18.11.2015   von rowohlt

So viel Welt an einem Fleck

Hinter jedem Fenster ein Leben: Pascale Hugues erzählt die Geschichte einer Berliner Straße und ihrer Bewohner

© iStockphozo.com
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Eigentlich ist es eine ziemlich gewöhnliche Straße. Ihre frühere Schönheit ist abgeblättert, das alte Gesicht misshandelt durch die stürmische Geschichte des 20. Jahrhundert, durch Krieg und Wiederaufbaupragmatismus. Pascale Hugues, Französin in Berlin, gräbt unter der Oberfläche ihrer Schöneberger Straße, sammelt den Tratsch und die Legenden und lässt sich von ehemaligen und früheren Nachbarn ihre Lebensgeschichten erzählen. Geschichten von Vertreibung und Deportation, vom kleinen Glück und großen Hoffnungen. Dass in dieser Straße aber auch Stars, ja Weltstars zeitweise zu Hause waren, Otto Waalkes, die Kultband Tangerine Dream, sogar David Bowie – das war nicht nur für Pascale Hugues eine Überraschung …


Ob ihre Liebeserklärung an die deutsche Adoptivheimat («In den Vorgärten blüht Voltaire») der Bestseller über ihre beiden Großmütter («Marthe & Mathilde» oder jetzt «Ruhige Straße in guter Wohnlage» – die französische Journalistin und Autorin Pascale Hugues kann auf wundersame, wunderbare Weise Geschichte in Geschichten erzählen.


«Was sie herausfand, ist so verstörend, anrührend und vergnüglich, dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen, die schlichte Straße nicht mehr verlassen mag.» (Gabriele von Arnim, Die Zeit)

Lilli Ernsthaft, «das Gedächtnis unserer Straße»


Dass sich vor unseren Augen die Konturen eines ganzen Jahrhunderts abzeichnen, liegt nicht zuletzt an einer uralten Dame, Lilli Ernsthaft. Der Österreicher Heinrich Ernsthaft, als Eigentümer einer Bier-Import-Firma zu beachtlichem Wohlstand gekommen, ist der erste Mieter der Straße; 1905 bezieht er das zweite Obergeschoss rechts der Nummer 3. Siebzehn Jahre später, am 13. September 1922,  heiratet er die Stenotypistin Lilli Doller. «An jenem Abend legte sich Lilli, sehr jung und schüchtern, zum ersten Mal in das große Ehebett. In dieses Bett, aus dem die Sanitäter am 7. August 2001, einen Monat vor 9/11, ihren kleinen, verschrumpelten Körper hoben. Sie hatte 79 Jahre an derselben Adresse gelebt. Bis zu ihrem Tod im hohen Alter von 98 dreiviertel Jahren war sie unsere Straßenälteste gewesen.»


Kaum jemand aus der Straße weiß, dass Lilli Ernsthaft Jüdin ist. 1937 muss ihr Mann seine Firma für einen lächerlichen Betrag an einen Mitarbeiter verkaufen. Sie erfährt mir ihrer Familie die systematische Marginalisierung und Ausgrenzung der jüdischen Mitbürger am eigenen Leib. Auf ihre Lebensmittelkarte gibt es weder Fisch noch Fleisch, ausschließlich «Grobgemüse» dürfen sie kaufen; der Mercedes (ein Geschenk Heinrichs an Lilli) wird von SS-Leuten konfisziert, ebenso der Radio- und Fotoapparat, das Bügeleisen, die Heizsonne, der Feldstecher. Ihr Sohn Harry wird zur Müllabfuhr abkommandiert.


Lilli und Heinrich Ernsthaft entgehen der Deportation in die KZs des Ostens wie durch ein Wunder. Mit rund 800 Leidensgenossen überleben sie im Jüdischen Krankenhaus in der Iranischen Straße: eine «Insel im Nazi-Sturm», ein «KZ mit menschlichem Antlitz». Es ist die einzige jüdische Einrichtung, die den Vernichtungsfuror der Nationalsozialisten übersteht: mit jüdischen Ärzten, jüdischen Krankenschwestern, jüdischen Patienten. Harry Ernsthaft überlebt den Krieg dank des Muts seines früheren Kinderfräuleins Grete Rönnfeldt; zwei Jahre versteckt sie ihn im Keller ihres Hauses: eine der vielen namenlosen Helden des zivilen Widerstands.

