30.01.2017   von rowohlt

«Und dann eines Morgens geht die Sonne auf, und alles bricht in Stücke»

«Das Buch meines Lebens» – Paul Austers Opus magnum «4 3 2 1»

© Lotte Hansen
© Lotte Hansen

«Ja, alles war möglich, und nur weil etwas auf eine bestimmte Weise geschah, hieß das noch lange nicht, dass es nicht auch auf eine andere Weise geschehen konnte …» «4 3 2 1», das sind vier Variationen des Lebens von  Archibald Ferguson, von allen nur Archie genannt, der – wie Auster – als amerikanischer Jude im Newark der fünfziger Jahre aufwächst. Viermal wird der Protagonist durch das eigene Leben geschickt; als Leser erleben wir mit ihm dramatische, manchmal herzzerreißende Wendungen. Paul Austers große Themen, das Streben nach Glück, die «Musik des Zufalls», Politik und Zeitgeschichte von Hiroshima bis Vietnam – alles ist hier versammelt, verdichtet in vier alternativen Lebenswegen eines jungen Mannes, der sein Glück in der Welt zu finden sucht. 

Stimmen zu Paul Austers «4 3 2 1»


Der Spiegel: «Wer die 1200 Seiten mit ihren oft langen, dahinströmenden Sätzen liest, begreift noch einmal, wie Amerika zu dem wurde, was wir kannten. Und vielleicht auch, warum es irgendwann enden musste … Dass diesem Amerika hinterherzutrauern ist, wissen die meisten Deutschen. 60 Millionen Amerikaner hingegen haben es gerade abgewählt. Lest dieses Buch und weint.»
Das Erste: «Ein brillantes Buch über die Möglichkeiten des Lebens, über entscheidende Kreuzungs- und Abzweigungspunkte, darüber, wie es hätte weitergehen können, wenn man an einem bestimmten Punkt etwas anders gemacht hätte.»
Die Zeit: «Ich habe seit langem keinen so guten, so durch und durch widersprüchlichen, so anrührenden, so verspielt leichten und zugleich philosophisch ambitionierten Roman der Gegenwart gelesen wie diesen.»
Playboy: «Großartiges Werk um Liebe und Literatur, Politik und Widerstand, Basketball und Studentenheime. Eine literarische Sensation? Zweifellos.» 
Rolling Stone: «‹4 3 2 1› ist ein Sittenbild Amerikas, vor allem des (jüdischen) New York in den Sechzigern, ein Porträt der Gegenkultur, ein prismatischer Coming-of-Age-Roman, eine postmodern verfremdete Autobiografie und vor allem eine Musik des Zufalls, in der alle Motive der Auster'schen Prosa noch einmal zusammenfinden.»
BR Bayern 2: «Ein weitläufiger, großartiger Roman, in dem man sich verlieren kann; ein Opus magnum voller Tragik und Komik … ‹4 3 2 1› ist Gipfel und Summe von Austers bisherigem Werk.»
Der Tagesspiegel: «Der Großroman ‹4 3 2 1› – ein Meisterwerk ... Ein wuchtiger Entwurf gegen die neue populistische Einfalt, die mit dem Schlagwort der ‹Identitären› die Vielfalt und Widersprüche des Individuums und der Gesellschaft mit wachsender Gewalt negieren und nivellieren will.»
Abendzeitung München: «‹4 3 2 1› ist der vermutlich erste vierfache Coming-of-Age-Roman der Literaturgeschichte. ein geniales Gedankenspiel ...»
F.A.Z.: «Zum 70. Geburtstag hat Paul Auster sich nun selbst das schönste Geschenk gemacht: diesen Roman. Und uns als seine Leser beschenkt er mit.» 

Ferguson 1,2,3,4: «identisch, aber verschieden»


Am ersten Tag des 20. Jahrhunderts erreicht Isaac Reznikoff New York. Eine lange Reise liegt hinter ihm: von Minsk zu Fuß über Warschau nach Hamburg, dann auf einem Schiff namens Kaiserin von China nach Amerika. Zwischen ihm und dem Gelobten Land steht nur noch die Befragung durch einen Beamten der Einwanderungsbehörde auf Ellis Island. Ein Mitreisender rät ihm, keinesfalls seinen für amerikanische Ohren unverständlichen Namen zu verwenden. «Vergiss den Namen Reznikoff. Der wird dir hier nichts nützen. Du brauchst einen amerikanischen Namen, einen, der sich gut amerikanisch anhört.» Zum Beispiel: Rockefeller. Dem übermüdeten Immigranten fällt dann genau dieser uramerikanische Name nicht ein. «Ich hob vergessen!», murmelt er in breitestem Jiddisch, und der Beamte notiert: Ichabod Ferguson. 


So weit die Familienlegende; vielleicht auch nur ein von Generation zu Generation weitergetragener Witz –  auch Archie kennt ihn, sein Enkel, von dessen Kindheit, Jugend und junger Erwachsenenzeit «4 3 2 1» erzählt. Wie Folien legen sich im Laufe des Lesens die vier Lebensläufe übereinander. Das Schicksal treibt die Protagonisten in verschiedene Richtungen: Archie selbst, seine Großeltern, die Eltern Stanley und Rose, die so sinnliche wie intellektuelle Amy Schneiderman (der alle Archies auf die eine oder andere Weise verfallen). «Diese gleichsam kubistische Mehrfachansicht der Figuren gehört hier zum Abenteuer des Lesens», schreibt Peter von Becker im Tagesspiegel. Mal wächst der Junge in Montclair auf, mal anderswo in New Jersey; hier schlägt sein Herz für Mädchen, dort auch für Männer; in einer Spielart stirbt Archies Vater Stanley bei einem Brand in seinem Warenhaus Three Brothers Home World, in einer anderen scheffelt er, ein «Prophet des Erfolgs», Dollars. 


