Irland, der britischen Regierung und den Konfliktparteien in Nordirland. Man spürt an den Details der Beschreibungen von IRA-Operationen, nächtlichen Waffenübungen oder dem Rekrutieren von Agenten und Überläufern, dass der Autor sich bestens mit der Materie auskennt. Er kennt «The Troubles» aus eigener Anschauung; Searle stand 23 Jahre im Spionagedienst Ihrer Majestät. Vieles spricht dafür, dass er für den britischen MI6 gearbeitet hat – sprechen darf (oder will) er im Interview darüber nicht. Zumindest das sagt er. «Mein gesamtes Arbeitsleben hatte mit Terrorismus zu tun.»


In Searles informativem Nachwort werden nicht nur die Ursprünge des Nordirland-Dramas beleuchtet, auch die Protagonisten des blutigen Konflikts (Loyalisten/Unionisten, Official IRA, Provisional IRA und Ulster Volunteer Force, RUC und Sinn Fein) bekommen klare Konturen: 

Nicholas Searle: Über die historischen Hintergründe des Nordirland-Konflikts


«Mit dem verschleiernden Euphemismus ‹The Troubles› (Die Schwierigkeiten) beschreibt man in Irland – im Norden wie im Süden – und Großbritannien gern die Zeit zwischen 1969 und 1998, in der Unruhen, Terrorismus, Mord und Totschlag das Leben aller Nordiren und vieler Menschen andernorts beherrschten. Der Begriff wäscht Blut, Schmerz und Leid von den Ereignissen und verschiebt sie in den Bereich der bloßen Unannehmlichkeit. Die Angst und der Schrecken werden damit nicht einmal ansatzweise ausgedrückt.


Es ist nahezu unmöglich, diesen Zeitraum in objektiven, allgemein akzeptierten Begriffen zu beschreiben, umstellt von Emotionen, wie er ist. Klar ist aber: Die Ursachen liegen weder in ihm selbst noch in den Jahren, die ihm unmittelbar vorausgingen. Auch liegen sie nicht im Fenieraufstand von 1867 oder der Irischen Rebellion von 1798, obgleich die Streitpunkte sich verblüffend ähneln. Nein, die Anfänge finden sich Jahrhunderte zuvor.


George Bernard Shaw sagte einmal, kein Engländer sollte die Geschichte Irlands je vergessen, kein Ire sich je an sie erinnern. Eine hübsche Anspielung auf das Talent der Engländer, die Dinge selbstzufrieden zu verharmlosen, und das der Iren, nachtragend an ihnen festzuhalten. Aufschlussreicher ist jedoch die Feststellung des Historikers A. T. Q. Stewart, die irische Geschichte sei öfter von Dichtern geschrieben worden als von Historikern. Das mag ihr etwas Magisches verleihen, führt aber, so Stewart, außerdem zur Akzeptanz von Mythen als Tatsachen und zur jahrhundertelangen Wiederholung der immer gleichen rhetorischen Manöver, Antworten und Fehler.


Von Zeit zu Zeit tauchen diese Themen wieder auf; meistens in Form von Gewalt, der in gleichem – wenn nicht größerem – Maß mit Repression begegnet wird. Mit das Erschreckendste daran ist, wie wenig Recht oder Gerechtigkeit sich zu beiden Seiten findet. Sicher, es gibt echte Missstände, doch die britische Verwaltung hat sich ein ums andere Mal als dumm und brutal erwiesen; zugleich legten die Irish Republican Army (IRA) und ihre Vorläufer eine Grausamkeit an den Tag, die in keinem Verhältnis mehr zu ihren Zielen stand, ja diesen manchmal regelrecht bewusst zu widersprechen schien. Die protestantischen «Loyalisten» sorgten unterdessen für weitere willkürliche Gräuel.


Unmöglich lässt sich in einem kurzen Nachwort der komplexen Situation gerecht werden, die sich in Irland über Jahrhunderte entwickelte, oder dem heiklen Ungleichgewicht, das allen Beteiligten verdrehte Anreize geliefert hat. Viele Probleme speisen sich gerade aus zu großer Vereinfachung der Umstände.


