28.02.2017   von rowohlt

«Unikum und Unikat in einem»

Zum 25. Todestag von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt

© Rowohlt Archiv +++ HMLR mit Annelotte Becker-Berke, der legendären «BB» oder «Frau Bebé»
© Rowohlt Archiv +++ HMLR mit Annelotte Becker-Berke, der legendären «BB» oder «Frau Bebé»

Um kaum einen deutschen Verleger ranken sich so viele Anekdoten wie um Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, den «Riesenschnörkel», «dünnhäutiger Elefant, aggressive Mimose, bissige Venus; listiger Sachse wie weltläufiger Gentilhomme» (Fritz J. Raddatz). Martin Walsers erste Erfahrungen mit HMLR waren ziemlich «einseitige Erfahrungen» – der «Falstaff mit einer Prinz-Heinrich-Konstitution» rauschte, in wichtigere Angelegenheiten vertieft, einfach an ihm, dem jungen Mann, vorbei. Zu einer ersten Begegnung kam es dann bei der Gruppe 47, vermutlich 1953. «Ich hatte da vorgelesen, in einem Saal, den man über eine breite Treppe verlassen musste. Da, wo die Treppe die eckige Kurve kriegt, schob IHN der Zufall neben mich. ER sah mich zum ersten Mal. ER fragte: Sind Sie mit Robert Walser verwandt? Nein. Schade, sonst hätte Ihnen Rowohlt sicher eine Fahrkarte nach Hamburg spendiert.» Hat dann ja trotzdem noch geklappt, die Liaison Walser-Rowohlt.
Vor einem Vierteljahrhundert, am 28. Februar 1992, ist Heinrich Maria Ledig-Rowohlt gestorben: in Neu-Delhi, wo er an einem internationalen Verlegerkongress teilnahm.


Kaum jemand  dürfte den großen Verleger so gut gekannt haben wie Fritz J. Raddatz. Der gebürtige Berliner war von 1960 an, für fast ein Jahrzehnt, Cheflektor und stellvertretender Verlagsleiter des Rowohlt Verlags. Hier einige prägnante Passagen aus Raddatz' Erinnerungsband «Jahre mit Ledig».

«Ja, rauchen Sie denn?»


«Das vielleicht war Ledigs Geheimnis. Vieles war ihm egal. Er rannte niemandem hinterher, er hörte nicht zu – und trotzdem sprachen die Leute am liebsten mit ihm. Er beantwortete keine Briefe – las sie aber gern. Er war nie pünktlich. Er ließ alle Welt warten. Er vergaß, dass man, um nach Wien zu reisen, einen Pass brauchte (den er damals auf der Reeperbahn, als sein Geld alle war, als Pfand «hinterlassen» hatte). Er durfte also nicht nach Wien fliegen, wo es prompt statt der angekündigten Haupt- und Staatsaktion nur Skandal gab, den jeder gern verpasste. 


Er telefonierte stundenlang – entweder, um unserem Pariser Bürochef detailliert das Grauen seines Zahnwehs zu klagen, oder um mir aus Zürich seitenlang aus Flann O’Briens köstlich-unverkäuflichem Buch ‹The Third Policeman› vorzulesen, dreißig Minuten unbeeindruckt vom rasenden Klingeln dreier anderer Telefone auf meinem Tisch: «Na ja, mein Guter», sagte er abschließend, «ich will Sie nicht aufhalten – aber es ist eben der Beckett des Humors – , sagen Sie’s mal noch niemandem im Hause: Aber das müssen wir verlegen.» Wenn ich ihm auf die permanente Neugierfrage «Gibt’s sonst noch was?» etwa vom 15 000-Dollar-Vorabdrucksangebot einer Illustrierten stolz berichtete, kam nur: «Idioten.» Geld (so wenig Geld) interessierte ihn nicht. Erst wenn das große Geschäft winkte, wurden die Mäuseohren und listigen Augen hellwach. (…)


«Das Zuhören begann für Ledig bei zwei Dingen: Literatur und größere Summen. Wenn ihn etwas interessierte, vergaß er alles andere um sich herum. Da lag die Quelle seiner enormen physischen Kraft und intellektuellen Präsenz: Für die totale Hingabe an eine Person oder ein Problem entschädigte er sich quasi durch «Ausblenden». Den Lübecker Ratskeller, in den das Chagallpaar Ledig und Jane einst zu einem höchst angeregten Abendessen mit Henry Miller per Auto und Chauffeur «eingeschwebt» war, verließen sie durch einen zweiten Eingang, fuhren mit dem Taxi nach Hamburg zurück und sagten, als der halb erfrorene Fahrer, immer noch am Lübecker Ratskeller wartend, nach Stunden zu Hause anrief, erstaunt: «Aber wir sind doch längst hier!»


