02.01.2016   von rowohlt

«Seid Kinder, lernt, werdet älter, kämpft, leidet und hofft …»

Daniel Kehlmanns «F» ist ein virtuoses Kunstwerk, ein großartig abgekartetes Spiel

F wie Familienbande. F wie Fälschung. F wie Fiktion: Daniel Kehlmanns Roman «F» erzählt die Geschichte dreier Brüder, die – auf je eigene Weise – Heuchler, Betrüger, Fälscher sind. Sie haben sich eingerichtet in ihrem Leben, doch plötzlich klafft ein Abgrund auf: eine kleine Unaufmerksamkeit, ein unbedachter Schritt, und schon nimmt das Schicksal seinen Lauf.


«F» erzählt von Menschen, ihren Wünschen, Sorgen, Fantasien. Gleichzeitig umkreisen die Geschichten große Fragen, die größten. Die nach dem Glauben, nach dem Sinn von Kunst, dem richtigen Leben, dem Glück. Jede der Figuren geht einen anderen Weg, und dass sie alle auf ihre eigene Art scheitern, spricht vielleicht für die Intensität der Suche.

Ein Mann verschwindet


Schöner und schonungsloser hat lange kein Autor über das Leben nachgedacht. Über das, was wir selbst in der Hand haben, was wir für Zufall halten oder Schicksal. Ein Roman aus vier Lebensentwürfen, vier Biografien: eigenständig und doch miteinander verknüpft. Arthur Friedland verlässt seine Familie, als die Söhne vierzehn beziehungsweise dreizehn Jahre alt sind. Er räumt das Konto leer und schickt ein Telegramm: Man brauche nicht auf ihn zu warten, er werde sehr lange nicht zurückkommen. «Und tatsächlich sollte keiner seiner Söhne ihn wieder sehen, bevor sie erwachsen waren. In den folgenden Jahren aber erschienen die Bücher, deretwegen die Welt Arthur Friedlands Namen kennt.»


Die vier hatten die Nachmittagsvorstellung eines Hypnotiseurs besucht. «Der große Lindemann» hatte Arthur zu sich auf die Bühne geholt, und nachdem er die Söhne zu Hause abgeliefert hatte, setzte er sich ab, heimlich. Wäre sein Leben ohne diesen Sonntagnachmittagsausflug anders verlaufen? Was entscheidet über ein Leben?

Geld und Kunst: das große Zocken


Arthur, der sich allen Zwängen Entziehende, ist am ehesten mit sich im Reinen. Martin, sein ältester Sohn, flüchtet sich in die Arme der katholischen Kirche. Ohne wirklich zu glauben, gibt ihm der schützende Rahmen Halt: Jetzt gibt es auf alles eine Antwort, allein hatte er sich überfordert gefühlt. Die Zwillinge gehen auf den ersten Blick entgegengesetzte Wege. Eric will das große Geld machen und spekuliert mit den Vermögen anderer. Als er alles verliert, ändert das nichts – er wird weitermachen. Iwan, homosexuell, wird Maler, talentiert, aber durchschnittlich. Zu seiner eigentlichen Berufung findet er, als er dem ebenfalls nur mittelmäßigen Maler Heinrich Eulenböck eine Künstlerbiografie andichtet. F wie Friedland, F wie Fälschung.


Ein unglücklicher Priester, ein größenwahnsinniger Spekulant, ein zynischer Künstler-Erfinder – auf einmal erscheint Arthurs Entschluss, sein altes Leben hinter sich zu lassen und stattdessen Bücher zu schreiben, als glücklicher Weg, als Akt der Befreiung. Was er während all der Jahre gemacht habe außer Schreiben, fragt ihn Martin. «Nichts. Ich habe sonst nichts gemacht. Darum ging es ja.» Sein erstes Buch <i>Mein Name sei Niemand</i> ist eine Novelle über einen ins Leben aufbrechenden Mann namens F. Die Erzählung hat etwas Unheimliches, findet Martin – «als bedeute kein Satz einfach sich selbst», «als stünde in Wahrheit nicht die Hauptfigur im Zentrum, sondern der Leser».


Ob es einen Sinn im Leben gibt, wer weiß das schon. Es gebe Zufall, sagt Arthur, Glück im rechten Augenblick oder eben Pech, das sei alles, jedes Leben habe seine eigene Fallhöhe. Iwan begehrt heftig gegen diese Sichtweise auf: «Alles vergeht, aber das heißt noch lange nicht, dass es Glück nicht gibt. Glück ist sogar die Hauptsache. Es kommt auf die Momente an, die guten Momente.» Aber je mehr Eric und Iwan an den Strippen ziehen, desto weniger verstehen sie sich selbst. «F» ist auch ein Buch vom Verschwinden und der Sehnsucht danach.

Der Traum vom neuen Leben


«F» besteht aus lauter Geschichten. Ein flirrendes Netz von Bezügen, leicht erzählt, locker im Ton, zugleich scharf und klar. Sätze von großer Schönheit. Und über allem liegt ein Staunen. «Wir gingen schweigend. Ampeln blinkten, Autos hupten, und ich hörte die Wortfetzen vorbeigehender Menschen. Mir war, als wären all die Geräusche Teil einer Geheimsprache, als redete die Welt mit Hunderten Lauten auf mich ein, aber ich konnte mich nicht konzentrieren und verstand nichts.»


Bei all den Fragen, all den Zweifeln wird der Roman von einem warmen Grundton getragen. Wenn Arthur mit seiner Enkelin Marie Nachmittagsausflüge unternimmt, erzählt er ihr, was er herausgefunden hat. «‹Man wird dir sagen, das Leben besteht aus Verpflichtungen. Vielleicht hat man es dir schon gesagt. Aber das muss nicht stimmen.› Marie nickte. Sie verstand nicht, was er meinte, aber sie hoffte, dass er ihr das nicht ansah. ‹Es geht auch ohne Kompromisse. Man kann leben, ohne ein Leben zu haben. Ohne Verstrickungen. Das macht vielleicht nicht glücklich, aber es macht leicht.›»


Die Möglichkeit, sich ganz neu zu erfinden, schenkt einem nur der große Lindemann auf seiner Bühne. Für einen kurzen, ewigen Moment bekommt hier jeder ein neues Leben: «Träumt tief. Noch tiefer und tiefer als je. Träumt ein neues Leben. Seid Kinder, lernt, werdet älter, kämpft, leidet und hofft, gewinnt und verliert, liebt und verliert wieder, werdet alt, werdet schwach, werdet hinfällig, und dann sterbt, es geht so schnell, und wenn ich es sage, schlagt ihr die Augen auf, und alles ist nie geschehen.»


+++ Autor: Werner  Irro +++

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