Schon über den Ursprung des Konflikts ließe sich hitzig debattieren. Sagen wir, alles begann im frühen 16. Jahrhundert, mit dem Entschluss Heinrichs VIII., Irland zu unterwerfen. Zwar war sein Vorfahr Heinrich II. schon im 12. Jahrhundert in Irland eingefallen, doch dieser Zeitpunkt taugt so gut wie jeder andere dazu, den Anfang der Spannungen zwischen Großbritannien und Irland sowie zwischen den Konfessionen auf der Insel zu markieren. Eine Führungsklasse aus Protestanten wurde ausgeschickt, den Großteil eines Landes in Besitz zu nehmen, dessen einheimische Bevölkerung mehrheitlich katholisch war. Und schon befinden wir uns mitten im Reich poetischer Vereinfachung, zumal einige der wohlhabendsten Landbesitzer und Unterstützer der Briten dem katholischen Glauben anhingen, während diverse ärmliche protestantische Kleinbauern für ein unabhängiges Irland eintraten. Allgemein gesprochen lassen sich hier dennoch die wiederkehrenden Verwerfungslinien ablesen: zwischen Armen und Reichen, Briten und Iren, Katholiken und Protestanten.


Den Konflikt für einen Glaubenskrieg zu halten, wäre jedoch falsch. Vielmehr ging er aus parteilichen und gesellschaftlichen Spannungen zwischen zwei Gemeinschaften hervor, die ihre Wurzeln in den jeweiligen Religionen hatten. Im Grunde geht es aber um Gesellschaft, Abstammung und Politik, und religiöse Lehren spielen kaum eine Rolle.


Während der folgenden Jahrhunderte war es britische Politik, Irland mit einer neuen Klasse Landbesitzer zu besiedeln, die unter anderem aus schottischen Presbyterianern bestand. Das vertiefte die Gräben, während zugleich kaum etwas für die einheimischen Iren getan wurde. Zwei große Hungersnöte – eine von 1740 bis 1741, bei der 400 000 Iren starben, und eine von 1845 bis 1849 – , von denen die ärmeren Katholiken unverhältnismäßig stark getroffen wurden, verstärkten dies noch und hatten einen Massenexodus zur Folge.


Bis 1800 war Irland von der englischen Krone beherrscht, zählte aber offiziell nicht zu Großbritannien. Nach der Rebellion von 1789 wurde es per Gesetz zum Teil des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Irland. Das beruhigte die Lage zwar eine Zeitlang, befeuerte langfristig jedoch nur den Ruf nach einem unabhängigen Irland. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs erließ das britische Parlament eine Reihe von Gesetzen zur sogenannten ‹Home Rule›, wodurch die Entscheidungsgewalt über irische Angelegenheiten an Irland zurückgegeben werden sollte (gegen den heftigen Widerstand der wohlhabenden und einflussreichen protestantischen Minderheit). Die Umsetzung wurde aufs Kriegsende verschoben. 1916 wiederum wurde ein Versuch, mit revolutionären Mitteln schon früher eine unabhängige Regierung in Irland einzuführen, vom Königreich brutal niedergeschlagen. 1919 einigte man sich schließlich darauf, Irland entlang konfessioneller Grenzen zu teilen und im Süden einen neuen, aus sechsundzwanzig Counties bestehenden Staat namens Republik Irland (anfangs: Freistaat Irland) zu gründen, dessen Regierung größtenteils aus ehemaligen Mitgliedern der IRA bestand. Der vorwiegend protestantische nördliche Teil des Landes – die «sechs Counties» – blieb als Nordirland Teil des Königreichs. Die Grenze zog man aufgrund demographischer Daten, und obwohl man Nordirland häufig Ulster nennt, erstreckt es sich nicht exakt auf demselben Gebiet wie die einstige Provinz dieses Namens.


Und so kommen wir zum Jahr 1969. In der Zwischenzeit hatten sich die alten Muster in einem industrialisierten Nordirland eingegraben, das sich mit protestantischen Politikern mehr oder weniger selbst verwaltete. Protestanten hatten die besten Jobs. Das Schulsystem war entlang der Konfessionsgrenzen gespalten, und protestantische Schulen wurden deutlich bevorzugt. Besonders in den Städten war der Wohnraum de facto gettoisiert, wobei den Katholiken slumartige Lebensumstände vorbehalten blieben. Fast alle Polizisten waren Protestanten.


