25.10.2019   von rowohlt

Ameisen – klein, aber oho!

Die Wunderwelt zu unseren Füßen: Susanne Foitzik und Olaf Fritsche über das verborgene Leben einer einzigartigen Spezies

Ameisen sind faszinierend – und sie sind überall. Sie haben eigene Formen der Arbeitsteilung, Kommunikation und Selbstorganisation entwickelt. Sie legen Gärten an und züchten Pilze. Sie halten sich Blattläuse als Nutzvieh und verteidigen es gegen Räuber. Sie entwickeln Abwehrstoffe gegen Krankheitserreger und nutzen sogar Antibiotika. Sie sind Alleskönner, eine Weltmacht auf sechs Beinen. Neben den Bienen sind Ameisen wohl die erstaunlichsten Wesen in der Welt der Insekten.
Susanne Foitzik ist eine weltweit anerkannte Koryphäe auf dem Gebiet der Ameisenforschung. Gemeinsam mit dem Biophysiker Olaf Fritsche erzählt die Mainzer Evolutionsbiologin auf unterhaltsame Weise alles, was man über Ameisen wissen muss.

Von sammelwütigen Ameisenköniginnen, Zoff im Nest und Rock-'n'-Roll-Jungs


Was bringt eine junge Frau, die im Prinzip alles studieren könnte, dazu, Ameisenforscherin zu werden? Gab es dafür ein Initiationserlebnis?

Susanne Foitzik: Nein. Ich habe zwar schon als Kind im Garten mit Schnecken, Ameisen oder Fröschen gespielt, aber meine tiefe Begeisterung für Ameisen entstand erst im Biologiestudium. Da habe ich zwar zunächst auch an Studien mit Mäusen und Vögeln mitgearbeitet, aber in der Diplomarbeit hat mich das komplexe Sozialleben der Ameisen gepackt und seitdem nicht mehr losgelassen.


Aus menschlicher Sicht besteht der irritierende Aspekt des Ameisendaseins in ihrem Sexleben. Sex hat nur die Königin, und das auch nur ein einziges Mal (das aber mit beträchtlichen Folgen). Wieso rebelliert da niemand im Millionenstaat?
Susanne Foitzik: Sex ist zwar auch im Tierreich wichtig, aber hauptsächlich, weil Sex Fortpflanzung ermöglicht und damit Gelegenheit bietet, die Gene in die nächste Generation zu bringen. Dies ist das eigentliche Ziel der Evolution. Ameisenköniginnen können jedoch Spermien in ihrer Samentasche über Jahrzehnte speichern, damit ist Sex von der Fortpflanzung weitestgehend entkoppelt. Es gibt allerdings auch einige Ausnahmen zu dem sexarmen Leben der meisten Ameisen. Wie wir im Buch beschreiben, bleiben Ameisenmännchen der Art Hypoponera opacior oft über mehrere Stunden bis Tage in Kopula mit einer Jungkönigin. Ich möchte aber nicht darüber spekulieren, was die beiden dabei empfinden.
Olaf Fritsche: Auch wir Menschen interessieren uns ja erst dann für Sex, wenn die Hormone uns sagen, das sei eine tolle Sache. Bleiben die Hormone bei den Ameisenarbeiterinnen weg, kommen die gar nicht auf die Idee, sie könnten etwas verpassen.


«Frag nicht, was dein Volk für dich tun kann – frag, was du für dein Volk tun kannst!» Das Erfolgsgeheimnis der Ameisen scheint, neben ihrer schieren Zahl, in dieser «Einstellung» zu bestehen. Gibt es so etwas wie individuelle Interessen bei Ameisen überhaupt nicht?
Susanne Foitzik: Doch, es gibt auch egoistische Ameisen. Bei der Art Leptothorax gredleri gibt es häufig mehrere Königinnen in der Kolonie, aber nur eine darf sich fortpflanzen. Am Anfang jeden Jahres gibt es deshalb Kämpfe, und die Königinnen verwenden dabei chemische Kriegsführung. Sie beschmieren ihre Gegnerinnen mit einem Sekret aus der Dufourdrüse. Die Arbeiterinnen attackieren dann die so markierten Königinnen und bringen sie um. Bei vielen Ameisenarten flackern auch Prügeleien unter den Arbeiterinnen auf, wenn die einzige Königin verstorben ist. Dann möchte jede einzelne Arbeiterin die führende Stellung im Staat einnehmen. Und das sind nur zwei Beispiele für Zoff im Nest. Nach außen wirkt der Ameisenstaat zwar oft wie eine perfekt aufeinander abgestimmte Maschinerie, im Inneren gibt es jedoch auch Streit und Konflikte.


