29.07.2016   von rowohlt

«Um Mitternacht in Berlin, dat jibt Risse im Jemüt»

Vater, Mutter, Teilzeitkind: Stefan Schwarz' entlarvend-witziger Roman über Trennung, Alltagschaos und Sorgerechthaberei

© Patrick George/Getty Images; Dagmar Morath
© Patrick George/Getty Images; Dagmar Morath

Der als Schauspieler arg unterbeschäftigte Jannek Blume hat ein Problem: Die Ehe mit der schönen Larissa erweist sich leider nicht als die ganz große Romanze. Nun soll endlich auseinandergehen, was nie zusammengehörte: die Hamburger Chefarzttochter und der überimpulsive Sohn einer alleinerziehenden Berliner Köchin.  Eigentlich kein Problem, wäre da nicht der kleine Timmi, ein kluges Kind und notorischer Terrorbolzen. Jannek legt es auf einen Sorgerechtsentscheid an – und hat schnell die Bude voll mit Gutachtern und Experten. Jetzt wäre eine Stiefmutter mit Nerven aus Stahl prachtvoll … Geschichten wie diese passieren jeden Tag irgendwo in Deutschland. Aber niemand kann so komisch davon erzählen wie Stefan Schwarz.

Stefan Schwarz macht Spaß!

«Schwarz schreibt wunderbar trocken. Seine Sprache ist stilvoll, aber zugleich so leicht zugänglich, dass es den Leser schon auf der ersten Seite mitten in die Geschichte zieht.» (Kölner Stadt-Anzeiger)


«Wunderbar witzig, absurd und sehr spannend.» (Hörzu)


«Stefan Schwarz ist schlicht und ergreifend der komischste Comedy-Autor im Moment. Und der sprachmächtigste.» (Jürgen von der Lippe)


Ernsthafte Warnung an alle Moment-Junkies!

Magische Momente – wer träumt nicht von ihnen? Sie sind es doch letztlich, die unserem Leben Sinn und Perspektive geben (zumindest reden wir uns das gern ein). «Sie wissen, was ich meine. Alles für diesen Moment: Sonnenuntergang. Meeresbrise. Jungsein. Grünflaschenbiertrinken. An einem weißen Strand. Sand, der von der Haut rieselt. Wir alle wollen hingerissen und überwältigt werden von der Liebe auf den ersten Blick. Von einer Liebe, die uns den Verstand raubt.»


Genau das passiert Jannek: Eine Frau rauscht in sein Leben hinein, in die er sich Knall auf Fall verliebt. Die ihn verzaubert und ihm den Verstand raubt. Leider werden magische Momente gen überschätzt – eben weil sie Verstand und Vernunft heimtückisch ausschalten. Weil sie nichts als Blendwerk sind, gefährliche Fallen. Und Jannek ist sehenden Auges in eine hineingetappt. Sie heißt: Larissa. Dabei waren die Modalitäten der magischen Begegnung schon ziemlich speziell … 

«L. A. Langpapp, Musik leiser stellen – sofort!»

Als moderner Mann geht Jannek mehr als einem Job nach. Weil er als Kindertheater-Schauspieler meist krass unterbeschäftigt (und monetär entsprechend unterversorgt) ist, arbeitet er auch noch als Nachrichtensprecher für ein Berliner Privatradio. «Nightlights» heißt dessen Donnerstagabend-Talk, moderiert von der smarten Vollglatze Benno. Als Seelentröster hilft er so mancher Sabine über den Verlust eines gewissen Uwe hinweg. 


Die Sabine/Uwe-Episode klingt bei Schwarz so: «Wenn man Benno so hörte mit seiner Country- & Western-Stimme, dann wurde selbst ein Behelfsname wie Uwe – für gewöhnlich Ausdruck völligen elterlichen Desinteresses bei der Benennung des Kindes, eher ein Laut des Unwillens als ein wirklicher Name – plötzlich zu einem Zeichen des Heils. Wiewohl des verlorenen Heils …»


Sei's drum – als Jannek eine Stunde vor Mitternacht in seinen ramponierten Fiat Panda klettern will, trifft ihn der Schlag. Blöderweise hat er das Verdeck offen gelassen – der Sommerstarkregen hat das Innenleben des Autos in eine Gerümpeljauche verwandelt. Als dann nach einer halbstündigen Säuberungsarie auch noch die Zündung den Geist aufgibt, verliert Jannek leicht die Contenance («Blöde Scheißkarre mit verschissenem, verficktem Scheißschiebedach!»). Irgendwann nach Mitternacht ist er dann zu Hause. Seesel, Bier, endlich Ruhe? Keineswegs – aus der Nachbarwohnung dröhnen die 70er-/80er-/90er-Jahre-Hits, die Glatzen-Benno in «Nightlights» gerade auflegt.


