27.03.2018   von rowohlt

«So, so you think you can tell / Heaven from hell …»

Horst Eckert, der «Großmeister des deutschen Politthrillers», über seinen neuen Roman

© moodboard; Chris Ryan; Comstock Images/Getty Images
© moodboard; Chris Ryan; Comstock Images/Getty Images

Als Christian Wagner erhängt in seiner Berliner Wohnung aufgefunden wird, glaubt Sarah Wolf nicht an Selbstmord. Die Moderatorin einer politischen TV-Talkshow war seit ein paar Wochen mit dem Bundestagsabgeordneten liiert. Wenige Tage zuvor war der SPD-Politiker von einem Boulevardblatt als Lobbyist des Krankenhausbetreibers Samax AG hingestellt worden – eine Katastrophe für seine Karriere. Aber ein Grund für einen Suizid? In seinen Unterlagen stößt Sarah Wolf auf einen Bericht über Dadaab in Kenia, das größte Flüchtlingslager der Welt, das auch die 28-jährige Menschenrechtsaktivistin Johanna Kling kurz vor ihrer Ermordung besucht hatte. Kommissar Paul Sellin setzt alles daran, beide Todesfälle aufzuklären. Denn er ist schwer krank, und dieser Fall könnte sein letzter sein … 

DAS INTERVIEW


Sie packen in ihrem neuen Thriller gleich mehrere heiße Eisen an:  das Geschäft mit dem Tod (Organhandel), die ambivalente Rolle internationaler Hilfsorganisationen, Korruption in den höchsten Kreisen der Politik, dazu quotengeile Polit-Talkshows. Steckt in «Der Preis des Todes» auch ein Stück Abrechnung mit dem, was Sie selbst als Fernsehjournalist erlebt haben?
Nein, eine Rechnung habe ich wirklich nicht offen. Meine fünfzehn Jahre als Reporter und Redakteur waren eine wundervolle Zeit. Aber oft bewegen sich Journalisten in ihrer eigenen Filterblase. Und sind den Einflüssen zahlreicher Interessensgruppen ausgesetzt. Ich wollte wissen, nach welchen Regeln die Informationsströme fließen, und einen Blick hinter die Kulissen werfen.


Mit «Der Preis des Todes» haben Sie zum ersten Mal keinen klassischen Polizeiroman geschrieben – weshalb?
Mich hat es einfach gereizt, mal etwas Neues anzupacken. Und die Medienwelt ist mir ja nicht fremd. Irgendwann hat Sarah Wolf in meinem Kopf Gestalt angenommen – eine Journalistin, die eine politische Talkshow moderiert und den Tod an ihrem Freund, einem aufstrebenden Politiker, aufklären will. Diese Geschichte hat mich sofort fasziniert. Einen Polizisten und eine klassische Mordermittlung gibt es übrigens trotzdem …


Wie viel Horst Eckert steckt in Sarah Wolf?
Ich konnte mich gut einfühlen in diese Journalistin, die sich von den Mächtigen in unserem Land nicht vereinnahmen lassen möchte. Kritische Distanz sollte in der Berichterstattung selbstverständlich sein, wird aber in der Regel nicht mit einer steilen Karriere belohnt. Sarah ist zu gewissenhaft, um nur nachzuplappern, und deshalb eckt sie an.


Was meinen Sie, fehlt eine «Sarah-Wolf-Talkshow» im realen deutschen Fernsehen?
Wir haben genügend solcher Sendungen, aber zu wenig Sarah Wolf. ARD und ZDF geht es angeblich um Information und Meinungsbildung, sie ersetzen aber die Haltung durch Unterhaltung. Hinter den Kulissen gab bei meinen Recherchen jeder zu, dass die Quote das einzige Erfolgskriterium ist. Und dass man es sich nicht mit den Politikern verderben will, weil man sie ja als Gäste braucht.


Wäre es nicht mal ein hervorragendes Thema für den Anne-Will-Talk im Ersten, über die Polit-Talks selbst zu reden: die immergleichen Nasen aus dem Betrieb (von Bosbach bis Wagenknecht, von Krone-Schmalz bis Altmeier etc.),  die erwartbaren Themen, der Quotendruck?
Am besten mit Sarah Wolf, meiner Heldin, als Studiogast (lacht). In meinem Roman hat sie es auf den Moderatorensessel geschafft. Aber sie ist noch jung, will sich nicht verbiegen und alles besser machen. Was beim Sender, der nur auf die Quote schielt, für Konflikte sorgt. Und im Roman für zusätzliche Spannung neben der eigentlichen Thriller-Handlung.


Lesen Sie eigentlich auch in Recklinghausen, auf Einladung des SPD-Ortsvereins, der – nach Würselen – durch Ihren Thriller nun endlich zu bundesweiter Bekanntheit gelangt?
Im Herbst werde ich tatsächlich dort lesen, auf Einladung einer örtlichen Buchhandlung. Ich würde mich freuen, dabei auch mit SPD-Leuten ins Gespräch zu kommen und über Lobbyismus und GroKo zu diskutieren.


Beim Lesen Ihres Romans fragt man sich, ob Sie vielleicht bekennender Pink-Floyd- und Doors-Fan sind? (Zusammen mit einer Prise Leonard Cohen und Dylan gäbe das einen ansprechenden Soundtrack für eine eventuelle Verfilmung …)
Wenn Musik im Buch vorkommt, überlege ich zuerst, was am besten zu meinen Figuren passt. Manchmal fallen mir da auch Songs ein, die mir selbst gefallen. Als Soundtrack zum Film? Gute Idee!


Warum haben Sie das Buch dem 2017 verstorbenen Klaus Dönecke gewidmet?
Er war mit Leib und Seele Polizist und in meinen ersten Jahren als Autor mein wichtigster Ansprechpartner in Fachfragen. Daraus entstand Freundschaft, und was Klaus erzählte, hat mich oft inspiriert. Zuletzt forschte Klaus über den Einsatz Düsseldorfer Polizisten in Polen während der Nazizeit. Als Teil des staatlichen Machtapparats waren sie dort am Holocaust beteiligt und wurden zu Kriegsverbrechern. Ein Thema, das heute noch allzu oft ausgeblendet wird, wenn es um Polizeigeschichte ging. Sein viel zu früher Tod war ein Schock.

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