07.08.2014   von rowohlt

Und plötzlich macht das Leben einen Sprung

«Emily, allein» von Stewart O'Nan: «Herzerweichend und brillant» (The New York Times)

© Thinkstock
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Kaum einer zeichnet so feinfühlige, subtile Psychogramme seiner Protagonisten wie Stewart O'Nan. Emily Maxwell, die Titelheldin seines neuen Romans, ist eine alte Dame, die sich spät im Leben zu einem Neuanfang gedrängt fühlt. Ihr Mann Henry ist tot, die beiden Kinder und die Enkel sind weit übers Land verstreut, ihre besten Freunde sterben nach und nach weg. Geblieben ist ihr, außer dem klapprigen Hund Rufus, nur Arlene. Bis ein Schwächeanfall ihre Schwägerin vorübergehend aus dem Verkehr zieht – und Emily, plötzlich vollkommen auf sich allein gestellt, ihr Leben neu in den Griff bekommen muss. Und dabei entdeckt, wie schön, wie erfüllend die Zeit sein kann, die ihr noch bleibt.


Der Tagesspiegel: «Kaum jemand hat die Ödnis des Alltags, das Nachlassen der Kräfte und den gleichzeitigen Lebenswillen eines alten Menschen mit solcher Klarheit und solchem Gleichmut beschrieben.»
Eigentlich ist jeder Romane O'Nans ein Kammerspiel der Gefühle. Er geht nah an seine Figuren heran und tief in sie hinein. Einsamkeit, Furcht vor körperlichem Verfall, Krankheit und Tod – nicht viele Autoren können so präzise und behutsam über die dunklen Seiten des Lebens schreiben. «Aus scheinbar gewöhnlichen Momenten ganz große Geschichten machen – das kann niemand besser als Stewart O'Nan.» (Brigitte)

Nach Henry

Es gibt den berühmten (und gern zitierten) Satz Tolstois, dass alle glücklichen Familien einander glichen, jede unglückliche Familie aber auf ihre eigene Weise unglücklich sei. Im Falle der Maxwells trifft das in besonderer Weise zu. Seit einigen Jahren ist Emily Witwe; ihre Kinder Margaret und Kenneth samt Enkeln sieht sie nur ein paar Mal im Jahr. Zum Glück sind da noch ihr uralter Springer Spaniel Rufus (der praktisch alles frisst, sogar ganze Ledergürtel – bis auf die Schnalle) und ihre Schwägerin Arlene. Ohne sie hätte Emily nicht gewusst, wie sie die tristen Wintertage bis Weihnachten heil überstehen soll. Obwohl sie schon sechzig Jahre in Pittsburgh lebt, fühlt sie sich manchmal immer noch wie eine Fremde, eine kürzlich Zugezogene – «im Grunde ihres Herzens war sie immer noch eine Landpomeranze».
Emily ist keine, die den ganzen Tag jammert und vor Melancholie und Selbstmitleid sich lahmlegt. Sie wohnt in einem netten Vorstadthäuschen, sie ist gesundheitlich noch halbwegs beieinander, sie kann gut allein sein mit ihren Zeitungen, den Krimis, der geliebten klassischen Musik. Aber sie macht sich keine Illusionen, der morgendliche Blick in den Spiegel ist gnadenlos: ihre Stundenuhr lässt ihr nicht mehr viel Zeit, davon ist sie überzeugt. «‹Was meinst du?›, fragte sie Rufus. «Werde ich zur Ballkönigin erkoren?» Noch einmal Weihnachten im Kreis ihrer (komplizierten) Familie feiern, noch einmal das Erwachen des Frühlings erleben, noch einmal den geliebten Garten bepflanzen, sich an der ersten Sommersonne erfreuen – weiter plant sie nicht.
«Emily ging allmählich dem Tod entgegen, ja, schön und gut, das galt für sie alle. Wenn Dr. Sayid glaubte, sie sei deshalb am Boden zerstört, zeigte das nur, wie jung er noch war. In Hysterie zu verfallen hatte keinen Sinn. Es war nicht das Ende der Welt, nur ihr eigenes Ende, und in letzter Zeit war sie zu der Überzeugung gelangt, dass es ganz natürlich und vielleicht sogar wünschenswert war, wenn es mit einem Mindestmaß an Würde ablief … Sie wollte keine dieser vom Tod besessenen alten Frauen sein, die ihn in jedem Ticken der Uhr und jedem Knarren der Dielen hörten, als würde er wie ein Einbrecher im Haus herumschleichen. Es gab keinen Grund, die Dinge zu überstürzen. Sie würde noch früh genug sterben