Da kommt Jannek eine prachtvolle Idee: Er kontaktiert Benno im Sender. Und der spielt noch rasch Céline Dions «My Heart Will Go On» auf, bevor er diese Durchsage macht: «Ich weiß, dass viele Menschen da draußen sind, die nicht schlafen können, weil ihr Herz schwer ist vor Sehnsucht oder vor Kummer. Aber es gibt auch Menschen da draußen, die nicht schlafen können, weil Nachbar das Radio zu laut hat. Und deswegen geht jetzt meine Bitte an L. A. Langpapp in der Cotheniusstraße 17 in Berlin-Friedrichshain: machen Sie Ihr Radio ein bisschen leiser! Ihr Nachbar hat den ganzen Tag schwer gearbeitet und sich die Nachtruhe verdient.» Sekundenbruchteile später ist es in Janneks Nachbarwohnung mucksmäuschenstill. Dann klingelt es. Und das Unheil beginnt …

«Ein Mädchen von einer so zitronenfrischen Zugereistheit …»

«Ich bin jedenfalls Larissa», sagt die Frau vor Janneks Tür. Larissa Adelheid Langpapp, auf eine spezielle Art aufregend schön. «Sie hatte blassgrüne Augen wie eine Nixe und so viele Sommersprossen, als wären Pippi Langstrumpf und das Sams ihre Eltern … Ein fuchsfarbenes, gesprenkeltes Mädchen, dem eine nackte Schulter keck aus dem T-Shirt hängt. Noch dazu ein Mädchen von einer so zitronenfrischen Zugereistheit, dass einem ganz Single wird. Und das war ich. Mehr oder weniger.»


Mehr oder weniger unvergesslich gestaltet sich dann die erste Liebesnacht von Herrn Blume und seiner Wunderschönheit Larissa Adelheid (Stichwort: verstörende Klangschalenanimation, Chakrenaktivierung, Streichelzoo,  etc.). Wir wollen Sie nicht mit Details nerven, nur so viel: «Zwei Wochen später bemerkte ich, dass Larissas Dekolleté deutlich barocker wurde. Überhaupt wirkte sie unschärfer, aufgeweichter. Noch mal zwei Wochen später kotzte sie im Kino unangemeldet in meinen Popcorneimer.» Ein paar Monate später ist Timmi auf der Welt.


Moment, was heißt hier Timmi? Kurzer Besuch bei Larissas Eltern. «Larissas Vater, Professor Doktor Erhard Langpapp, war Herzchirurg und eine internationale Kapazität. Er hatte zittrigen Frühchen das Tor zum Leben geöffnet und fetten afrikanischen Potentaten eine sechste Amtszeit geschenkt.» In seinen Augen und denen von Gattin Dorothea war Jannek ein Nichts, ein Totalversager. Zu klären sei als erstes, wie das Kind heißen solle. Um dem Kind seinen Nachnamen zu schenken, muss er sich bei der Wahl des Vornamens wegducken. Und so heißt der Knabe dann: Timotheus Nepomuk Blume. 


Zeitsprung – fünf Jahre später. An dem extrem klugen, aber mit einem ungemein lauten Schreiorgan gesegneten Kind wird von zwei Seiten gezerrt. Der Sorgerechtskrieg tobt, gekämpft wird mit harten Bandagen. Anders gesagt, den Langpapps ist kein Trick, keine Finte zu gemein, um nicht auf sie zu setzen. Ein wenig Licht am Ende des Tunnels sieht Jannek erst, als ihm unerwarteterweise eine leicht rundliche, dafür aber radikalfeministische Babysitterin ins Haus schneit: Marta. In die Spezialistin für Gender Studies verliebt sich Timmi auf der Schnelle. Ein Problem gelöst … Alles Weitere: offen.


Diese rasante Trennungskomödie sollte man sich nicht entgehen lassen. Großartige Sätze, prachtvolle Kalauer – und ein paar konkurrenzlos lustige Episoden! (Zum Beispiel Timmis Einschlaf-CD «Kühlschränke Europas I–III»; oder der slapstickhaft dilettantische Suizidversuch dank der Versuchsanordnung Park-Stuhl-Seil-Trauerweide …) Ganz großes Kino! 

Top