13.04.2018   von rowohlt

Sex, Drogen, Rock 'n' Roll, Kohle

«Unbedingt lesen, es kommen alle Großen vor» (Stern)»: Joe Hagan über den ROLLING STONE, das Zentralorgan der Popkultur

© iStockphoto.com
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Dylan, Jagger, Springsteen, Leibovitz – die Künstler, deren Weg Jann Wenner, Gründer des legendären Rolling Stone Magazine, kreuzte, stehen für 50 Jahre Musik- und Kulturgeschichte. In «Sticky Fingers» finden sich noch unbekannte Geschichten über die Ikonen jener rauschhaften Jahre zwischen San Francisco und New York und die Gier einer Generation nach Erfolg, Aufstieg und Ruhm. Joe Hagan durchforstete Wenners Archiv und sprach mit Mick Jagger, Paul McCartney, Keith Richards, Bruce Springsteen, Elton John, Diane von Fuerstenberg, Bono, Art Garfunkel, Pete Townshend, Yoko Ono, Billy Joel, Bette Midler, Tom Wolfe, Michael Douglas und vielen anderen über diese Zeit – und erfuhr aus erster Hand, was damals wirklich zum Ende der Beatles führte.

Stimmen zu «Sticky Fingers»


The New York Times: «Hagan legt eine geschmeidige, souveräne und unvoreingenommene Biografie vor, die extrem gut geschrieben ist. Ein großes Buch, voller erstaunlicher Details und raffinierter Klatschgeschichten.»
Wiener Zeitung: «Mit dieser prächtig erzählten Großbiografie liegt ein wichtiges Stück Magazinhistorie vor … eine unwiederholbare Erfolgsgeschichte, ein untergegangenes Atlantis des Pressewesens.»
Welt am Sonntag: «Eine fulminante Biografie …,  eine berauschende Fahrt durch die Geschichte der revolutionären Popkultur, die Wenner mit seinem Magazin und einem Ego wie ‹drei Personen, die gleichzeitig versuchen durch eine Tür zu gehen› erst in den Mainstream führte und die später dort zunehmend zur Nostalgie gerann.»


Hier einige Passagen aus Joe Hagans extrem unterhaltsamer Geschichte des Rolling Stone:

«Under my thumb» (The Rolling Stones)


Sergeant Pepper's Lonely Hearts Club Band. «Wenner lernte schnell. Intuitiv begriff er, was die neue Rockzuhörerschaft auszeichnete. Im Gegensatz zu den Fans der britischen Bands war sie hauptsächlich männlich. Für Marketingspezialisten war diese neue Jugendkultur weitgehend Neuland – und Wenner war der Pionier. Bis 1966 waren die wichtigsten US-amerikanischen Publikationen über die Beatles und die Rolling Stones 16 und Tiger Beat. Die aus New York stammenden Zeitschriften richteten sich vor allem an weibliche Teenager und machten Paul und John sowie Mick und Keith zu belanglosen Objekten romantischer Verklärung. Indem er Rockmusik mit demselben Anspruch behandelte, wie junge Männer nun Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band diskutierten, erlaubte es Wenner auch den Jungs, ihre männlichen Idole hingerissen zu begaffen. Fünf Monate vor dem Erscheinen dieses Albums lagen die ersten Ausgaben des Rolling Stone am Kiosk. ‹Hätte James Joyce elektrische Gitarre gespielt, hätte er wahrscheinlich ein Album wie Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band aufgenommen›, formulierte Wenner in einer Musikkritik, die er dem High-Fidelity-Magazin anbot (und die als «prätentiöser Quatsch» durchfiel).»


Rolling Stone! «Er brauchte einen Namen für seine Zeitung. Den Sommer 1967 hatte Wenner gemeinsam mit Ralph Gleason damit verbracht, sich verschiedene Namen auszudenken, und zunächst hatten sie sich auf New Times geeinigt. Das war schon ganz gut, aber noch nicht so richtig. Wenner schlug etwas anderes vor: The Electric Newspaper. Gleason betrachtete seinen jungen Schützling und zog an seiner Pfeife. In jenem Sommer bereitete Gleason einen Essay für das Magazin American Scholar vor, in dem er seine großen Ideen über das revolutionäre Potenzial von Rockmusik zusammenfassen wollte … Sein Artikel trug die Überschrift ‹Like a Rolling Stone›.
Rolling Stone! Das Wesen der Jugend, kein Moos anzusetzen. Ein Song von Muddy Waters, eine jahrtausendalte Referenz aus der Bibel. Nicht nur gab es eine bekannte Band mit diesem Namen, sondern auch einen sechsminütigen Radiohit des winzigen Dämons dieser Generation. (Von Gleason inspiriert, hatte Wenner seine von Verlagen abgelehnte Rock-Anthologie Like a Rolling Stone: Rock and Roll in the Sixties genannt.)
Gleason blies ein wenig Rauch aus: ‹Wie wäre es mit Rolling Stone?›» 