Es gibt Tage, die alles verändern

Der Tag, an dem Arlene einen Schwächeanfall erleidet und ins Krankenhaus muss, verändert Emilys Leben von Grund auf. Es passierte ausgerechnet bei ihrer liebsten Dienstagsbeschäftigung, beim Frühstücksbuffet zum halben Preis im Eat 'n Park. Auf einmal muss Emily alles selber in die Hand nehmen, ohne sich von Arlenes Tatkraft vorantreiben zu lassen. Nicht zuletzt muss sie wieder lernen Auto zu fahren. Allein der Gedanke an den nach Henrys Tod in der Garage eingemotteten riesigen Odds trieb ihr den Panikschweiß auf die Stirn. Statt sich von ihren Ängsten in die Knie zwingen zu lassen, beschließt sie, sich einen modernen Kleinwagen mit Hybridantrieb zuzulegen.
Emilys Tage gewinnen auf einmal eine neue Kontur. Sie besucht ihre Freundin im Krankenhaus, kauft ein, plant, besorgt, tut. Das einen Neuanfang zu nennen wäre ihr übertrieben vorgekommen, aber das immer häufiger aufblitzende Gefühl, ihr Leben fester im Griff zu haben, beglückt sie. Die neue Klarheit benötigt sie auch dringend: für die Regelung ihrer Hinterlassenschaften, mehr noch für die komplizierten Gespräche mit ihrer Tochter, die in immer neuen Anläufen mit dem Teufel Alkohol kämpft. «Der Gedanke an Margaret genügte, um sie daran zu erinnern, dass sie nicht nur glückliche Zeiten erlebt hatte, sondern in Wahrheit vieles ein Kampf gewesen war. (…) Selbst nach Emilys Tod würde Margaret noch mit ihr kämpfen, so wie Emily noch mit ihrer eigenen Mutter rang, schuldbewusst …»

Kilometerzähler auf null ...

Endlich findet sie die Kraft, noch einmal an die wenigen wichtigen Orte ihres Lebens zurückzukehren: an Henrys Grab, nach Kersey, jenes «tote Kaff in den Apalachen», wo sie ihre Kindheit verbrachte. Als Emily endlich nach Chautauqua («Allein das Wort war ein Versprechen») aufbricht, wo die Maxwells so viele Ferienwochen verbracht hatten, stellt sie den Kilometerzähler auf null …
Stewart O'Nan erzählt Emilys Geschichte ohne Schönfärberei, ohne Pathos. Das Alter lässt sich nicht schönreden und nicht schönschreiben. Aber es so genau, so einfühlsam zu beschreiben, wie O'Nan zu tun, das ist eine große Kunst. Und ein kleiner Trost.
Fest in der Gegenwart verankert ist Emily, allein übrigens auch. O'Nan erlaubt sich (bzw. Emily) den einen oder anderen Seitenhieb auf die große Politik. Emily war ihr Leben lang überzeugte Republikanerin. «Sie erinnerte Kenneth gern daran, dass man auf dem Lande zwangsläufig konservativ war und es dort um die Familie, den Glauben und die Bezahlung der Rechnungen ging.» Allmählich sind ihr aber die wählbaren Kandidaten ausgegangen. Die Herren McCain, Huckabee und Mitt Romney (!) traut sie, wenn sie ehrlich ist, ebenso wenig zu wie Hillary Clinton und Obama. Aber natürlich macht Emily am Ende ihr Kreuzchen …

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