07.06.2016   von rowohlt

«Uns steht ein hartes Programm ins Gesicht»

Rowohlts top-top-top-aktuelles Frage-Antwort-Spiel zur Fußball-EM 2016: lustig, erhellend und fast ein bisschen literarisch (Sartre! Evers! Berti Vogts!)

© iStockphoto.com
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«Ich wage eine Prognose: es könnte so oder so ausgehen …» Der gute alte  Roy Atkinson, immer einen lässigen Spruch auf den Lippen! Dabei geht es bei der Fußball-Europameisterschaft wieder mal um alles: um Triumphe und Tragödien, Titel und Tore. 4 Wochen und 2 Tage  Fußball! Das haben wir dem für diverse Jahre aus dem Verkehr gezogenen Uefa-Chef Michel Platini zu verdanken. Der hatte nichts Besseres zu tun, als die Teilnehmerzahl der EM von 16 auf 24 Nationen zu erhöhen, so dass sich sogar Liechtenstein, Andorra und die Färöer-Inseln kurzzeitig Hoffnung machten, in Frankreich dabei zu sein. 15 (fünfzehn!) Tage müssen wir warten, bis im Achtelfinale Butter bei die Fisch' kommt, bis der K.o.-Modus endlich greift. Bis dahin spielen wir STEILPASS, dass die Interviewschnipsel fliegen …


Wir wollen mit STEILPASS natürlich auch einen – Kompliment, saustarken! – Satz von Martin Walser widerlegen: Dass es nämlich nur eine ödere Sache als Fußball gibt, nämlich das Reden über Fußball. Öde ist hier gar nix! Wobei – geredet wird in STEILPASS im engeren Sinne auch nicht. Wir bringen nur einige der schönsten, bizarrsten und (pardon!) blödesten Sprüche von Fußballern, Trainern und Funktionären mit den richtigen Fragen zusammen. 


Heute: STEILPASS, Teil 1. Mit dabei u.a.: Jogi Löw, Christoph Daum, Lothar Matthäus, Jean-Paul Sartre, Horst Hrubesch, Horst Evers, Toni Polster, Thomas Müller, Bruno Labbadia, Thorsten Legat, Franz Beckenbauer, Mario Basler, Uli Hoeneß, Giovanni Trapattoni und Berti Vogts.

«Mal verliert man, man gewinnen die anderen»


Steilpass: Was halten Sie von Pep Guardiola und Thomas Tuchel?
Jogi Löw: Des isch Fußball auf allerhögschdem Niveau.
Steilpass: Sehen Sie sich eigentlich auf einem Level mit diesen Top-top-top-Trainern?
Jogi Löw: Des isch jedscht aber allerniedrigschde Schublade. Wer isch denn hier der Weltmeister?


Steilpass: Kurze Nachfrage beim Ex-Bundestrainer: Herr Ribbeck, der EM-Titel 2016 für das deutsche Team nach dem WM-Triumph in Brasilien – machbar oder nicht?
Erich Ribbeck: Muss ich dass jetzt als Frage verstehen oder die Antwort so beantworten, wie Sie sie in Ihre Frage reingelegt haben? Sie haben Ihre Frage so gestellt, dass ich das Gefühl haben muss, als wenn ich das, was Sie gerade gesagt haben, vorher schon gesagt hätte. Das habe ich aber nicht.


Steilpass: Das klingt jetzt vielleicht etwas wolkig, Herr Ribbeck. Fragen wir doch mal U21-Nationaltrainer Horst Hrubesch, landauf, landab als «Kopfballungeheuer» bekannt: Sie gelten als Berufsoptimist. Hand aufs Herz: Was ist drin bei der EM?
Horst Hrubesch: Wenn wir alle schlagen, können wir es schaffen. Oder, Andy?
Andreas Brehme: Uns steht ein hartes Programm ins Gesicht.  


Steilpass: Zumindest spätestens ab dem Viertelfinale. Und wenn es am Ende mit dem Titel doch nicht klappt – davon geht die Welt nicht unter, oder?
Otto Rehhagel: Mal verliert man und mal gewinnen die anderen. 


Steilpass: Das ist das Stichwort. Fragen wir doch direkt die Kollegen von den Medien, die großen Auskenner: Sie haben eine spektakuläre Umfrage zur EM in La France gestartet – wie war noch mal die Frage?
Allgemeine Zeitung: Unsere Frage war: Wer gewinnt die EM 2016? Ja: 41,52 %, Nein: 30,08 %, Weiß nicht: 28,40 %.