Kleine Suchanzeige, große Folgen


Kann es sein, fragt sich Pascale Hugues, dass einige der Juden ihrer Straße rechtzeitig aus Deutschland fliehen konnten und noch am Leben sind? Sie beschließt, eine Suchanzeige in der Zeitschrift «Aktuell», aufzugeben, die der Berliner Senat zweimal jährlich für die letzten noch lebenden, in alle Welt verstreuten Juden herausgibt. An den Erfolg der Initiative glaubt sie eigentlich nicht – sie will nur nichts unversucht lassen. Umso beglückter ist sie, als sich eines Tages am Telefon eine dröhnende Stimme meldet: «Hallo, hallo, hier spricht Miriam Blumenreich aus Kiryat Bialik in Israel. Ich bin am 3. September 1922 in der Nummer 3 geboren. Rufen Sie mich zurück!»


Miriam Blumenreich ist nicht die Einzige, die die kleine, lachsfarbene Anzeige auf der vorletzten Seite der «Aktuell» registriert. «Ich hörte Hannah Kroner-Segal aus New York durch de Zeilen ihrer E-Mail hindurch lachen: ‹I am the needle in your haystack!›» Die Tänzerin Hannah Kroner-Segal ist nicht die einzige «Nadel im Heuhaufen»: Insgesamt dreizehn ehemalige Bewohner ihrer Straße antworten – aus New York und Boca Raton, aus Lexington und Forest Hills, aus Haifa und Randwick, aus Berkeley und Rockville.


Fast alle, die sich bei ihr melden, sind uralt. Will Pascale Hugues sie noch persönlich treffen, um mit ihnen über ihre Berliner Jahre zu sprechen, darf sie keine Zeit verlieren. Und sie verliert keine Zeit. Sie bricht nach Israel auf, nach Kiryat Bialik. Miriam Blumenreich ist stolz, dass es ihr geglückt ist, «ihre kleine Herde vor den Wölfen zu schützen. Sie sind nicht im Lager gestorben. Sie sind nicht auf dem Weg ins Exil gestorben, verängstigt und verstört. Sie sind in ihrem Bett gestorben, umsorgt von den Ihren. Und sie alle liegen auf dem Friedhof von Kiryat Bialik begraben. Ganz nah bei ihrem Haus.»

«Plötzlich strahlte meine Straße in die ganze Welt aus ...»


«Sie bevölkerte sich wieder vor meinen Augen. (…) Alle sprachen von der Schlinge, die sich immer enger zuzog, von der Flucht, oft in letzter Minute. Von der Entwurzelung in der neuen Welt aus lauter Wolkenkratzern oder Wüste. Ohne Geld, ohne Beschäftigung, ohne sozialen Status. Ihre Väter waren einfache Arbeiter geworden, Hausmeister oder Liftboys in den Hochhäusern von New York, Taxi- oder Busfahrer, Obst- und Gemüsehändler in Jerusalem. Abends saßen diese so gelehrten Bürgerlichen wie Gymnasiasten über Vokabellisten gebeugt. Diese Professoren-Doktoren verloren ihren Akzent nie und bauten ihre Sätze weiterhin nach deutschem Muster auf, setzten das Verb auch im Englischen ans Ende und das Adjektiv im Hebräischen vor den Substantiv.»


Lilli Ernsthaft ist die einzige, die sich nach dem Krieg in Berlin niedergelassen hat – in ihrer alten Straße, im selben Haus. Ihr Mann Heinrich stirbt im April 1947.  Kein anderer der vertriebenen Altbewohner, mit dem Pascale Hugues spricht, hat diesen Schritt zurück auch nur in Erwägung gezogen – eine Haltung ganz im Einklang mit der Politik des neuen Staates Israel, der in den fünfziger Jahren die «auf der blutgetränkten Erde Deutschlands» lebenden Juden verurteilte.


Wie aber konnte Lilli dorthin zurückkehren, wo sie nur knapp der Deportation entkommen war und ihre Mutter in Theresienstadt ermordet wurde? Lillis Nichte Elga weiß die Antwort: «Die Wohnung war ihre Heimat, ihre Höhle, ihre Zuflucht.» Lillis Sohn Harry dagegen brach mit Berlin, mit Deutschland; er zog nach New York, wo er 1978 mit 53 Jahren an Leukämie starb.

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