28.02.2017   von rowohlt

«The Translation Is Now First Rate»

Heinrich Maria Ledig-Rowohlt und seine Übersetzungsabteilung

© Rowohlt Archiv +++ HMLR mit William Faulkner, dessen Roman «Licht im August» 1933 erstmals bei Rowohlt erschien
© Rowohlt Archiv +++ HMLR mit William Faulkner, dessen Roman «Licht im August» 1933 erstmals bei Rowohlt erschien

Heinrich Maria Ledig-Rowohlt war nicht nur als Verleger ein Visionär, er kümmerte sich auch selbst mit großer Leidenschaft um die Übersetzungen wichtiger internationaler Autoren. «Vor allem entging ihm kein falscher Ton in einer Übersetzung – der Chef des Verlages war selber sein bester Übersetzer; mindestens zweimal im Jahr packte er ein gut Teil seines Lektorat zusammen und zog ‹aufs Land›» (Fritz J. Raddatz).
Wie intensiv bei solchen Zusammenkünften gearbeitet wurde, verdeutlicht der Text von Helmut Frielinghaus (1931–2012), der als literarischer Übersetzer, Lektor und Cheflektor bei Rowohlt am Feinschliff vieler bedeutender Texte beteiligt war.

«We were only bothering about the fucking German language ...»


«Ledig, der in jungen Jahren selbst amerikanische Romane übersetzte und im Alter Updikes Gedichte und Harold Pinters Theaterstücke ins Deutsche übertrug, hatte als Verleger eigens eine sogenannte Übersetzungsabteilung bei Rowohlt eingerichtet, die für die Vergabe der Übersetzungsaufträge zuständig war und dafür zu sorgen hatte, dass die Übersetzungen sorgfältig redigiert und notfalls gründlich bearbeitet wurden. Er selbst stellte den Leiter der Abteilung ein. Das war drei Jahre lang Hanns Grössel gewesen, mit dem er die Vorliebe für schlesische Grüne Klöße teilte, dann, kommissarisch, Beate Kusenberg, die Frau des Schriftstellers Kurt Kusenberg, dann, ab 1967, ich. Seit 1984 leitet Thomas Überhoff die inzwischen erweiterte Abteilung, das heutige belletristische Hardcover-Lektorat.


In fast jedem Programm gab es Bücher, auf deren Übersetzung Ledig selbst Einfluss nehmen wollte. In solchen Fällen zog er sich mit einem «Team» – dem Leiter der Übersetzungsabteilung und dessen Assistentin, dem Übersetzer, wenn der dabei sein sollte, oder einem weiteren Lektor und seiner Frau, Jane – für drei, vier Tage, manchmal auch für eine ganze Woche in einen entlegenen Gasthof in Schleswig-Holstein oder in der Lüneburger Heide zurück, zur Arbeit «an der Front», wie er den Geschäftsführern versicherte, wenn die über seine langen Abwesenheiten oder über die, wie sie fanden, überflüssige Geldausgabe stöhnten.


Die Teamarbeit ging so vonstatten: Die Assistentin, lange Jahre Liselotte Hohlwein, verlas langsam, mit wohlklingender Stimme bei starkem hessischem Akzent, Satz für Satz den vom Übersetzer abgelieferten Text. Alle anderen Anwesenden starrten ins Original und meldeten sich, wenn sie einen Übersetzungsfehler entdeckten oder eine Änderung, eine stilistische oder syntaktische Verbesserung vorschlagen wollten. Was relativ häufig geschah. Lady Jane, wie wir unter uns Ledigs Frau nannten, stickte dabei, die Finger mit langen Fingernägeln bewehrt, an einem Teppich, unterbrach aber ihre Arbeit, wenn sie, die Engländerin, merkte, dass wir alle auf dem Holzweg waren. Es war immer derselbe Teppich, all die fünfzehn Jahre, die ich an diesen Treffen teilgenommen habe. Tatsächlich aber habe ich den fertigen Teppich, in den, unsichtbar, Sätze von Henry Miller und Hubert Selby, John Updike und James Dickey, Emmanuelle Arsan und Eric Malpass eingestickt waren, eines Tages mit eigenen Augen im Salon in Lavigny liegen sehen. 


Es waren drei Sorten von Büchern, deren Übersetzungen Ledig sehen und notfalls mit uns bearbeiten wollte: Umsatz versprechende Unterhaltungsromane, die im Verlag farm books genannt wurden, dann Bücher, in denen es auch oder hauptsächlich um Sex ging, und literarische Bücher, die er besonders liebte. In den Übersetzungen der farm books sollte es, wie er fand, nicht eine Stolperstelle geben. Bei Büchern mit viel Sex wollte er, dass alles in einer eleganten Sprache passierte. Die Übersetzungen literarischer Bücher sollten sprachlich so lange gefeilt werden, bis sie dem anspruchsvollen Original gerecht wurden. Kategorie zwei und drei überschnitten sich zuweilen. Er war ein Verleger, der Respekt vor dem Werk der Autoren und vor Lesern, den Buchkäufern, hatte.

«So, das überlassen wir jetzt mal dem lieben Frieli …»


Ledig, der bei solchen Ausflügen die Verlagsgeschäfte von einer Minute zur andern vergessen konnte, war bei den stundenlangen Arbeitssitzungen entspannt und gut gelaunt. Die Prozedur war zwar anstrengend, in der Regel aber ergiebig. Und das Redigieren ging so natürlich schneller, als wenn einer sich allein mit einer schwierigen oder missglückten Übersetzung herumplagen musste. Lady Jane bestand darauf, dass nach dem Abendessen noch ein, zwei Stunden weitergearbeitet wurde. 


