31.08.2017   von rowohlt

«Verpassen Sie sich nicht. Nutzen Sie die Chance.»

Wie man Veränderungen in der Lebensmitte aktiv gestalten kann – Ein Interview mit der Coachingexpertin Antje Gardyan

© Felix Matthies
© Felix Matthies

Eigentlich wollten wir mit 30 oder 40 angekommen sein, spätestens mit 50. Doch das Gegenteil ist der Fall: Wir sind noch immer unterwegs – und zwar auf der Buckelpiste des Lebens. Eine innere Sehnsucht nach Veränderung treibt uns um, oder wir werden durch radikale Einschnitte gezwungen, uns neu aufzumachen. Fest steht: Die Lebensmitte ist eine besondere Zeit in der Biografie eines jeden Erwachsenen. Und sie steckt voller Chancen, neue Wege für die eigene Zukunft zu finden. Antje Gardyan hat in ihrer Coachingpraxis zahlreiche Menschen in Umbruchsituationen begleitet. Ihr Buch reflektiert zehn verschiedene Perspektiven auf die Lebensmitte und ebnet mit 50 klugen Wegweisern den Pfad für den eigenen Aufbruch: Lebensnah. Überraschend. Klar.

Das Interview


Ihr Buch nennt sich im Untertitel eine «Ermutigung zum Aufbruch in der Lebensmitte». Für die Generation unserer Eltern hat «Lebensmitte» noch etwas ganz anderes bedeutet. Was hat sich – soziologisch, demografisch, mental – verändert, wann erleben wir heute «Lebensmitte»?
Die Lebensmitte ist kein arithmetisches Mittel im Sinne von «Lebenserwartung, geteilt durch zwei». Die Lebensmitte findet bei den Menschen, mit denen ich gesprochen habe, ungefähr zwischen 35 und 55 Jahren statt. Das Erleben der Lebensmitte mit all seinen Fragen hängt von biografischen Faktoren ab: Wie lange war Ihre Ausbildungsphase? Wann sind Sie in Ihrem Beruf gestartet? Wie alt sind Sie nach circa 15 Jahren Berufserfahrung? Wann haben Sie geheiratet und/oder eine Familie gegründet, und wie alt sind die Kinder heute? Noch klein? Schon aus dem Haus? Wie alt und fit sind die eigenen Eltern? Von diesen Faktoren hängt ab, wann die Zeit der Zwischenbilanz anfängt, welche Themen Ihnen begegnen und welche Fragen Sie an Ihr zukünftiges Leben stellen. Die Lebensmitte ist ein Zeitfenster und kein Zeitpunkt.
Demografisch betrachtet,  hat sich unsere Lebenserwartung im Vergleich zur Generation unserer Eltern verlängert. Wie schön! Damit stellt sich aber auch die Frage, wie die geschenkte Lebenszeit von uns gestaltet werden will.  Viele werden länger arbeiten müssen und wollen. Aber wie? Und mit welchen Inhalten? Weiter wie bisher? Oder doch anders? Das sind spannende Fragen, die in der Lebensmitte beantwortet und gestaltet werden wollen, damit sie dann zukünftig gelebt werden können.


Ihr Beratungsunternehmen für Veränderungsmanagemnt trägt den schönen Namen FLYING FISH. «Fliegende Fische» sind Tiere mit phänomenalen Eigenschaften; dank ihrer speziellen Aerodynamik können sie bis zu 400 Meter in der Luft sein und werden bis zu 70 km/h schnell. Wie und wo sind Sie fliegenden Fischen «begegnet»?
Oh, das ist schon ein bisschen her- ich habe sie bei einem Segeltörn in der Karibik entdeckt. Klingt jetzt etwas kitschig, aber so war's: Ich saß mit baumelnden Beinen im Bugkorb des Segelbootes, und die fliegenden Fische schossen rechts und links aus dem spritzenden Wasser. Ich war sofort fasziniert, wie sie vom Schwimmen in diesen Gleitflug kommen können. Sie beherrschen zwei Gangarten, zwei Welten. Wasser und Himmel.  Der Skipper erklärte mir, dass die Fische aus dem Wasser schießen, wenn Raubfische hinter ihnen her sind und schnelleres Schwimmen sie nicht weiterbringt. So ist es auch mit uns Menschen. Es gibt Situationen, da kommen wir in Bedrängnis – wir schwimmen schneller, tun mehr vom Gleichen, leider ohne wirklich voran zu kommen. Dann müssen wir es den fliegenden Fischen gleichtun, ganz anders agieren als bisher: sinngemäß fliegen lernen.


Im Branchenmagazin Horizont werden Sie mit dem Satz zitiert: «Es war bei mir nie wie immer.» Man hat das Gefühl, dass Ihr Leben – von den frühen Umzügen mit der Familie bis zu ihrer «buntscheckigen» beruflichen Vita – von Mobilität, Veränderung und auch von teilweise heftigen Brüchen (Tod der Eltern, Scheidung vom «Traummann», Geburt Ihres Sohnes) geprägt ist. Gibt es diesen Moment, an dem man spürt: Ich hab all das Schwere hinter mir? 
Das ist eine gute Frage. Vergessen kann man die schweren Anteile in der eigenen Biografie wohl nie. Aber das Schwere verwandelt sich im Laufe der Zeit in etwas anderes, und es gesellen sich neue Gefühle hinzu, Dankbarkeit zum Beispiel, Erdung, Demut vor bestimmten Themen, Freude an der eigenen Entwicklung oder Einsichten und Erkenntnisse, die einen weiterbringen, neue Freundschaften und Beziehungen zu Menschen, die uns in der Zeit begegnen. Letztlich formen uns auch die schweren Anteile zu dem, wer wir heute sind. Wie Wasser den Stein schleift – oder gefroren auch sprengt. Die schweren Anteile bergen große Entwicklungschancen, die wir vorbeiziehen lassen – oder nutzen können. 