Die Ungerechtigkeiten waren so zahlreich und so spürbar, dass es niemanden überraschte, als im Zuge der Protestbewegungen der späten Sechziger eine Bürgerrechtsbewegung in Nordirland entstand, die wiederum eine Gegenreaktion der protestantischen Mehrheit hervorrief. Gewaltsame Zusammenstöße waren keine Seltenheit, und die Briten ließen zur Wahrung der Ordnung Soldaten auf den Straßen patrouillieren. Begrüßte man die Army anfangs noch als Beschützer der Katholiken, sah man sie bald immer mehr als Werkzeug der Briten und folglich der protestantischen Unterdrücker. Diese Entwicklung erreichte einen Höhepunkt, als britische Truppen im Januar 1972 bei einer Bürgerrechtsdemonstration in Derry City dreizehn unschuldige Katholiken erschossen. Dieser Vorfall und viele ähnliche machten die nie aufgelöste, wenngleich weitgehend inaktive IRA wieder populär und glaubwürdig. Sie teilte sich in zwei Gruppen: in die immer noch militante Official IRA, die hauptsächlich im Süden agierte, und die militärisch organisierte, schlagkräftige Provisional IRA, die sich auf direkte Aktionen vorbereitete und wesentlich im Norden operierte, obwohl sie auch über Strukturen in der Republik verfügte. Ziel der «Provos» war der gewaltsame Umsturz der britischen Herrschaft über Nordirland und die Vereinigung der Insel unter der irischen Trikolore. Auf der Gegenseite bildeten sich loyalistische Paramilitärs wie die Ulster Volunteer Force – angeblich, um die Protestanten zu schützen, tatsächlich aber, um irische Nationalisten und Republikaner anzugreifen.


Die Komplexität der Lage zeigt sich schon darin, dass ‹Loyalismus› nicht dasselbe ist wie ‹Unionismus› – also der Wunsch, Nordirland möge Teil des Königreichs bleiben – , obwohl die beiden schwer zu unterscheiden sind: Die Bewegung der Loyalisten entstand aus dem Widerstand gegen die Home Rule am Ende des 19. Jahrhunderts, als auch viele Katholiken gern im Königreich bleiben wollten. Der Terminus Loyalismus hob dabei die spezifisch protestantische Dimension hervor.


Es scheint wenig sinnvoll, auf die Schuld für die Gräuel der folgenden etwa drei Jahrzehnte mit Aufrechnung zu reagieren: für die Morde an unschuldigen Katholiken in irischen Bars und an Touristen auf dem europäischen Festland, für die Entführung, Folter und Ermordung zehnfacher Mütter, die man des Spitzelns verdächtigte, für die Absprachen zwischen RUC (der britischen Polizei in Nordirland), Army und protestantischen Terroristen … Es dürfte genügen festzuhalten, dass der Wahnsinn entfesselt wurde und 3000 Menschen darin umkamen.


Man kann wohl mit Recht behaupten, dass niemand im Recht war: Alle waren im Unrecht, und jede wohlmeinende Intervention konnte die Lage ebenso gut verschlimmern und neues Leid hervorrufen. Jahre mühevoller, geduldiger Kleinarbeit waren nötig, unter Beteiligung der irischen und englischen Regierung, gemäßigter Politiker in beiden Teilen Irlands, von Vermittlern aus dem Rest der Welt (den USA und der EU, zum Beispiel) und am Ende auch Mitgliedern der Terroristengruppen selbst, um diesen Wahnsinn zu bremsen und ihm schließlich Einhalt zu gebieten: Im Jahre 1998 unterzeichneten alle Beteiligten das sorgsam formulierte Karfreitagsabkommen, dessen Vereinbarungen zur Aufteilung der Macht in Nordirland gleiche Rechte für alle garantierten. Ein vereinigtes Irland, wie Sinn Fein (einst der politische Arm der Provisional IRA, heute eine verfassungskonforme Partei) es sich noch immer wünscht, sieht das Abkommen nicht vor, es beschreibt aber einen möglichen Weg dazu, der vom ausdrücklichen Einverständnis der Menschen sowohl in Nordirland als auch der Republik abhängt.


Große Teile des Vertrags sind formal in die Institutionen der EU eingebettet, was für Unklarheiten bezüglich der Auswirkungen der Verhandlungen über den Brexit sorgt. Sowohl die EU als auch die Regierungen Großbritanniens und Irlands haben die vorrangige Notwendigkeit anerkannt, die Vorteile des Abkommens zu wahren und die irische Grenze zwischen EU und Großbritannien (zwischen Nordirland und der Republik) so ‹weich› wie möglich zu belassen.


All dies bildet den Hintergrund zu ‹Verrat›, das in der Zeit unmittelbar vor und nach dem Karfreitagsabkommen spielt. Während ich dieses Nachwort schreibe, werfen die Troubles noch immer bedrohliche Schatten. Um eine funktionierende Mehrheit im englischen Parlament zu behalten, bemühen sich die Konservativen um die Unterstützung der DUP, der radikaleren der Unionisten-Parteien in Nordirland. Das widerspricht dem Karfreitagsabkommen, dem zufolge die Regierungen Irlands und Großbritanniens bloß Gewährleister und Vermittler im Friedensprozess der Nationalisten und Unionisten sein sollen.

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