21.12.2015   von rowohlt

Schwarze Galle, geschmolzenes Silber

«Selten wurde das Leben als Paar mit solcher Intensität beschrieben» (La Stampa) wie in Paolo Giordanos Roman «Schwarz und Silber»

© Deborah Pendell/Arangel Images
© Deborah Pendell/Arangel Images

«Dies ist das Fragment einer wahren und leidvollen Geschichte in literarischer Verarbeitung»: Mit diesem Satz beginnt der italienische Autor Paolo Giordano seinen neuen Roman. Erzählt wird die Geschichte einer jungen Familie, die durch den Tod ihrer geliebten Kinderfrau in eine existenzielle Krise gerät. Nicht nur in Italien wurde «Schwarz und Silber» als «eines der schönsten Bücher der letzten Jahre» (Corriere della Sera) gefeiert. Weil es in einer unaufgeregten, klaren, schönen Sprache geschrieben ist. Und weil es um Fragen kreist, die uns alle angehen: Was hält Menschen zusammen, was trennt sie? Was passiert, wenn plötzlich jemand fehlt, der immer da war? Und – welche Farben haben Gefühle?


Mit seinem Debüt «Die Einsamkeit der Primzahlen» (2008) avancierte der damals 26-Jährige Paolo Giordano zum gefeierten Bestsellerautor. Fünf Jahre danach legte er mit «Der menschliche Körper» einen eindringlichen Roman über eine Gruppe italienischer Soldaten vor, die in Afghanistan ein Militärcamp mitten im Taliban-Gebiet verteidigen soll – bis ein folgenschwerer Vorfall das Leben aller Beteiligten für immer verändert. «Schwarz und Silber» ist der dritte Roman des italienischen Autors, der neben der literarischen Arbeit seine Dissertation über Teilchenphysik vorangetrieben hat – was sich u.a. in hinreißenden Formulierungen wie der «Hysterie der Moleküle» niederschlägt …

Pressestimmen

FAZ: «Ein beeindruckender Roman …, dessen großer Reiz in der kontrollierten Kürze, in der Beschränkung auf einige Momente liegt, in denen sich Leben und Tod begegnen.»
Süddeutsche Zeitung: «Eine kunstvoll erzählte, stimmungsvolle Novelle.»
ARD Buffet: «Ein leises Buch, ein großartiges Buch über die Kraft der Gefühle, das Leben als Paar und die Wärme der Menschen.»
Kölnische Rundschau: «So gestochen scharf sind Seelenbilder selten.»
NZZ: «Das Innenleben dieses bürgerlichen Haushalts wird still und lakonisch vor dem Hintergrund des heutigen, kriselnden Italien beschrieben, in dem sich existentielle Unsicherheit auch in den einst behüteten Kreisen breitmacht.»
Nürnberger Zeitung: «Ein wunderbarer, psychologisch sensibel gezeichneter Liebesroman, der gerade durch seine erzählerische Schlichtheit besticht.»

«Ohne ihren Blick fühlten wir uns gefährdet»

Als ihre Haushälterin und Kinderfrau von einem auf den anderen Tag kündigt, sind die Innenarchitektin Nora und ihr Mann, ein Physiker mit prekärer Anstellung an der Universität, schockiert. Warum sie nicht mehr kommen werde, fragt Nora. «Weil ich müde bin.» Aber Signora A. ist nicht einfach müde, sie ist todkrank, unheilbar an Krebs erkrankt, will. Jetzt will sie ihren letzten Weg allein gehen. Acht Jahre lang gehörte Signora A. praktisch zur Familie, für den kleinen Emanuele war sie wie eine zweite Mutter. Mit ihrer zupackenden Art und ihrer Fürsorglichkeit garantierte sie den stets bedrohten Zusammenhalt der jungen Turiner Familie: als Kraftzentrum und Quell immerwährender Zuversicht.


Für die Zurückbleibenden bricht gewissermaßen das Geländer weg. Dem Paar droht ein Sturz ins Bodenlose droht, das Ende des Familienidylls – und ihrer Liebe. «Auf die Dauer braucht jede Liebe jemanden, der sie sieht und anerkennt, sie beglaubigt, sonst läuft sie Gefahr, für ein Missverständnis gehalten zu werden.» Es war der wichtigste Teil von Signora A.s «Job», die Unzulänglichkeiten des Ehepaars ausgeglichen, die Unsicherheit in Alltagsdingen, das Zögern angesichts aller Zukunftsentscheidungen – kurz: das Gegeneinander des «Schwarzen» und des «Silbernen» zu entschärfen.


Der Romantitel spielt auf die «Humoralpathologie» der antiken Medizin an, nach der verschiedenfarbige Körpersäfte die verschiedenen Temperamente verursachen – hier die schwarze Galle der Melancholie, dort die silberfarbene Leichtigkeit. «Letztlich ist man fast nie glücklich oder unglücklich wegen dem, was passiert, sondern wegen der Säfte, die in einem fließen.» Lassen sich so unterschiedliche Gefühle bei einem Paar mischen? Oder ist es wie bei kommunizierenden Gefäßen, dass alle verdammt sind, in ihrem eigenen System, ihrer eigenen Gefühlswelt zu bleiben – wie einsame Primzahlen?

Ein Leben ohne Babette?

Nora hat einst Signora A. im Spaß «Babette» genannt, wie die Haushälterin in Karen Blixens berühmter Erzählung «Babettes Fest». Mit der todbringenden Krankheit droht auch die Liebe zwischen Nora und ihrem Mann zu schwinden. «Auch ein junges Paar kann erkranken, an Unsicherheit, Wiederholung, Einsamkeit. Die Metastasen breiten sich unsichtbar aus, und unsere hatten bald das Bett erreicht. (…) In einem Sicherheitsabstand voneinander liegend, glichen unsere Körper uneinnehmbaren Marmorblöcken.»


Ein Stück weit lässt Signora A. ihre Zweitfamilie an ihrem Sterben teilhaben. Sie erzählt viel von ihrem verstorbenen Mann Renato. Und von jenem Traum, in dem sie den «Todesvogel» sieht, einen Papagei mit blauem Gefieder und zitronengelben Federn. Und am Ende auch von allem, was mit dem «großen K für Krebs» zu tun hat: mit  Computertomografie und Chemotherapie, mit Perückenkauf und Begräbnismodalitäten.


Babettes wahrer Name wird erst auf der letzten Seite enthüllt, mit dem letzten Wort des Romans. Es ist eine ergreifende Szene auf dem Dorffriedhof, wo Signora A. ihre letzte Ruhestätte neben ihrem Mann gefunden hat. Dank Emanuele, der unbefangen auf dem Grab seiner Kinderfrau herumspringt, macht sich zum ersten Mal so etwas wie Hoffnung auf ein Leben ohne Babette breit …

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