21.06.2017   von rowohlt

Tristesse ist kein Vorort von Paris

Von einem, der in die Stadt zog, um Land zu gewinnen: 8 Fragen an den Poetry-Slammer und Rapper Quichotte

© Fabian Stürtz
© Fabian Stürtz

Bleibst du, oder gehst du? Diese Frage stellt sich jedem, der auf dem Land aufwächst. So auch Quichotte, der im winzigen Nachbardorf von Knolle aufwächst, dem Meister der genial-kruden Bauernweisheiten. Quichottes Welt besteht lange aus Abwesenheiten: kein Supermarkt, keine Bushaltestelle, keine intakte Straßenlaterne, keine Mädchen, keine Abwechslung. Und keine Hoffnung darauf, jemals dort zu sein, wo der Bär steppt, sondern immer nur dort, wo der Hund begraben ist. In seinem Buch erzählt Quichotte von seinem komplizierten Beziehungsstatus mit der Heimat. Er erzählt vom deutschen Wald – und wie man mit aufgemotzten Mofas kunstvolle Kornkreise fährt. Und dass wahre Freundschaft für ein Kind vom Land so wertvoll ist wie die Blaue Mauritius ...

Das Interview


Du kommst aus kleinen, aus sehr kleinen Verhältnissen: aus einem «Dorf», so überschaubar, dass bei jedem Klingelstreich klar war, wer's war. Hast du eine Idee, was eine Kindheit in, sagen  wir, Köln aus und mit dir gemacht hätte?
In Köln ist der Klingelstreich jedenfalls auf eine andere Art genauso bescheuert, denn es kommt einfach keiner persönlich zur Tür. Ich habe das probiert. Die Gegensprechanlage nimmt der Angelegenheit jeglichen Spaß. In dieser Hinsicht wäre also eine Kindheit in der Stadt wohl noch trostloser gelaufen. Aber davon abgesehen bekommen Stadtkinder, glaube ich, ein ganz anderes Verhältnis zu verschiedenen Themen wie Nachbarschaft, Mobilität oder Freundschaft. Denn all das ist ja in Hülle und Fülle vorhanden. Auf dem Land kennt man jeden Nachbarn, reißt als Kind auf seinem Mountainbike tausende von Kilometern ab und hat Glück, wenn man einen Freund findet, der nicht allzu weit weg wohnt. Ich hätte also sicher zu diesen «Gütern» einen ganz anderen, vielleicht verschwenderischen Bezug, wenn ich in der Stadt aufgewachsen wäre.


Wäre «Hugo und Hummer» ein Essay von Sartre: du hättest ihn gelesen. Was hat dich, den jungen Lyriker aus Roderwiese, literarisch inspiriert – der Name «Quichotte» kommt ja nicht von ungefähr. Oder doch?
Klar, den Cervantes habe ich gelesen. Ich mochte die Bücher von Jakob Arjouni, der leider viel zu früh gestorben ist. Janoschs Geschichten haben mich auch sehr beeindruckt und berührt, später brachten mich die Gedichte und der Wortwitz eines Heinz Erhardt zum Lachen. Für mich ist es immer wieder faszinierend, wenn jemand mir eine Geschichte erzählen kann, die mich von der Welt absorbiert. Das hat mit seiner Komik auch Helge Schneider geschafft – ich habe alle seine Bücher gelesen. Das ist schon ziemlich krasser Scheiß und war für mich als Kind und Jugendlicher immer eine Inspiration.


«Allein zu sein macht mir nichts aus. Solange jemand dabei ist.» Das ist Knolle. Was wäre aus dir geworden, wenn es den bauernschlauen Kumpel aus dem Nachbardorf im Bergischen Land nicht gegeben hätte?
Ich wäre wohl nur die Hälfte von dem, was ich jetzt bin. 

«Amsel, Drossel, Fink und Star …»


Wo und wie habt ihr in dieser mädchenlosen Region eigentlich Mädchen kennengelernt? Schließlich hielt nicht alle halbe Stunde ein Bus im Dorf. Hat die «Drossel» es rausgerissen, das nach allen Regeln der Kunst gepimpte Mofa?
Na ja, es gab ja schon Mädchen. Nur eben nicht so viele. In der Schule hat man hier und da welche gesehen. Das war auf jeden Fall die Partnerbörse des Landkindes. Was die Drossel betrifft, muss ich etwas richtigstellen: Die Drossel hat das Mofa gedrosselt, das heißt: sie wurde rausgerissen und dann wurde das Teil aufgemotzt. Und ja: Wer das schnellste Moped hatte, konnte schon mal bei den Mädels punkten. 