Bruce Springsteen. «Von den 10 000 Menschen, die in der Arbeiterstadt Freehold lebten, konnte man die Teenager, die etwas mit Rockmusik zu tun hatten, an einer Hand abzählen – mit den meisten von ihnen spielte er in einer Band. ‹Es gab vielleicht noch ein oder zwei andere, mit denen man reden konnte, mit denen man etwas gemeinsam hatte›, erinnerte er sich. ‹Zu jener Zeit war im Prinzip die Welt dagegen, wie du dich entwickelst. Wir waren jung, wir konnten nicht nach San Francisco fahren. Das höchste der Gefühle war, am Wochenende ins Village zu gehen, was Steve [Van Zandt] und ich auch gemacht haben und wo wir zum ersten Mal diese Art, über Rockmusik zu schreiben, entdeckt haben. Ursprünglich basierte es auf der Art und Weise, wie im Crawdaddy! geschrieben wurde, was ein Blättchen war, ein kleines bedrucktes Blatt. Und dann gab es den Rolling Stone. Das waren unsere Rettungsseile. Man kann jemandem heute gar nicht erklären, wie einmalig und wichtig diese Dinge für die eigene Existenz in jener Zeit waren. Das waren die einzigen Texte, die bestätigten, dass es da draußen tatsächlich jemanden gibt, der über Rockmusik so dachte wie man selbst. Das war tröstlich.›»


Sixties-Kommerz. «Sollte Jann Wenner eine einzige wirklich gute Idee gehabt haben, dann bestand diese darin, dass die ‹Sixties› eine mythische Zeit gewesen seien. Die Wirkmacht dieser Idee war nachhaltig: Die Sechziger wurden endlos von seiner Generation glorifiziert und zum Fetisch erhoben, mit Platten und Büchern, TV-Shows und Filmen, T-Shirts und Postern, ohne Ende und für immer und ewig, Amen. Die sechziger Jahre mit all ihrer Leidenschaft und ihrem Idealismus, ihrem heiligen Innersten, waren ein Geschäft. Das verstand Mick Jagger nur zu gut, ebenso Jerry Garcia von den Grateful Dead und Bill Graham.
Jener Holocaust-Überlebende mit den starken Augenbrauen wurde Rockpromoter und in Wenners Zeitung regelmäßig als ‹Profiteur› verschrien. Wenner und Graham hatten sich erbitterte Kämpfe geliefert. (…)  Nachdem die Story erschienen war, drohte Graham Wenner mit dem Tod und tauchte dann in der Third Street auf. In einer fünfstündigen Konfrontation bellte und fluchte er über jede einzelne Zeile der Reportage. Wenner versuchte, Graham zu besänftigen, indem er ihm versicherte, er selbst sei auch ein Kapitalist und neide ihm sein Geld nicht.»


Fighting for the revolution – really? «Wenner hatte in der Tat die Jugendrevolution abgeschüttelt, so wie es aussah. Allerdings handelte es sich nicht wirklich um einen Verrat, da er deren politische Grundsätze von vornherein nicht unterschreiben wollte. Und er hatte überlebt – und für Wenner war dies das Einzige, was zählte. (…) Ende 1970 hatte Wenner alles zusammen, um eine neue Ära des Rolling Stone einzuläuten: Er hatte die finanzielle Unterstützung der amerikanischen Plattenindustrie, zwei Tonbänder, auf denen John Lennon alles über die Beatles erzählte, mit der Fotografin Annie Leibovitz und dem Schriftsteller Hunter S. Thompson zwei aufstrebende Superstars, einen neuen Geschäftsbereich für Buchpublikationen mit dem Namen Straight Arrow Books und schließlich – was nicht zu verachten war – einen neuen Investor am Haken. Max Palevsky war Geschäftsführer der Xerox Corporation. Der Multimillionär war darauf eingestellt, im Jahr 1971 Hunderttausende Dollar in den Rolling Stone zu pumpen.