Auch der Tod spielt in dieser jüdisch-amerikanischen Familiensaga seine gewichtige Rolle, wie in jedem Leben. Einer der Archies wird in einem Zeltlager während eines Sturms von einem herunterfallenden Ast erschlagen; im «Roten Notizbuch» hat Paul Auster von einer dramatischen Begebenheit erzählt, die hier offensichtlich Pate stand: Als er vierzehn war, starb im Sommercamp ein Junge, buchstäblich wenige Zentimeter von ihm entfernt, an einem Blitzschlag. «Ja, alles war möglich … Alles könnte anders sein.» Paul Austers großer Roman kreist um nichts anderes als die Frage aller Fragen: Wie groß ist die Kluft zwischen dem Leben, das wir führen, und dem Leben, das wir führen wollen – oder dem Leben, das uns auch hätte zustoßen können?

Das Leben, eine Ansammlung von «what-ifs»


Im Gespräch mit dem Guardian bezeichnet Auster «4 3 2 1» als sein wichtigstes Werk: drei Jahre Arbeit, «almost seven days a week». «Ich habe mein ganzes Leben gewartet, dieses Buch zu schreiben.» Monumental ist es in vielerlei Hinsicht. Kurz vor seinem 70. Geburtstag am 3. Februar 2017 ist die deutsche Ausgabe erschienen: 1259 Seiten, dreimal so lang wie jeder andere seiner Romane. «Ein Elefant», sagt Auster, «aber ich hoffe: ein sprintender Elefant.» Und wunderbar lesbar dank der Arbeit der vier deutschen Übersetzer Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl.


Seit seinen berühmten Frühwerken wie der «New-York-Trilogie», «Mond über Manhattan» oder der «Musik des Zufalls» haftet Auster das Etikett «postmodern» an. Gemeint ist dieser Mix aus raffiniertem Plot, detektivischen Scharaden, existenzialistischer Aura und literarischen Bezügen zwischen Borges und Beckett. Kurz: Avantgarde meets Brooklyn, «East Coast meets Left Bank». Aber was heißt schon postmodern? In seinem neuen Roman schreibt Auster in einer Weise «realistisch», wie er es wohl nie zuvor getan hat. Kein metafiktionales Spiegelkabinett, stattdessen vier Inkarnationen eines Jungen aus New Jersey: ein Leben in den Versionen Ferguson 1,2,3,4.


In «4 3 2 1» steckt der ganze Auster, in höchster existenzieller Dringlichkeit. Alle seine Themen sind da: der abwesende Vater, Glück und Tristesse des Coming-of-Age, Zufall und Schicksalhaftigkeit, die Liebe zu Baseball und französischer Dichtung, race and class politics in den USA. Versierten Auster-Lesern begegnen übrigens auch eine Reihe guter alter Bekannter: Marco Stanley Fog (aus «Mond über Manhattan»), David Zimmer (aus «Buch der Illusionen»), Adam Walker (aus «Unsichtbar») oder Peter Aaron (aus «Leviathan»). «Yes, they are all there», sagt Auster im Gespräch mit Paul Laity vom Guardian. «I wanted to bring back all my boys and have them there at the same time … just for fun. It's a link in my work.» 

Von «Ferguson» zu «4 3 2 1»


Auf den über 1200 Seiten des Romans tauchen zahlreiche Wegmarken der Jahrzehnte zwischen 1950 und 1970  auf. Koreakrieg, Berliner Mauer, Kubakrise, das Massaker von Birmingham, Alabama, die Bürgerrechtsbewegung, Vietnam, Kambodscha, das dramatische Jahr 1968 mit den Morden an Martin Luther King und Robert Kennedy, den Sowjetpanzern in Prag und der Besetzung der Columbia University 1968, Andy Warhol, Woodstock. Jedes dieser Daten hat in der Entwicklung des Romans seinen Platz: So ist der 22. November 1963, als in Dallas, Texas, die tödlichen Schüsse auf Präsident John F. Kennedy fielen, genau jener Tag, als Austers Ferguson 1 zum ersten Mal mit Amy Schneiderman schläft.


Apropos Politik: Erschüttert von der Wahl Trumps zum US-Präsidenten haben Auster und seine Frau Siri Hustvedt Konsequenzen gezogen. Es sei das Gebot der Stunde, für Bürger- und Menschenrechte auf die Straße zu gehen, Widerstand zu leisten. Trumps Botschaft «Make America Great Again», so Auster, sei nichts anderes als ein «Make America White Again». Seit der «Katastrophenwahl» hat sich der Ton von Austers politischen Stellungnahmen verschärft. «Wenn es so weitergeht, werden die USA zerfallen, ein zerbrochenes, gescheitertes Land sein, und das Experiment der ‹Vereinigten Staaten› ist am Ende … Es geht jetzt vor allem um Wachsamkeit und die Mobilisierung jedes Einzelnen, sonst leben wir bald in einer Diktatur.» (Die Welt v. 28.1.17) Als eine erste persönliche Konsequenz wird Auster sich als Präsident der amerikanischen PEN-Sektion bewerben.


Mit «4 3 2 1» schließt sich ein Kreis – wobei das Countdown-Motiv im Titel ganz sicher nicht ein Ende der literarischen Produktivität Austers verheißt. Ursprünglich war ein anderer Titel geplant: «Ferguson». Aber nach den anti-rassistischen Unruhen nach den Todesschüssen auf den 18-jährigen afroamerikanischen Schüler Michael Brown am 9. August 2014 in Ferguson, Missouri, konnte Austers Großepos nicht «Ferguson» heißen: «Dieser Name wird für lange Zeit in Amerikas Geschichte eingehen» (Paul Auster).

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