19.05.2020   von rowohlt

Im Gespräch mit Julian Sengelmann

© Thomas Leidig
© Thomas Leidig

Wann waren Sie eigentlich das letzte Mal in der Kirche?


Tatsächlich ist das in diesen merkwürdigen Corona-Zeiten schon ein paar Wochen her. Zu Ostern haben wir in der wunderschönen Hauptkirche St. Katharinen in Hamburg eine digitale Osterkulturnacht veranstaltet. Und das war wirklich ein Erlebnis: ungefähr acht Künstler*innen aus ganz unterschiedlichen Bereichen, zwei Pastoren-Kolleg*innen und sechs Kameras inklusive einer, die dann an einem langen Stahlseil durch den komplett leergeräumten Kirchraum dieser riesigen Kirche geschwebt und geschwungen ist. Und wir haben ein wunderbar wahnsinniges und leicht anarchisches Programm gestreamt, das dann nach vier Stunden auf dem Kirchturm mit Blick auf die Elphi endete und den nahenden Ostermorgen mit einem Osterruf begrüßt hat. Das war schon ein ziemlich einzigartiger Kirchbesuch auch für die mehr als 1500 Menschen, die aus vielen Teilen der Erde zugeschaltet waren.

Und wann das erste Mal? Welche Erinnerungen haben Sie daran?


Hahaha –das ist eine gute Frage. Ich habe dreierlei Erinnerungen, von denen ich die eigenständigste und prägendste (und vielleicht auch skurrilste) in meinem neuen Buch en détail schildere. 
Meine erste Erinnerung an Kirche ist, dass wir im Kindergarten einmal die Woche mit allen Knirpsen in der Kirche zu Gast waren, zu der unsere Kita gehörte. Und da erinnere ich mich vor allem daran, dass wir alle immer auf einem furchtbar kratzigen Sisalteppich sitzen mussten und das Vaterunser auswendig gelernt haben. Aber das war eigentlich immer ganz nett, weil der Pastor so ein sympathischer älterer Herr war. 
Ansonsten waren wir in meiner Familie ganz klassische U-Boot-Christenmenschen: also einmal im Jahr zu Weihnachten auftauchen, in die Kirche schwimmen und dann das Jahr über abtauchen. 
Und was «Das Schweigen der Lämmer» mit meiner Entscheidung für Kirche zu tun hat, das kann man in «Glaube ja, Kirche nein? Warum sich Kirche verändern muss» nachlesen...

Was bedeutet Kirche für Sie? Ist der Gang in die Kirche notwendig für den Glauben an Gott?


Ich liebe Kirche. Nicht immer und ganz klar auch nicht alles, was damit verbunden oder dafür gehalten wird. Mit Sicherheit nicht! Aber ich liebe Kirche in dem, was sie eigentlich mal war und vielerorts auch immer noch ist: ein Kommunikationsgeschehen, in dem Menschen ehrlich, hoffend, zweifelnd, suchend und manchmal auch findend über ihre Geschichte mit einem Gegenüber sprechen, das größer ist als die Logiken, denen wir uns häufig verschreiben (ich übrigens auch). Das liebe ich wirklich. 
Und vieles an dem, was nicht ganz trennscharf als «die Kirche» beschrieben wird (Spoiler: «Die Kirche» gibt es nämlich gar nicht …), mag ich auch. 
Und: nein! Man muss natürlich nicht in die Kirche gehen, um an Gott zu glauben. Aber es ist doch viel schöner und produktiver, zu schauen, wie und wann man Gott eigentlich in «der Kirche» findet. Denn das passiert!

Kirche ist mit vielen Klischees verhaftet. Welche ärgern Sie am meisten?


Wo soll ich anfangen? Die Klischees, die mich am meisten selbst betreffen und verfolgen, arbeite ich in meinem Buch ab. Und da sind die großen Fragen nach Kirchensteuer, Gottesdienst, dem schlechten Image der Kirche, nach dem Missbrauch, der häufig auf ganz unterschiedlichen Ebenen leider immer noch und immer wieder passiert. 
Und manche Klischees stimmen leider: Die gestelzte Sprache, das Angebot, das eigentlich niemanden erreicht, weil vieles doch nur selbstreferenziell ist. 
Ich glaube, es geht aber vor allem um die Frage nach einem Zugehörigkeitsgefühl, das – aus ganz unterschiedlichen Gründen – verlorengeht und schon -gegangen ist. Viele Menschen hatten ein Erlebnis, das ihnen die Freude genommen hat, sich selbst in der Kirche zu verorten. Und das sind häufig gar nicht unbedingt rationale Gründe – Kirche ist auch nicht in allen Aspekten an Rationales gebunden. Und weil ich so häufig mit Klischees und auch solchen «Austrittserlebnissen» konfrontiert wurde, habe ich in meinem Buch einen kleinen, etwas augenzwinkernden und trotzdem ernst gemeinten Fragenkatalog entwickelt, der den Leser*innen selbst vielleicht ein bisschen Klarheit gibt.    

