09.12.2015   von rowohlt

Silvia Furtwängler – Eine Frau mit 30 Huskys in der Wildnis

Die faszinierenden Abenteuer einer starken Frau, die den Mut hat, ihren Traum zu leben

© Andrey Kamenev
© Andrey Kamenev

Auswandern, im Einklang mit der Natur leben, bei sich selbst ankommen – Silvia Furtwängler hat sich diesen Traum erfüllt. Auf den Spuren Roald Amundsens reiste sie 2008 nach Norwegen, in die größte Hochebene Europas, und blieb, überwältigt von der unglaublichen Schönheit der Natur. Seitdem lebt sie mit ihrer Familie und ihren Schlittenhunden in einem Häuschen am See, ist oft wochenlang durch Schnee und Eis von der Außenwelt abgeschnitten. Hier bereitete sie sich auch mit ihren Hunden auf den Volga Quest vor: 600 Kilometer auf der zugefrorenen Wolga mit dem Schlitten durch Russland. Als einzige von sieben Teilnehmern gelangt sie ins Ziel.


In ihrem spannenden Buch «Nordwärts» erzählt Silvia Furtwängler von ihrer Leidenschaft für ein Leben in der Natur. Und von ihren geliebten Huskys, denen sie einige der größten Abenteuer ihres Lebens verdankt. Hier ein Auszug aus dem Epilog – eine erste Bilanz, aber noch lange nicht das Ende von Silvia Furtwänglers Ambitionen: 

Nie mehr zurück

«Umfassende Zweifel hatte ich nie an der Auswanderung, dennoch stellte ich mir immer wieder die Frage: ‹War der Schritt, den du gemacht hast, der richtige?› Nach gut sieben Jahren kann ich behaupten, unser Haus am Møsvatn-See fühlt sich wie Heimat an. Für jeden von uns vielleicht anders. Steven empfinde ich heute mehr als Norweger denn als Deutschen. Er ruht in sich, ist mit seinen neunzehn Jahren ein aufgeschlossener, freundlicher und zugleich sehr selbstbewusster junger Mann. Das wäre er womöglich auch in Deutschland
geworden, das muss nicht unbedingt an Norwegen liegen, aber ich merke, dass dieses Leben in der Wildnis genau sein Ding ist. (…)


Jürgen, mein Mann, war schon in Deutschland ein Workaholic gewesen, das hat sich in Norwegen nur bedingt geändert. Trotzdem arbeitet er sichtbar entspannter, nimmt sich viel mehr Zeit für andere Dinge, paddelt mit dem Kajak stundenlang über unseren See. Inzwischen ist er bei seiner Firma nicht nur für die Installation von Bohrinseln überall auf der Welt unterwegs, er berät auch Kunden bei der Wahl von Anlagen. So entkommt er regelmäßig der Wildnis, kehrt in diese aber immer liebend gern zurück. Sicher auch deshalb, weil bei uns frisches, selbsterlegtes Fleisch auf den Tisch kommt, dazu selbstgemachtes Brot, Käse und Joghurt. Das hört sich nicht nur toll an, es ist auch toll. (…)


Ich bin hier angekommen, mit allen Höhen und Tiefen, die es zwischendurch auch gegeben hat. Ich habe meine Lebensform gefunden. Tief in mir hat es wohl immer geschlummert, dieses Bedürfnis nach einem Leben mit der Natur, mit den Tieren und Pflanzen. Ich habe gelernt, die Natur zu respektieren, mit ihrer unendlichen Schönheit, aber auch mit ihrer gnadenlosen Gewalt. All das kann ich in mich aufnehmen, finde es faszinierend, mittendrin sein zu dürfen in diesem großen Ganzen. Nicht als Mensch, der Macht über die Natur hat, sondern als Mensch, der erfahren hat, dass in ihr nichts so abläuft, wie ich es mir vorgestellt habe. Das habe ich gelernt zu akzeptieren.

Yukon Quest und Iditarod

Ende 2015 werde ich wieder nach Alaska und Kanada gehen und mich auf das Yukon Quest 2016 vorbereiten. Bislang lief ich mit meinen Hunden von Whitehorse (Kanada) nach Fairbanks (Alaska), dieses Mal haben wir Musher dem Trail entgegengesetzt zu folgen, von Fairbanks nach Whitehorse. Mit dem Rennen ehrt man die Leistungen der frühen Pioniere, aber natürlich ist das Quest auch ein großer Wettbewerb. Und ich werde nicht nur mit einem Team dorthin gehen, sondern gleich noch ein zweites mitnehmen. Denn im selben Winter möchte ich noch am Iditarod-Rennen teilnehmen, dabei hatte ich gedacht, dass ich das nicht mehr müsste. Doch da hatte ich mich getäuscht.


Als ich dort 2012 nach drei Tagen scratchte (Musherwort für aufgeben) – aus gesundheitlichen Gründen, ich hatte einen Innenohrinfarkt gehabt, ganz böse, mit hohem Fieber und Gleichgewichtsstörungen – , da dachte ich: Soll halt nicht sein. Aber dann merkte ich, dass ich dieses Kapitel zu Ende bringen muss. Das Iditarod-Rennen, das nur durch Alaska geht und sogar etwas länger ist als das Yukon Quest, ist für mich wie ein Buch, das ich zu lesen angefangen und zur Seite gelegt habe. Jetzt will ich es zu Ende lesen.»

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