Früher wurde der Begriff «Lebensmitte» praktisch identisch gesetzt mit dem der «Midlife-Crisis». Sie sprechen aufgrund Ihrer persönlichen und beruflichen Erfahrungen von «Midlife-Chance» und «Glücksfall Krise» – weshalb?
Die Midlife Crisis wurde in den siebziger Jahren im Wesentlichen als männliche Krise oder als Krise der Männlichkeit wahrgenommen. Die stereotypen Symptome waren der Kauf eines roten Porsches und die junge Freundin an seiner Seite. Es ging darum, dass Menschen ein Problem damit hatten, älter zu werden. Wenn wir den Blick nur auf Status und körperliche Attraktivität richten, werden wir unweigerlich unzufrieden. Wir brauchen einen offenen Blick für die Reichtümer, die unser Alter und unsere Erfahrung mitbringt:  Familie, Freunde, Netzwerke, Gelassenheit etwa.  
Ich bin weiß Gott kein «Krisenenthusiast» im Sinne von «in jeder Krise steckt eine Chance». Krisen sind erstmal unangenehm, und ich habe viel Verständnis für Ausweichbewegungen jeder Art.  Aber: Die Themen, die sich uns jetzt stellen – im Beruf, mit dem Partner, mit der Herkunftsfamilie oder mit den eigenen Kindern – sind kleine oder manchmal auch größere Weckrufe, dass es Zeit ist,  Rahmenbedingungen des Alltags, Spielregeln im Miteinander, Inhalte unseres Tuns z.B. nun unseren bisherigen Erfahrungen anzupassen, sprich: zu verändern. Diese Notwendigkeit in der Lebensmitte wahrzunehmen, zu verstehen und zu nutzen, verstehe ich als Gestaltungschance. Selber (frühzeitig) gestalten zu können, statt «gestaltet» zu werden ist für mich Glück. 


Von den «zehn Irrtümern der Lebensmitte» scheint mir Irrtum Nr. 7 der verbreitetste zu sein. «Das passiert mir doch nicht» (Stichwort «not in my backyard»). Wieso taumeln wir den Schlägen, die das Leben für uns Menschen bereithält, so ungeschützt entgegen? Wäre es nicht aus Selbstschutz schlauer, tatsächlich eher von einem halb leeren als von einem halb vollen Glas auszugehen?
Die Fragen der Lebensmitte überrumpeln uns in der Regel, wir sind wenig auf sie vorbereitet. Wir wähnten uns nach der Aufbauarbeit der letzten Jahre auf dem Tafelberg des Glücks, de facto sind wir eher auf der Buckelpiste des Lebens unterwegs. Meistens eher unelegant.
Es wäre ehrlicher und für alle Beteiligten hilfreicher, offener über die Herausforderungen der Lebensmitte auszutauschen. Jeder von uns weiß, welche Fragen und Entwicklungsthemen Kleinkinder haben oder was die Phase der Pubertät mit sich bringt. Selbst das Rentenalter ist gut durchleuchtet. Die  Lebensmitte ist eine Blackbox im öffentlichen Diskurs, und jeder malt mit bunten Farben eine fröhliche Tarnung darauf und hofft, dass es ihn nicht betrifft. Umso überraschter sind alle im Dunklen der Box, statt dass mal einer Licht macht. Ich finde, wir haben Gesprächsbedarf. Mein Buch ist eine Einladung dazu. Mir geht es nicht um Pessimismus oder Optimismus, sondern darum, mit wachem Blick auf das zu schauen, was ist. 


Sie zitieren das «Gelassenheitsgebet» des amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr: «Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.» Wie lange arbeiten Sie im Schnitt mit Ihren (in der Regel heftig gestressten, alles andere als gelassenen) Klienten, die auf professionelle Hilfe setzen?
Das ist unterschiedlich: Im Business Coaching, wo es um berufliche Fragen geht, arbeite ich vielfach über einen Zeitraum von sechs Monaten. Da sehen wir uns circa sechs Mal für zwei Stunden. Bei Fragen der Lebensmitte ist manchmal ein Einzelgespräch schon sinnvoll, um eine andere oder präzisiere Perspektive auf die aktuellen Themen und Fragen zu kriegen. Für viele ist allein die Erkenntnis, dass sie sich in einer Entwicklungsphase des Erwachsenen befinden und sie damit nicht alleine sind, ein Augenöffner, um dann mit verändertem Blick auf die Themen selber weiterzuarbeiten. Eine neue berufliche Perspektive auszuarbeiten dauert natürlich ein paar Gespräche mehr und eigene Recherche- und Denkarbeit, was z.B. Entwicklungsmöglichkeiten und Marktchancen angeht.
Die Lebensmitte ist eine chancenreiche, wenn auch nicht unanstrengende Phase, die alle durchlaufen und keine Krankheit- auch eine Erkenntnis, die gelassener macht. 


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