20.07.2016   von rowohlt

Mord im Elbtunnel

Wir haben Till Raether zu seinem fulminanten Kriminalroman «Blutapfel» befragt – und überraschende Antworten erhalten

© Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich
© Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Feierabendstau im Hamburger Elbtunnel. Plötzlich fällt ein Schuss; tödlich getroffen sackt der Fahrer eines weißen Geländewagens über dem Lenkrad zusammen. Hunderte von Zeugen, aber vom Täter keine Spur. Das Opfer Oliver Wiebusch gibt Rätsel auf: ein braver IT-Angestellter, der sich rührend um seine alten Eltern und die Nachbarn seiner Neubausiedlung kümmert. Bis Hauptkommissar Adam Danowski und seine Kollegin Meta Jurkschat herausfinden, dass der freundliche Mittdreißiger einem in jeder Hinsicht dunklen Hobby frönte: Die Ermittlungen führen direkt zu verlassenen Orten und düsteren Geheimgängen in und unter der Stadt … Brigitte: « Der bisher beste deutsche Krimi des Jahres.»

Mischwald & Heizkraftwerk

In beiden Kriminalromanen um den Hamburger Hauptkommissar Adam Danowski basiert die Spannung auf dem klaustrophobischen Ambiente der Verbrechen: hier das Pestschiff im Hafen, dort die Unterwelt von Hochbunkern und Elbtunnel. Haben Sie selbst einen Hang zu solchen «verborgenen Orten» in der Stadt?
Ich bin in der Nähe eines Heizkraftwerkes aufgewachsen, dessen Leuchten mich in der Nacht als Kind verzaubert hat. Weniger verborgen als unzugänglich. Ich mag auch Ölraffinerien und Fabrikgebäude und jede Art von großer Betonkonstruktion, vor allem Staudämme. Also, mögen im Sinne von: Ich würde die Welt nicht vollbauen wollen mit sowas und möchte auch nicht daneben wohnen, aber rein ästhetisch kann ich mehr damit anfangen als mit einem Mischwald.

Harte Recherchearbeit, überirdisch und unterirdisch

In einer beklemmenden Szene wird eine versuchte Rettung bzw. Bergung aus einem grauenvoll engen Kabelschacht im Elbtunnel beschrieben. Sie selber haben – dank eines freundlichen Mitarbeiters vom Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer Hamburg – dort unten recherchiert, vor Ort. Wir gruselig war das?
Eher beeindruckend als gruselig: eine sorgfältig durchdachte, elegante Konstruktion unterhalb der Erde und des Flusses. Aber das all das auf einen drückt, während man sich dort unten aufhält — dieser Gedanke hat mich nie verlassen, egal, ob auf Recherche oder im Auto auf dem Weg in den Urlaub. Aber das Gruselige im Buch habe ich hinzugetan.


Die Senyora, eine alte Dame als Auftragskillerin, getarnt als mallorquinische Olivenbäuerin – ist das eine dieser Ideen, die einem während eines lässigen Mallorca-Urlaubs kommen?
Ich neige nach der zweiten oder dritten Dose «Cruzcampo» am Strand dazu, meine Urlaubsziele zu romantisieren und in relativer Unkenntnis der dortigen Lebensumstände Mutmaßungen darüber anzustellen, wie die Landschaft die Menschen prägt. Das karge, steinige, lehmige Land im Innern von Mallorca scheint mir eine Disziplin, Hingabe und Selbstentsagung von seinen Bewohnern zu verlangen, um dort Oliven- und Mandelbäume wachsen zu lassen. Und diese Eigenschaften würden sich in extremer Ausprägung halt auch gut für eine Auftragsmörderin eignen.

Hamburg, Tor zur Welt ...

Mit «Blutapfel» bewegen Sie sich auf brisantem politischem Terrain, dem Schalten und Walten US-amerikanischer Dienststellen in Deutschland. Sie haben die Figur der Agentin Tracy Harris mit ziemlich brutalen Attributen ausgestattet, quasi einer Lizenz zum Töten. Wie realistisch ist das?
Ich würde sagen, sie hat eben keine Lizenz zum Töten: Als sie tötet, wird sie strafversetzt, und agiert von da an anscheinend außerhalb ihrer Befugnisse und ohne Wissen ihrer Behörde. Dass derlei Verhalten durch eine bestimmte Kultur in Geheimdiensten möglich ist, finde ich nicht unrealistisch. Und realistisch finde ich auch, dass all ihre Grenzüberschreitungen aus ihrer Sicht mit den besten Absichten passieren.
Wir sehen den hypersensiblen Adam Danowski hoffentlich wieder, mit oder ohne Achtsamkeitsmeditation anhand von Rosinen oder anderen Objekten?
Ja, das mit der Meditation war mehr eine Phase, dazu ist er verdonnert worden. Im nächsten Band ist Danowski endlich mit sich im Reinen, zufrieden mit seinem Leben, weil er glaubt, den richtigen Platz in der Welt gefunden zu haben. Aber von wegen: Umso größer ist das Ungemach, das ihn dann heimsucht, sobald das Ambiente wieder klaustrophobisch wird.


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