26.03.2020   von rowohlt

Schreiben in Zeiten von Corona von Marlene Hellene

Eine Chronik der Verunsicherung

Bild © Eva Häberle
Bild © Eva Häberle

In Zeiten der Verunsicherung verschiebt sich mitunter der Blickwinkel auf unsere Welt – und bei einigen von uns auch wortwörtlich. Viele arbeiten in diesen Tagen mobil, in ihren eigenen vier Wänden und mit neuer Aussicht. Und vielen fällt es schwer, mit dieser Situation umzugehen. Drinnen zu bleiben und nicht zu wissen, was noch auf uns zukommt.


Wie viele andere machen wir Rowohltianer uns Sorgen - um unsere Familien, Freunde und Bekannte und um unsere Autor*innen. Einige unserer Autor*innen haben wir gefragt, wie sie mit der Pandemie leben. Was sie gerade beschäftigt. Einige der Texte, die uns erreicht haben, sind humorvoll, viele machen nachdenklich und ein paar auch traurig, die meisten geben uns aber Hoffnung. Hoffnung, dass wir diese Krise gemeinsam irgendwie überstehen werden. 


 

Es ist Samstagmorgen, 9.38 Uhr, und ich habe mir gerade beinahe den Mittelhandknochen gebrochen – beim Wettrennen mit meinen Kindern im Wohnzimmer. Fragen Sie besser nicht. 


Es ist Tag fünf der Corona-#stayathome-Zeitrechnung. Das Schulkind freut sich über «Ferien», das Kindergartenkind hüpft «Freiheit» schreiend über Tisch und Stühle. Und ich? Ich weiß nicht, was ich fühlen soll. Ich fühle etwas, aber was es ist – ich weiß es nicht. Wahrscheinlich weil ich bisher noch keinen Bedarf für dieses Gefühl hatte. Es ist eine Art unbehagliches Staunen – oder auch ein neugieriges Sorgen. Vielleicht ist es aber auch nur die pochende, zerschrammte Hand, gepaart mit der Angst vor einem Leben ohne Toilettenpapier.


Während ich mich noch frage, was ich eigentlich fühle, kündigt mein innerer Kirmesansager längst die nächste Runde auf dem Corona-Sorgenkarussell an: «So, meine Liebe, festhalten bitte, es geht wieder los, los, los, los, los.» Aber aus noch einer Runde wird nichts, denn meine Kinder übertönen mühelos jede noch so verhallte Lautsprecheransage und zwingen mich in meine neue Rolle. Pardon. Meine neuen Rollen. Mehrzahl. Seit das Corona-Virus draußen sein Unwesen treibt, bin ich hier drinnen Arbeitnehmerin, Mutter, Lehrerin, Erzieherin, Anti-Langeweile-Clown und Kantinenchefin. Und für die meisten dieser Jobs bin ich weder qualifiziert noch geeignet. Lehrerin zum Beispiel – wollte ich nie werden. Ich bin ungeduldig, schnell genervt und habe keine Ahnung von Mathematik oder den Tieren des Waldes. Trotzdem bin ich plötzlich im Besitz eines Lehrplans, um ihn möglichst sorgfältig mit meiner achtjährigen Tochter durchzuarbeiten, während ich gleichzeitig mit dem Kindergartenkind «Uno» spiele, das Mittagessen koche und eine Telefonkonferenz vorbereite. Dummerweise lässt das Virus mir nicht mehr Arme und Köpfe wachsen.


Erschwerend kommt hinzu, dass sich meine Kinder anders verhalten als meine üblichen Kollegen. Sie sind ständig in irgendwelche Auseinandersetzungen verwickelt. Nicht nur verbal, das kennt man ja aus dem Büro. Nein, meine Kinder schlagen sich. Sie treten, sie beißen, sie kratzen. Das Ganze untermalt von lautem Kampfgeschrei – ein Szenario, das im Hintergrund einer Videokonferenz nur so mittel professionell rüberkommt. Erst wenn die Kantinenchefin mit einem lauten «Mahlzeit» das Büfett eröffnet, herrscht kurzfristig Ruhe. Mit vollgestopften Hamsterbacken lässt es sich einfach schlecht schreien, motzen, jammern, maulen … Setzen Sie einfach ein, was es bei Ihnen ist.


Die nervigste und anstrengendste meiner neuen Rollen ist die des Anti-Langeweile-Clowns. Meine Kinder sind es nicht gewohnt, den ganzen Tag zu Hause zu verbringen. Wenn sich draußen gerade kein Corona-Virus verbreitet, gehen sie in den Kindergarten, die Schule, den Sportverein, zu Freunden oder den Großeltern. Leider haben sie wenig Interesse daran, die gewonnene Zeit zu nutzen, um in Ruhe neue Kochrezepte auszuprobieren, Mandarin zu lernen oder Kaschmirschals für mich zu häkeln. Sie wollen beschäftigt werden. Von mir. Immerzu. Ich liebe meine Kinder sehr, aber 24/7 in unmittelbarer Nähe ertrage ich sie nur bedingt. Ich brauche Zeit, um zu arbeiten. Ich brauche Zeit, um nachzudenken. Ich brauche Zeit, um einfach nur dazusitzen. Sonst folgt auf Home-Officeing, Home-Schooling und Home-Kindergartening nämlich ganz schnell Home-Nervenzusammenbruching.


Also, Butter bei die Fische: Wir befinden uns in einer echten Krisensituation. Angela Merkel war in diesem Punkt sehr deutlich in ihrer Ansprache. Jetzt zählt die Gesundheit. Und zwar nicht nur die körperliche, auch die geistige. Und deswegen kündige ich fristlos als Lehrerin. Ich schmeiße den Erzieherinnenjob hin und feuere mich als Kantinenchefin. Den Job als Anti-Langeweile-Clown habe ich an den Nagel gehängt. Ich source diese Jobs jetzt aus. An den Fernseher, den Pizzadienst und die Lern-App. Wo draußen die Kontrollen verschärft werden, werden sie hier drinnen gelockert. Die Grenzen der Süßigkeitenschublade werden geöffnet, Videospiele für die Allgemeinheit zugänglich gemacht, Putzgesetze gelockert. Die Krise mag nach schärferen Gesetzen verlangen, meine weichen in den kommenden Tagen auf – abgesehen von einem: Wettrennen im Wohnzimmer werden künftig mit einer Geldstrafe von bis zu 25.000,00 EUR geahndet. Mindestens.


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