Als «fliegende Spermienpakete» sind die Männchen, wenn man das so sagen darf, die ärmsten Schweine im Ameisenuniversum. Nach der Begattung durch die Königin fallen sie tot um, werden weggeschafft und gefressen. Und dann etikettiert Frau Prof. Susanne Foitzik sie auch noch als die «mit Abstand langweiligste Kaste in einem perfekt organisierten Matriarchat» ...
Olaf Fritsche: Man kann es auch anders sehen: Die Ameisenmännchen befolgen strikt das Motto: «Lebe schnell, liebe heftig, stirb jung!» Sie sind also so etwas wie die Rock-'n'-Roll-Stars des Ameisenvolkes.
Susanne Foitzik: In der Tat sind für uns Menschen die Ameisenweibchen viel interessanter. Sie errichten die Bauten, gehen als Amazonen auf Raubzug, züchten Blattläuse und Pilze, gründen neue Millionenstaaten. Ameisenmännchen kann man vielleicht aufgrund ihres kurzen Lebens bedauern, aber es besteht immerhin nicht aus viel Arbeit, dafür haben sie vergleichsweise viel Sex. Ja, sie erhalten von ihrem einzigen Paarungsakt oft Tausende Nachkommen, ohne einen Pinselstrich dazu beizutragen. Hoffen wir mal für die Ameisenmännchen, dass sie nicht wissen, dass die Königinnen 3000-mal länger leben.

Von Ameisen-Popstars, Nervenkitzel im Feld und Sechsbeinern in der Weltliteratur


Wir Menschen gehören alle zu einer Art, Homo sapiens, während es Tausende verschiedener Ameisenarten gibt. Und von denen, heißt es, sind die Blattschneiderameisen und die Treiberameisen so etwas wie die «Popstars der Myrmekologie». Warum?
Susanne Foitzik: Ich denke, es liegt an den besonders komplexen Verhaltensweisen und riesigen Staaten. Blattschneiderameisen betreiben seit 50 Millionen Jahren Landwirtschaft. Dafür haben sie verschiedene Arbeiterinnenkasten entwickelt, wenden Pilzschutzmittel an, züchten spezielle Bakterien, die den ärgsten Feind ihres Nutzpilzes töten, und vieles mehr. Treiberameisen ziehen oft in millionenstarken Schwärmen durch die Tropen und nehmen alles mit, was nicht niet- und nagelfest ist. Sie sind so gefräßig, dass sie immer weiterwandern müssen, da ihnen sonst die Nahrung ausgeht. Trotzdem lebt ausgerechnet in ihren Völkern eine ganze Menagerie von Käfern, Spinnen, Silberfischchen, Schnecken und vieles mehr wie in der sprichwörtlichen Höhle des Löwen. Also, wenn das nicht spannend ist …
Olaf Fritsche: Ganz allgemein ist es vielleicht die Kombination aus Auffälligkeit und Grusel. Mit ihren hocherhobenen Blattstücken sind Blattschneiderameisen ein ziemlich skurriler Anblick, während die Vorstellung, dass Treiberameisen ganze Schneisen in den Wald fressen, etwas von einem Horrorfilm hat. Beides zwingt uns Menschen regelrecht, hinzusehen und uns dafür zu interessieren.


Zu den Kuriositäten der Ameisenspezies zählt die Tatsache, dass eine Königin die Mutter aller Untertanen ist. Man stelle sich das mal für das brexitgeplagte United Kingdom vor: Queen Elisabeth II. als Mama von u. a. John Lennon, Twiggy, Sid Vicious, Paul Gascoigne und Boris Johnson ...
Olaf Fritsche: Es gäbe jedenfalls ein absolut unübersehbares Chaos in der Frage der Thronfolge. Aber zum Glück geben Ameisen nichts auf Dinge wie einen Promistatus.