Ledig allerdings, der mich, seinen jahrelangen engen Mitarbeiter, Kettenraucher, auf die Bemerkung «Ich habe mir das Rauchen abgewöhnt» verwundert fragte: «Ja, rauchen Sie denn?», der einer ohnmächtig gewordenen Sekretärin einfach weiterdiktierte oder das Diktat mit seiner langjährigen Fremdsprachensekretärin unterbrach, um zu sagen: «Jetzt soll mal einer reinkommen, dem ich ’nen kleinen englischen Brief ansagen kann» – dieser Ledig vergaß auch, sich um sich selber zu kümmern.

«He is not feeling well at all, Raddatz, er hat der Grippe»


Im Bild – fünf gestandene Rowohlt-Männer: unten Raddatz, in der Mitte Ledig, über ihm der kaufmännische Geschäftsügrer Kurt Busch, links oben: Herstellungsleiter Edgar Friedrichsen, rechts oben: Vertreibsleiter Karl Hans Hintermeier.



Als auf der Frankfurter Buchmesse ein smarter Literaturagent das William-Manchester-Buch zum Tod von John F. Kennedy verauktionierte und ich, der einen Kennedy-Tick hatte, daraus ein Manuskriptsegment von ca. 80 Seiten in dessen Hotelzimmer lesen durfte – «Aber bitte seien Sie bis 23 . 15 Uhr fertig, dann kommt Herr Harpprecht vom Fischer Verlag» – , da dachte ich einen Augenblick, den Bestseller des Jahrhunderts in der Hand zu halten: die Geschichte der Scarlett O’Hara, geschrieben von Boris Pasternak.


Es war gleich Mitternacht, als ich Ledig im Hessischen Hof anrief. Aus dem Telefon kam nur ein Grunzen. Eiligst reportierte ich. Es grunzte. Ich rief: «Kennedy!» und: «Pasternak!» und: «Vom Winde verweht!» und: «‹Stern›-Vorabdruck!» und: «80 000 Dollar!» Es grunzte. Ich raste in sein Hotel, rannte einfach die Treppen hoch und in sein Zimmer: Chagall war notgelandet. Zwischen Flacons und Blumenarrangements und Kübeln mit schmelzenden Eiswürfeln und Obstschalen und Flaschen voll weißem Bacardi-Rum und Kleenex-Schnee und zahllosen Pillenschachteln lag unter riesigen Plumeaus, einen Frotté-Turban um den Kopf, ohne Augen, rot geschwollen, mein Verleger: fast schlafend, den Telefonhörer noch in der Hand. Um ihn, in fließenden Gewändern, mit dramatisch verrutschter Nachthaube von Balmain, flatterte Lady Jane, eine gestörte Nachtigall: «Il est malade, vous-savez, he is not feeling well at all, Raddatz, er hat der Grippe …»


Auf der Messe haben immer alle die Grippe – das ist eine Krankheit, die aus den Folgen von Aufregung, zu viel Zigaretten, zu viel Reden, zu viel Alkohol und zu wenig Schlaf besteht. Sie ist ansteckend. Was tun? Lady Jane mixte vor allem erst einmal einen fabelhaften Daiquiri. Dann kniete ich neben Ledigs Bett und flüsterte ihm in wohlgesetzten Worten meine Botschaft ins Ohr: Ohne aufzuwachen, wachte er auf. Schniefend und prustend, augenblicklich hellwach, warf er alle Decken ab, legte den Hörer auf, hob den Hörer ab, rief den Vertriebschef Hintermeier an, ließ Leo von Bertelsmann suchen, rief Leo an, schwebte nackt, den Turban noch auf dem Kopf, mit Krötengrazie durchs Zimmer, trank Lady Janes mit wehender Hand gereichten Daiquiri, überlegte, kalkulierte, ließ mich die tragische Geschichte der blutverschmierten Jacqueline im Präsidentenflugzeug erzählen, fand Finanzchef Busch puppenmunter in der Bar des Frankfurter Hofs – und war für zwei Stunden ganz gesund. 


Danach wussten wir genau, wie viel (für uns) das Buch wert war, wie viel ich am nächsten Morgen bieten konnte – und HMLR, zufrieden, sagte: «Übrigens bin ich krank.» Sprach’s, sprang ins Bett unter die Plumeauberge und schlief. Kein Aribert Wäscher hätte Volpone, kein O. E. Hasse je den Churchill so perfekt geben können …»

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