Steilpass: Philipp, nach 112 Länderspielen haben Sie Ihre Nationalmannschaftskarriere beendet. Bei allen Großturnieren in den letzten zwölf Jahren standen Sie im Kader. Nun haben Sie erstmals frei. Wie werden Sie die vier Wochen verbringen?
Philipp Lahm: Grillen, Bierchen, Daumen drücken. 


Steilpass: Perfekte Freizeitplanung, Philipp! Da drüben, da schüttelt einer ziemlich unentspannt den Kopf: Erik Meijer, Ex-Bundesligaprofi und niederländischer Nationalspieler (6:0 gegen San Marino!). Herr Meijer, ab wann kann man als Fußballer bei einem großen Turnier zufrieden sein: Halbfinale, Finale? 
Erik Meijer: Es ist nichts scheißer als Platz zwei. 
Steilpass: Weil …?
Rudi Gutendorf: Der Ball ist ein Sauhund. 


Steilpass: Das nenne ich Klartext! Da huscht gerade Horst Evers vorbei – hallo Herr Evers, schön, Sie zu sehen! Sie wirken nicht gerade überzeugt, dass Jogis Jungs vom Mentalen her quasi schon Europameister sind – oder was bedeutet Ihr sorgenvoll zerfurchtes Gesicht?
Horst Evers: Dit heißt, dit dit schwierich is.


«Es sind Worte gefallen, jetzt werden Taten fallen»


Steilpass: Schwierich, klar, auf jeden Fall. Deutschland spielt in der Vorrundengruppe C u.a. gegen Polen mit Bundesliga-Torschützenkönig Robert Lewandowski (FC Bayern München). Hartes Los?
Christoph Daum: Mir ist es egal, ob einer Brasilianer, Pole, Kroate, Norddeutscher oder Süddeutscher ist. Die Leistung entscheidet, nicht irgendeine Blutgruppe. 


Steilpass: Aha. Apropos Blutgruppe: Von 2008 bis 2013 haben Sie, Herr Trapattoni, die irische Nationalmannschaft trainiert. Nun sind mit Irland und Nordirland gleich zwei irische Teams für die EM in Frankreich qualifiziert. Trauen Sie einem der beiden Irlands (oder beiden) eine Überraschung zu? 
Giovanni Trapattoni: Fußball ist ding-dang-dong. Es gibt nicht nur ding. 


Steilpass: Bene, grazie, Trap. San Marino, Liechtenstein und die Färöer-Inseln müssen zu Hause bleiben, schade eigentlich. Aber nicht mal alle starken Teams aus Osteuropa haben den Sprung zur EM geschafft, zum Beispiel Serbien…
Lothar Matthäus: Der Serbe an sich ist leichtfertig im Umgang mit Chancen.


Steilpass: Finden Sie? Nun gut. Herr Basler, ohne Sie ist ein Champions-League-Abend in der Essener 11-Freunde-Bar nicht mal halb so sehenswert. Fahren Sie eigentlich im Juni nach Frankreich, um die EM aus der Nähe zu verfolgen?
Mario Basler: Ich lerne nicht extra Französisch für die Spieler, wo dieser Sprache nicht mächtig sind. 


Steilpass: Frankreich hin, Französisch her, Dortmunds Ilkay Gündogan, der nächste Saison für Pep Guardiolas ManCity spielt, laboriert an einer üblen Knieverletzung und verpasst die EM – eine gravierende Schwächung des Teams? 
Otto Rehhagel: Die sollen sich nicht so anstellen, bei mir zählen nur glatte Brüche als Verletzungen.


Steilpass: Wenn wir schon bei dem Thema sind: Herr Gerland, Sie kennen ja Bastian Schweinsteiger so gut wie kaum jemand sonst. Seit er zu Manchester United gewechselt ist, scheint er nur noch verletzt zu sein – er ist doch noch keine 40! Woran liegt das?
Hermann Gerland: Die haben doch heute Verletzungen, die gab's damals bei uns gar nicht. Stimmt doch, Rudi oder?
Rudi Völler: Man darf über ihn jetzt nicht das Knie brechen.


Steilpass: Ganz schön altersmilde, Herr Völler! Löw hat mal wieder den Treue-Joker für Podolski und Schweinsteiger gezogen. Als was hat das deutsche Trainerteam eigentlich die Veteranen «Schweini» (dauerverletzt!) und «Poldi» (Türkei!) nominiert – als Gute-Laune-Bären?
Toni Polster: Das ist Wahnsinn! Da gibt es Spieler, die laufen noch weniger als ich!