Ich könnte mir vorstellen, dass es in der Feldforschung manchmal ziemlich gefährlich zugeht. Was würde zum Beispiel passieren, wenn eine wilde Horde von Treiberameisen im tropischen Dschungel auf einen verunglückten, bewegungsunfähigen Menschen stößt?
Olaf Fritsche: Na ja, Wissenschaftler sind zwar manchmal etwas in ihre Gedanken versunken, aber nicht blöd. Niemand unternimmt alleine eine Exkursion, es sind immer Teams. Und im Unterschied zu manchen Fernsehshows, in denen die Moderatoren wegen des Nervenkitzels und der Einschaltquoten ein Krokodil am Schwanz ziehen oder Ähnliches, achten richtige Forscher darauf, sich eben nicht unnötig in Gefahr zu bringen. Insofern bleibt es bei ein paar Stichen und Bissen.


Sehr hübsch fand ich den Hinweis, dass Arbeiterinnen im Innendienst manchmal auch einfach faulenzen. Setzen die sich dann an ihre kleine Ameisennähmaschine und schneidern sich was Nettes für den Tanztee – oder wie muss man sich chillende Ameisenmädchen vorstellen?
Susanne Foitzik: Ja, die Information, dass nicht alle Ameisen so fleißig sind, wie man gemeinhin annimmt, finden viele überraschend. In der Tat sehen wir meist, dass ein Drittel der Ameisen im Nest einfach inaktiv ist. Sie stehen rum und tun gar nichts. Ob sie sich ausruhen? Träumen? Wir wissen es nicht. Jedenfalls schneidern sie keine Kleider oder gehen zum Tanztee.
Olaf Fritsche: Die machen dann eben ihr «Ameisending» – von dem wir nur noch nicht wissen, was das ist.


Maja Lundes Roman über die Geschichte der Bienen war ein Welterfolg. Gibt es eigentlich belletristische Texte, in denen Ameisen – für Sie «die interessantesten Tiere der Erde» – eine zentrale Rolle spielen? Für die Science-Fiction-Literatur könnte man sich das gut vorstellen ...
Susanne Foitzik: In der Tat gibt es einige Bücher, in denen Ameisen eine wichtige Rolle spielen. Eine klassische Novelle ist «Leiningens Kampf mit den Ameisen», in der der Kampf eines Bauern gegen Treiberameisen sehr anschaulich beschrieben wird. In «Mieses Karma» von David Safier wird die Moderatorin Kim als Ameise wiedergeboren, die sich besseres Karma erarbeiten muss, um wieder aufzusteigen. Bernard Werber hat in der Tat einen spannenden Science-Fiction-Roman geschrieben: «Die Ameisen», in denen Ameisenvölker eine so hohe kollektive Intelligenz erreicht haben, dass sie einen grausamen Vernichtungsfeldzug gegen die Menschheit planen ...
Olaf Fritsche: Ringelnatz hat ein Gedicht über Ameisen verfasst, und sowohl in Goethes «Faust II» wie auch in Günther Grass' «Blechtrommel» laufen Ameisen herum. Sie sind also durchaus bereits Teil der Weltliteratur.

Diffizile Duftsprache, ferngesteuerte Zombies, plündernde Schmalbrustameisen


Die Ameisensprache verstehen heißt: die Duftsprache der Sechsbeinigen lernen. Welche technischen Möglichkeiten stehen der Forschung da heute zur Verfügung?