Irgendwann, schreibst du, hättest du kapiert, dass Tristesse kein Vorort von Paris sei, sondern «genau vor meiner Haustür lag». Gibt es eine Chance, dass du irgendwann wieder aufs Land zurückziehst – muss ja nicht dein gleich Paar-Seelen-Dorf sein? 
Je älter ich werde, desto weniger komisch erscheint mir die Vorstellung, vielleicht irgendwann mal wieder aufs Land zu ziehen. Seit wir einen kleinen Sohn haben, ist die Idee, in einem eigenen Haus zu wohnen, in der Nähe eines Waldes, nicht mehr so abwegig. Aber dann hole ich mir dienstags um 2 Uhr nachts in meiner Straße ein Kölsch am Kiosk und denke: «Hmmmm. Nochmal drüber nachdenken.» ;)


Viva Colonia? Man darf vermuten, dass du Köln liebst, mit allen Fasern deiner Roderwieser Existenz. Karneval, Kölsch, FC, Müngersdorfer Stadion. Magst du als Poetryslammer und Lattenhammermucke-Rapper eigentlich das typisch kölsche Liedgut: BAP und Brings, Bläck Föös, Höhner und Kasalla?
Ich liebe tatsächlich Köln, in all seinen Facetten. Nur der Karneval ist nicht mein Ding. Demzufolge bin ich auch der Karnevalsmukke eher abgeneigt. Aber BAP ist was anderes. Die feiere ich extrem! Wolfgang Niedecken ist meiner Meinung nach ein großartiger Typ mit einer tollen Einstellung. Ich würde BAP aber auch nicht als Karnevalsband bezeichnen. (Anm. der Redaktion: Auch uns liegt es fern, die großartigen BAP als Karnevalsband zu bezeichnen; als Rockband wird BAP auf immer und ewig kölsches Kulturgut sein …)

Meister der Bauernstaffel – mehr geht nicht!


Hast du eine Vision, wo es mit dir als Künstler in den nächsten Jahren hingehen wird? Zum Prix Pantheon haben Kollege Flo und du es bereits geschafft (Glückwunsch!). Comedybühnen, Klubtouren, Youtube-Star – oder irgendwann wie Super-Super-Mario Barth ganze Stadien rocken? Oder vielleicht doch noch als Lehrer in den Schuldienst?
Danke sehr für die Glückwünsche. Ja, das ist eine große Ehre für uns.
Ich denke, einem Mario Barth nachzueifern kommt in vielerlei Hinsicht nicht in Frage. Aber mal vom Inhalt dessen abgesehen, was er macht, ist es für mich auch ehrlich nicht erstrebenswert, meine Soloshow in einem Stadion zu spielen. Mir würde das Hamburger Schauspielhaus ausreichen. Da hat man zumindest noch den Eindruck, eine persönliche Atmosphäre schaffen zu können. Das ist mir sehr wichtig. Wenn ich das alleine voll kriege, bin ich zufrieden. Youtube-Star fällt auch raus. Ich habe keine Ahnung von Beauty-Produkten. Aber ich könnte mir vorstellen, dass ich mit meinem Kollegen und guten Freund Flo eine Klubtour nur mit Musik machen werde. Und natürlich werde ich weiter schreiben. 


Zum Abschluss aus aktuellem Anlass die Fußballfrage:  Haben Effzeh-Trainer Peter Stöger und Sportchef Jörg Schmadtke schon bei Quichotte alias  «Jonasinho» wegen eines Profivertrags beim 1. FC Köln angefragt? Oder hat der FC Barcelona das Erstzugriffsrecht?
Nein, ich würde auf jeden Fall dem Effzeh den Vorzug vor Barcelona geben. Das ist doch selbstverständlich. Bisher musste ich mich aber diesbezüglich noch nicht entscheiden ;) Ich glaube, mittlerweile bin ich auch einfach zu alt. Aber wenn der Peter anfragt, bin ich am Start. Ist doch klar!
Allerdings muss ich auch sagen, dass ich mir in den 13 Jahren beim SSV Süng alle fußballerischen Träume bereits erfüllen konnte. Wir wurden immerhin in der B-Jugend Meister der Bauernstaffel. Das war schon was. Dagegen ist die Europa-League ein Sonntagsspaziergang. 

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