«Das LSD machte die Hippies zu Yuppies» (Frank Zappa)


Sister Morphine. «Statt eines Fotos von Ralph Gleason druckte Wenner eines von Mick Jagger und Keith Richards auf den Titel. Es war das siebte Cover, das sie seit Beggar’s Banquet zierten. Auf der Schwarzweiß-Studioaufnahme von Annie Leibovitz posieren die beiden Flitterzwillinge als Zigeuner: ohne Hemd, Jagger zieht eine Schnute, und Richards’ Gesicht ist rot wie ein Sonntagsbraten. Leibovitz hatte großes Interesse daran gehabt, die 1975-Tour der Stones zu begleiten, wie es 1972 Robert Frank getan hatte, aber Wenner zögerte, sie hinzuschicken. Er fürchtete, sie würde sich in den berüchtigten Drogenstrudel der Stones hineinziehen lassen. Keith war schwer heroinsüchtig, auch Jagger übertrieb es …»


Annie Leibovitz … «war zum ersten Mal im Frühjahr 1970 in die Redaktion in der 625 Third Street gekommen, unter dem Arm eine Mappe voller Fotos. Am Tag zuvor hatte sie eine Antikriegs-Demo im People’s Park in Berkeley fotografiert, darunter war auch ein Bild von Allen Ginsberg, der einen Joint raucht. Zu jener Zeit veröffentlichte der Art-Director Bob Kingsbury regelmäßig Fotos von unbezahlten Studenten auf Seite drei. Leibovitz’ Freund drängte die damals 20-Jährige, sich mit ihren Arbeiten beim Rolling Stone vorzustellen. Zufällig kam sie genau zur rechten Zeit (…)
Über 1,80 Meter groß, knochig, zottelig, große Brille, kein BH: Tom Wolfe sagte, sie sähe aus wie eine vom französischen Expressionisten Bernard Buffett in die Länge gezogene Barbra Streisand. Leibovitz versuchte von ihrer imposanten und ungelenken Statur mit einer Nikon abzulenken, die sie sich permanent vor das Gesicht hielt. Die Kamera war ihr ständiger Begleiter, manchmal trennte sie sich auch im Bett nicht von ihr und gab ihr den Kosenamen Natasha Nikon. (…)
Was Wenner und Kingsbury an ihr schätzten, war ihre unerschütterliche Arbeitsmoral, sie war besessen. Schon bald war sie praktisch eine Sklavin des zweiwöchentlichen Erscheinungsrhythmus. Eine Notiz über ihre Aufträge von 1971 liest sich wie ein Marathon durch die Gegenkultur: Art Garfunkel, Santana, die Stones, Ahmet Ertegun von Atlantic, Dick Cavett, Dr. Hook, Grand Funk Railroad, Sonny and Cher, Chicago, Stephen Stills, Delanie and Bonnie, Procol Harum. ‹Nur so eine ungefähre Liste», merkte sie an.
Ihr Talent lag in ihrer Intensität. Scheinbar machte sie ihre Objekte mürbe, betörte sie mit ihrer verzweifelten, angstgetriebenen Fotografiererei, während sie eine Filmrolle nach der anderen verschoss. Für einen männlichen Rockstar war die Aufmerksamkeit einer Frau mit einer Kamera ein wirkungsvolles Aphrodisiakum, insbesondere wenn er auf die Titelseite des Rolling Stone kommen wollte. Sie fühlten sich diesem Unglücksvogel mit dem Watschelgang, den ihnen Jann Wenner herübergeschickt hatte, verpflichtet und verspürten auch den Wunsch, mit diesem verwundbaren Mädchen zu schlafen, das sie mit Kodakfilmen überhäufte und spielerisch seine eigene Kleidung ablegte.