Steilpass: Taktisch dürfte Löw und seinem Trainerteam niemand was vormachen. Gegenpressing, Verschieben im Kollektiv, Doppelsechs, echter Neuner, falscher Neuner: alles bekannt, alles trainiert. Dabei ist Fußball doch eigentlich ein ganz einfaches Spiel, sowas wie Schach ohne Würfel (verdammt, wer hat das gleich nochmal gesagt?) …
Bruno Labbadia: Das wird alles von den Medien hochsterilisiert. 


Steilpass: Jetzt mal Butter bei die Fisch', Herr Möller, Herr Legat, Herr Matthäus. Triumph oder Debakel für die Löw-Truppe?
Andreas Möller: Vom Feeling her habe ich ein gutes Gefühl.
Thorsten Legat: Unsere Chancen stehen 70:50.
Lothar Matthäus: I hope we have a little bit lucky. 


«Diese Ruuudi-Ruuudi-Rufe hat es früher nur für Uwe Seeler gegeben»


Steilpass: Zumindest die Vorrunde müsste ein Kinderspiel für Weltmeister Deutschland sein, mit Polen, Ukraine und Nordirland, oder? Okay, «es gibt heute keine einfachen Gegner mehr», jaja, schon klar – aber wo soll das Problem sein?
Jean-Paul Sartre: Bei einem Fußballspiel verkompliziert sich allerdings alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft. 
Steilpass: Das heißt, äh, jetzt was?
Helmut Schulte: Das größte Problem beim Fußball sind die Spieler. Wenn wir die abschaffen könnten, wäre alles gut. 


Steilpass: Mehmet Scholl, Sie lassen sich bekanntlich kein X für ein U vormachen, klare Kante ist Ihr Ding. Was halten Sie eigentlich davon, dass die deutsche Elf bei der EM sich jetzt offiziell «La Mannschaft» nennt – albernes Marketing-Selbsttor, oder?
Mehmet Scholl: Die schönsten Tore sind diejenigen, bei denen der Ball schön flach oben reingeht.


Steilpass: Das ist exakt auf den Punkt gebracht, da liegt sich nichts wund. Sie, Herr Vogts, sind weit herumgekommen, als Spieler immer treu bei Borussia Mönchengladbach, als Trainer aber ziemlich umtriebig: Kuwait Schottland, Nigeria, Aserbeidschan. Wieso glauben Sie, dass ein halbes Dutzend Mannschaften 2016 Europameister werden kann?
Berti Vogts: Die Breite an der Spitze ist dichter geworden.


Steilpass: Breit, spitz, dicht, nun  ja. Jetzt aber zu einem aktuellen Aufreger dieser Tage, Gaulands Boateng-Bashing. Wer würde nicht gern Nachbar von Jerôme Boateng sein … außer AfD-Provo Alexander Gauland, dem man galant mit Voltaire antworten könnte: «Alles, was zu dumm ist, um gesprochen zu werden, wird gesungen.» Fragen wir lieber mal bei Thomas Müller vom FC Bayern München nach, was er von seinem Mannschaftskollegen Boateng im Allgemeinen und von dessen exzentrischem Style im Besonderen hält …
Thomas Müller: Der trägt das mit einer Inbrunst – das passt einfach. Wenn ich so etwas tragen würde, würden mich alle fragen, ob jetzt ganzjährig der Fasching ausgebrochen ist.


Steilpass: Style, Fasching, AfD, sehr verwirrend das alles. Herr Beckenbauer, auch Sie hier? Welche Freude! Wo Sie waren, war früher immer der Erfolg … 
Franz Beckenbauer: Erfolg ist wie ein scheues Reh. Der Wind muss stimmen, die Witterung, die Sterne und der Mond. 
(Im Hintergrund schlurft Michel Platini vorbei …)


Steilpass: Auf ein Wort, Monsieur Platini. Zunächst mal: Herzliches Beileid zu Ihrer Suspendierung durch irgendwelche Ethik- oder sonstige Kommissionen. Skandal! Hier nur eine harmlose Fußballfrage, nix Kriminelles: Was ist drin für Deutschland in Frankreich? 
Michael Platini: Wenn die Deutschen gut spielen, dann werden sie Weltmeister, wenn sie schlecht spielen, dann kommen sie ins Finale. 


Steilpass: Herzlichen Dank, Monsieur, und alles Gute weiterhin. Mit dieser Perspektive wären wir alle schon mal recht zufrieden, auch wenn es sich diesmal «nur» um eine Europameisterschaft handelt. Welt oder Europa, ist doch eh egal. Für heute zurück in die Funkhäuser. Guten Abend allerseits!

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