Susanne Foitzik: Ja, leider können wir Menschen viele Botenstoffe der Ameisen ohne technische Mittel nicht wahrnehmen. Wir können jedoch die chemischen Stoffe auf ihrer Haut mit Lösungsmitteln abwaschen und diese dann in einem Gaschromatographen der Größe nach auftrennen und mit einem Massenspektrometer identifizieren. Insofern wissen wir, welche Substanzen und wie viele davon jeweils die Ameisen tragen. Genauso gehen wir mit den Sekreten der Drüsen vor. Außerdem können wir mit Elektroden die Nervenimpulse ableiten, wenn eine bestimmte Substanz über die Antenne bläst, mit denen die Ameise riecht. Es ist allerdings wirklich ziemlich mühsam, sich in die Sprache der Ameisen einzuklinken.
Olaf Fritsche: Hier ist der Blick in solch ein Labor erhellend. Um den Geheimnissen eines Tieres, das nur ein paar Millimeter misst, auf den Grund zu gehen, sind Apparaturen nötig, die etwa so groß sind wie die Ameisenhaufen im Wald.


Was sind für Sie die wichtigsten «blinden Flecken», die spannendsten offenen Fragen bei der Erforschung der Ameisen?
Susanne Foitzik: Offene Fragen gibt es viele. Im Moment erlaubt das schnelle Voranschreiten der Molekularbiologie herauszufinden, welche Gene ein Verhalten steuern. Beispielsweise damit eine Arbeiterin auf einen Sklavenraubzug geht oder eine Soldatin ihr Nest verteidigt. Ich finde es auch besonders spannend zu analysieren, wie Parasiten das Verhalten ihres Wirtes manipulieren. Wie also Würmer oder Pilze Ameisen zu ferngesteuerten Zombies umprogrammieren. Natürlich ist auch generell interessant zu erforschen, warum Ameisen so sozial leben. Mir fallen auf Anhieb noch tausend weitere Fragen ein. Außerdem gibt es besonders in den Tropen noch viele völlig unbekannte Arten. Vermutlich gibt es doppelt so viel wie die 16000 Arten, die wir bisher kennen. Jeder Tag bringt neue Überraschungen.
Olaf Fritsche: Ich bin immer noch damit beschäftigt, darüber zu staunen, was wir schon wissen. Das Leben der Ameisen ist mindestens so spannend wie das von Löwen, Elefanten und Zebras. Es läuft nur eben im wörtlichen Sinne an uns vorbei, weil die Ameisen so klein sind. Deshalb übersehen wir die Wunderwelten zu unseren Füßen.


Werden neuentdeckte Arten eigentlich nach ihren Entdeckern benannt? Falls ja: Wäre eine Myrmelachista foitzikia nicht eine nette Entschädigung für Jahrzehnte ameisenhaften Schuftens?
Susanne Foitzik: Ich empfinde meine Arbeit nicht als Schuften, ob Sie es glauben oder nicht. Ich sammle und beobachte Ameisen supergerne, und noch lieber diskutiere ich mit meinen Studenten oder Kollegen über die beobachteten faszinierenden Verhaltensweisen. Aber ja, neuentdeckte Ameisen können auch nach Forschern benannt werden, allerdings ist es schlechter Stil, die Art nach sich selber zu benennen. Wir haben vor einigen Jahren eine neuentdeckte Sklavenhalterameise beschrieben und benannt: Temnothorax pilagens. «Pilare» bedeutet im Lateinischen «ausrauben», auf Deutsch somit «die plündernde Schmalbrustameise». Wir haben also die kleine Ameise nach ihrem Verhalten und nicht nach einem Ameisenforscher benannt.
Olaf Fritsche: Nach persönlichem Ruhm trachten tatsächlich nur wenige Forscher. Die allermeisten treibt der Wunsch an, etwas zu verstehen. Das ist dann auch schon die Belohnung für die Mühen. Anerkennung suchen sie eher im Kreis der Kollegen, die sich für das gleiche Gebiet interessieren.

Weltmacht auf sechs Beinen

Weltmacht auf sechs Beinen

Sie sind faszinierend - und sie sind überall: Sie haben eigene Formen der Arbeitsteilung, Kommunikation und Selbstorganisation entwickelt. Ameisen legen Gärten an und züchten Pilze. Sie halten sich Blattläuse als Nutzvieh und verteidigen es gegen Räuber. Neben den Bienen sind sie wohl die Erstaunlichsten unter den Insekten.
Susanne Foitzik ist eine ...  Weiterlesen

Preis: € 22,00
Seitenzahl: 320
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-02140-5
15.10.2019
Erhältlich als: Hardcover, e-Book
Top