John Lennon. «Es war auf die Woche genau ein Jahr her, dass Lennon Yoko Ono auf einer Ausstellung in der Londoner Indica Gallery kennengelernt hatte, als der Rolling Stone die erste Ausgabe druckte. Der Aufstieg der glaubwürdigen und populären Rockmusikzeitung aus den USA fiel genau mit dem Zerfall der Beatles zusammen. Lennon wollte die Kontrolle über sein Image in den Medien zurückgewinnen und sah im Rolling Stone die Möglichkeit, sich von der Tyrannei der Hit-oder-Loser-Maschinerie zu befreien.
Darüber hinaus war Lennon in seiner berüchtigten Launenhaftigkeit sogar der Meinung, Wenner schulde ihm noch etwas. Ono zufolge wurmte es ihn, dass Wenner seine Zeitung offensichtlich nach den Rivalen der Beatles benannt hatte. ‹Man hatte beschlossen, die Zeitung als Reverenz an Mick Jagger Rolling Stone zu nennen, worüber John nicht glücklich war. Deswegen wollte John etwas zurück›, so Ono.
Ganz so traf das nicht zu, denn eigentlich war der Song von Bob Dylan die Inspiration gewesen, aber Wenner war nur zu glücklich, dem Wunsch zu entsprechen: ‹Wir waren ein aufmerksames Forum für John und Yoko. Alles, was sie sagten, haben wir gedruckt.›


Bono. «Andere Rockmusiker lernten, wie sie das Spielchen mitzuspielen hatten. Mit dem U2-Album Zooropa, das 1992 erschien, änderte sich Bonos kritische Haltung zur Kommerzialisierung der Rockmusik, und seine Freundschaft mit Wenner nahm auf einer Veranstaltung der Rock and Roll Hall of Fame ihren Anfang. (…) Bono war der aktuelle Neuzugang in Wenners Pantheon. Der U2- Bandleader lud ihn zu sich nach Hause nach Südfrankreich ein und lobte den Rolling Stone großzügigerweise auf einem Konzert in Detroit, während Wenner in der VIP-Lounge Autohersteller bewirtete. Im Anschluss an das Konzert ging Bono hin, um hallo zu sagen, und half Jann Wenner so dabei, 50 Anzeigenseiten zu generieren. Bevor Wenner ihm 2005 endlich ein Interview im Rolling Stone einräumte, war Bono bereits 16-mal auf der Titelseite erschienen. Wenner gestattete Bono, das Interview mit einer Länge von 16 613 Worten zu redigieren …»


Hunter S. Thompson. «Thompson hatte in San Francisco ein Parallelleben geführt. Im Jahr 1964 tauchte er auf, arbeitete als freier Journalist, freundete sich mit Ralph Gleason an, nahm LSD, fand Jefferson Airplane toll und kurvte mit den Hells Angels herum. Thompson behauptete, Jefferson Airplane im Matrix im September 1965 gesehen und danach Gleason angerufen zu haben, um ihn zu drängen, sie sich anzuhören. Wenn das stimmt, dann bedeutet das, dass Thompson den Stein ins Rollen brachte, denn am Ende hatten Jefferson Airplane einen 25 000-Dollar-Plattenvertrag mit RCA und damit den ganzen Rockmusik-Boom in San Francisco ausgelöst.
Es traf zu, dass Thompson im August 1965 einen Besuch der Hells Angels auf Ken Keseys Ranch organisierte. Damit katalysierte er die offizielle, wenn auch nicht spannungsfreie Annäherung von Acidheads und Bikern. Die Hells Angels warfen Trips, während Bob Dylan ‹Like a Rolling Stone› aus Lautsprechern sang, die in den Bäumen hingen. Allen Ginsberg feierte den Zusammenschluss mit einem Gedicht, und Thompson bot Tom Wolfe die Aufnahmen seiner Lagerfeuer-Gespräche mit den Angels für dessen The Electric Kool-Aid Acid Test an.
Aber der 33-jährige Thompson war ein ebenso untypischer Mann wie der 24-jährige Wenner: Der großgewachsene und sportliche Südstaaten-Junker aus Louisville, Kentucky, wurde schon in der Highschool der Kleinkriminalität bezichtigt, er war ein charmanter
Schlaumeier mit einem messerscharfen Intellekt und einem Hang zu Alkohol und Konfrontation. In Briefen an Freunde und befreundete Herausgeber kultivierte er die Kunst der scherzhaften Beleidigung: ‹Du wertloses, Acid lutschendes Stück Analphabeten-Scheiße!› Er besaß diese Art vertrackten Ehrgeiz, den man aus der Literatur kennt, insbesondere aus Büchern von Norman Mailer und Jack Kerouac, Macho-Helden-Autoren, die er bewunderte und deren Literatur in seine Werke einfloss.»

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