Wenn Ledig, was vorkam, ein Buch nicht leiden konnte, dann war er imstande, sich in wüsten Flüchen zu ergehen, und in einem Fall spuckte er nach poetisch überzogenen Passagen, die er verabscheute, auf den Schutzumschlag des Buches – auf das Abbild des armen Autors. Wenn wir auf einen besonders vertrackt verschachtelten Satz stießen, der einfach nur mit Geduld aufgedröselt werden musste, sagte Ledig in süffisantem Ton: «So, das überlassen wir jetzt mal dem lieben Frieli und machen uns eine kleine Pause.» Manchmal bestand er auf Kürzungen. Aus der Übersetzung eines der letzten Bücher von Eric Malpass warf er mit einem lustvollen «Weg!» so viele Absätze raus, dass wir hinterher Teile wieder reinflicken mussten, weil der Erzählung plötzlich das Fleisch fehlte.


Manchen Übersetzern machte es Spaß, dabei zu sein. Hans Wollschläger kam zur Durchsicht seiner Übersetzung von Robert Govers Trip mit Kitten und unterhielt uns in Pausen mit Karl May und gruseligen Drogenerlebnissen. Maria Carlsson, die wunderbare Updike-Übersetzerin, fachsimpelte mit Ledig über eine in dem Roman Ehepaare beschriebene komplizierte «Stellung». Harry Rowohlt, damals schon berühmt, las uns seine perfekte Übersetzung von Alexander S. Neills Kinderbuch Die grüne Wolke vor. 


Kai­Molvig, der Selby-Übersetzer, häkelte abends beim Rotwein filigrane weiße Topflappen. Susanne Lepsius, in jüngeren Jahren eine enge Freundin von Ledig, kam aus England angereist mit reparaturbedürftigen Malpass-Übersetzungen. Ledig mochte seine Übersetzer, und er schätzte ihre ihm so vertraute Arbeit. Deshalb beschloss er, lange Jahre vor seinem Tod, einen Übersetzerpreis zu stiften, der nun, unter seinem Namen, jedes Jahr während der Frankfurter Buchmesse verliehen wird.

Fahles Feuer in Montreux


Alles war anders, wenn es um Nabokov ging. Dieter E. Zimmers Übersetzungen wurden kurzerhand nach Montreux geschickt und kamen, von Véra Nabokov mit wenigen Anmerkungen und freundlicher Zustimmung versehen, in den Verlag zurück. Aber mit Uwe Friesel und seiner Übersetzung von Pale Fire, Fahles Feuer, reisten Ledig und ich, von Ledigs Fahrer und Butler Steen chauffiert, nach Montreux, wo Vladimir und Véra Nabokov im «Montreux Palace Hotel» am Genfer See im obersten Stockwerk ihren festen Wohnsitz hatten. Sie erwarteten uns in einem kleinen, kargen, eigens für diese Zusammenkunft gemieteten Zimmer und ließen sich dort Friesels Übersetzung vorlesen. 


Nabokov behauptete zwar, er könne kein Deutsch, aber er verstand jedes Wort, und man sah ihm an, wenn ihm die gelungene deutsche Übersetzung eines seiner Sätze besonders gut gefiel – der empfindsame Ledig hat gesehen, wie ihm einmal die Tränen kamen. Nabokovs aus Polen stammende Frau sprach fließend Deutsch und schlug hier und da kleine Korrekturen vor. Nabokov hörte aufmerksam zu, merkte hellhörig auf, wenn die Namen von Schmetterlingen fielen, verbesserte, breitete genüsslich seine lepidopterologischen Kenntnisse vor uns aus. 


Anfangs war die Atmosphäre angespannt. Wir durften nicht rauchen. Beide Nabokovs reagierten äußerst verschnupft, als wir einmal morgens ein paar Minuten zu spät kamen. Mittags zogen sie sich zurück, wir aßen in der Bahnhofswirtschaft, immer das Gleiche, und betrachteten anschließend alte Uhren – eine von Ledigs Leidenschaften. Abends gingen wir, von den Sitzungen erschöpft, zwecks Auflockerung auf zwei, drei Drinks in eine am Weg zu unserem Hotel gelegene Bar, immer in dieselbe, wo wir an jedem Abend, immer zur gleichen Stunde, immer zu derselben schleichenden Musik, mit dem gleichen Striptease unterhalten wurden. 


Als die Nabokovs sich mit der Übersetzung angefreundet und sich zögernd an uns gewöhnt hatten, wurden uns überraschende Belohnun­gen zuteil: Vladimir Nabokov delektierte uns kichernd mit Übersetzungsfehlern seiner französischen und italienischen Übersetzer und mochte vor lauter Vergnügen kein Ende finden. Und am letzten Abend, als alles besprochen war, wurden wir zu einem freundlichen Dinner im alten Weinkeller des Hotels eingeladen.


Es gab ein Nachspiel: Ledig und Lady Jane zogen Jahre später nach Lavigny, in ein altehrwürdiges Château, zwischen Weinbergen oberhalb des Genfer Sees und unterhalb des Jura gelegen, und wurden so Nachbarn der Nabokovs. Man besuchte sich. Es entstand Freundschaft. Offenbar wusste Nabokov, wie sehr Ledig ihn bewunderte, wie sehr er ihn verehrte und seine Bücher schätzte und wie viel er als Verleger für sein Werk getan hatte. Wir alle wussten es. Und so war es denn auch nur für Ledig, nur für ihn, der sehr scheu und schüchtern sein konnte, verwunderlich, dass er, wie es im Testament Nabokovs stand, dem großen Dichter die Grabrede halten sollte.»

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