Laut der Studie «Kirche im Umbruch – Projektionen 2060» werden in 40 Jahren nur noch die Hälfte der jetzt in irgendeiner Form zugehörigen Menschen Mitglied in einer katholischen oder evangelischen Kirche sein. Wieso wenden sich so viele in den letzten und wohl auch in den nächsten Jahrzehnten von der Kirche ab?


Die Studie untersucht vor allem zwei unterschiedliche Faktoren: demographische und kirchenspezifische Faktoren. An den demographischen können die Kirchen nichts ändern – da geht es um Geburtenraten, Zu- und Wegzüge etc. Die haben auch nicht ganz unwesentliche Auswirkungen auf die Mitgliederzahlen von Kirche, aber sind eben nicht (kirchlich) veränderbar. 


Die kirchenspezifischen Faktoren sind interessanter. Darin wird untersucht, inwieweit die Austritte eigentlich wirklich mit Kirche zu tun haben. Es geht ganz konkret um die Frage, wie Religionszugehörigkeit eigentlich primär weitergegeben wird (wer sich weshalb und in welcher verwandtschaftlichen Linie wahrscheinlicher taufen lässt etc.). Ganz vereinfacht: Menschen haben häufig nicht mehr das Gefühl, dass sie und Kirche noch zusammengehören. Und das hat – wie sollte es auch anders sein – viele unterschiedliche Gründe…  

Was tut die Kirche gegen die rapide schwindenden Mitgliederzahlen? 


Vielerorts tut die Kirche viel mehr, als es medial vermittelt wird. Ich kenne viele Landeskirchen, die neue Formen ausprobieren, an ihrer Struktur arbeiten, sich und das himmlische Bodenpersonal weiterbilden etc. Aber ein essenzieller und existenzieller Faktor ist die Kommunikation: Wenn Kirche das nicht noch drastischer ändert, wird es schwer sein, Menschen zu erreichen, die nicht (mehr) originär dazugehören (und gleichzeitig nicht die zu verlieren, die noch dabei sind und vieles auch toll finden…).

Unser Leben scheint immer lauter, schneller und ermüdender. Die Menschen sehnen sich nach Entschleunigung, nach Bedeutung. Viele suchen diese auf spirituellen Wegen, mit Hilfe von Yoga, Meditation oder gar mit Aufenthalten in einem Ashram. Dabei ist der Gang in die Kirche die perfekte Art der Entschleunigung. Wieso wird die Kirche als ein Ort der Ruhe und des Insichgehens so verkannt?


Ach, wenn ich das wüsste. 
Fakt ist: Kirchen haben zumindest theoretisch ein unglaubliches Pfund in der Hand. Sie haben nämlich – Kirchen. Orte, die genau dafür gemacht sind und dazu einladen, zu entschleunigen, Orte fürs Leben und solche, an denen man innehalten, kurz durchatmen und Luft holen kann. Menschen (und häufig Kirchengemeinden) haben das irgendwie vergessen. Mein kleiner Perspektivwechsel: Denken Sie mal an Ihren Urlaub. An dieses merkwürdige Gefühl, das Sie einholt, wenn Sie gerade in dem kleinen Café auf dem Marktplatz in Côted’AzurSpanienAtlantikItalienwoauchimmer sitzen und irgendetwas Sie fast schon magisch in die Kirche am Marktplatz zieht. Sie gehen rein, fühlen sich kurz merkwürdig und ein bisschen heuchlerisch, setzen sich aber doch, beobachten das Treiben, und schwupps sind 15 Minuten vergangen, in denen Sie völlig versunken waren und zu sich gekommen sind. Sie verlassen die Kirche und finden, dass das ja überraschend schön war. 
Wie wäre es, wenn wir alle dieses Erlebnis in unseren Alltag implementieren würden? Könnte ja ein Anfang sein, weniger mit der Kirche zu fremdeln. Oder zumindest anders. 

Was würden Sie gern Zweiflern der Kirche sagen?


Dass das genau die richtige Haltung ist! Denn Zweifeln und der Wunsch nach einer Form von Prüfen und Kurskorrektur gehört unbedingt zur Kirche – und das wundert viele Menschen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Kirche?


Offenheit, Freude, Mut, Schönheit, weniger, das dadurch mehr wird. Und die Klarheit, dass Glaubensfragen immer und ganz unbedingt Lebensfragen sind. Und genau deshalb sind sie auch immer relevant. 

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