24.02.2016   von rowohlt

Schuld und Sühne

Cormac McCarthys großer Debütroman von 1965 jetzt erstmals auf Deutsch

© Umschlaggestaltung: David Pearson
© Umschlaggestaltung: David Pearson

Es war Albert Erskine, William Faulkners legendärer Lektor bei Random House, dem 1964 das Romanmanuskript von «The Orchard Keeper» in die Hände fiel und der fortan das junge Talent Cormac McCarthy nicht mehr aus den Augen verlor. Jahrzehnte später gilt McCarthy vielen als «der Autor, an dem sich alle amerikanischen Autoren messen lassen müssen» (The Guardian). Jetzt ist sein Romandebüt unter dem Titel «Der Feldhüter» endlich auf Deutsch erschienen (in der fabelhaften Übersetzung von Nikolaus Stingl) – ein in seiner sprachlichen Wucht und assoziativen Kraft fast lyrischer Roman voll düsterer Schönheit.


Der 83-jährige Cormac McCarthy ist ein Solitär unter den US-Schriftsteller. Jahrzehnte galt er als writer's writer. Lesungen und Vorträgen verweigerte er sich hartnäckig, Interviews mit ihm gibt es vielleicht eine Handvoll: an Publicity in eigener Sache war McCarthy nie interessiert. Nur wenige tausend Exemplare seiner großen Romane  – u.a. «Ein Kind Gottes», 1974, «Verlorene», 1979, «Die Abendröte im Westen», 1985 –  wurden verkauft. Bis 1992 «All die schönen Pferde», der Auftakt seiner Border-Trilogie, zum Sensations-Bestseller wurde. Einem großen Publikum bekannt wurde der in Rhode Island geborene und in Knoxville, Tennessee, aufgewachsene Autor aber erst durch die brillante Verfilmung von «No Country For Old Men» durch die Coen-Brüder und den Pulitzerpreis für das unerbittliche Endzeitepos «Die Straße» (2007/2008).

Stimmen zu «Der Feldhüter»

LITERATUR SPIEGEL: «Diese Trauer über die Vergänglichkeit ist eines der großen Themen des amerikanischen Südens … Niemand seit William Faulkner erzählt davon wie Cormac McCarthy.»


DER TAGESSPIEGEL: «Cormac McCarthys meisterhafter,  finster-schöner Debütroman … stellt gewissermaßen den Prolog für dieses beindruckend-unerbittliche Werk dar.» 


SÜDDEUTSCHE ZEITUNG: «McCarthys Erstling steht noch ganz in der Tradition des Southern Gothic. Trost gibt es in dieser heillosen Welt nur in der wilden Schönheit der Natur.»


FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG: «Man weiß schon nach den ersten Seiten dieses Debüts, warum die Literatur manchmal einfach mehr kann als jeder Film …»


Tennessee, in den 1930-er und 1940-er Jahren

Die Schlüsselszene von McCarthys Roman ist ein Mord, den der Whiskyschmuggler Marion Sylder begeht. Als ihn ein Anhalter ausrauben will, erwürgt Sylder den Mann In einem Akt von Raserei  – weil er in sich «eine tiefe und unerschütterliche Gewissheit (spürt), dass er sich in Gegenwart des Bösen befand». Die Leiche vergräbt er in einem aufgegebenen Obsthain, nicht ahnend, dass er dabei beobachtet wird. Der Tote ist der Vater des Jungen John Wesley Rattner, der verwahrlost durch die Wälder streift. Diese beiden führt der Roman schicksalhaft zusammen: John Wesley rettet, ohne zu wissen, wen er vor sich hat, dem Mörder seines Vaters nach dessen Autounfall das Leben. Dass ausgerechnet Sylder zum väterlichen Freund des Jungen wird, ist eine dieser McCarthy-typischen Konstellationen, die unweigerlich zu einer Gewalteruption führen wird. 


Der dritte Protagonist Arthur Ownby war damals Zeuge des Mordes an dem Tageöhner und Säufer Kenneth Rattner. Aber anstatt die Behörden zu informieren, behält der wunderliche Eremit die Geschichte für sich – aus dem Feldwächter wird ein Totenwächter. «Sie kamen dreimal, um den alten Mann zu holen …»: Der in einer Bretterbude am Rande des Hains lebende Sonderling Ownby wird am Ende sein Revier mit der Schrotflinte in der Hand gegen die Vertreter der Staatsmacht verteidigen – und dafür den Rest seines Lebens in einer Irrenanstalt eingesperrt sein.

Karge Landschaften, wortkarge Menschen, rohe Gewalt

Alle Texte in McCarthys monolithischem Werk handeln von den zentralen Fragen des Lebens. Existenzielle Einsamkeit, das Böse in uns, Gewalt und Tod, schicksalhafte Verstricktheit, das archaische Gegeneinander von Zivilisation und Natur, Trauer über die Vergänglichkeit: Im «Feldhüter» sind alle Themen und Facetten von McCarthys Erzählkosmos bereits alle da – lakonische Dialoge voller Drastik, grandiose Metaphern und Landschaftsbeschreibungen von unglaublicher Schönheit. Zum Beispiel diese:


«Am einundzwanzigsten Dezember begann es irgendwann nach Mitternacht zu schneien. Am Morgen, im grauen, gespenstischen Licht eines kurzen, obskuren Winters, lagen die Felder totenweiß, berührt von einem phosphorartigen Schimmer, als brächten sie selbst Licht hervor, und der Schnee schwebte immer noch dicht herab, verschleierte die Bäume jenseits des Flusses und auch den Berg, fiel und fiel, sanft und leise klingend in der ungeheuren weißen Stille.»


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