11.04.2020   von rowohlt

Schreiben in Zeiten von Corona von Paolo Giordano

Eine Chronik der Verunsicherung

© Scarlett Werth
© Scarlett Werth

In Zeiten der Verunsicherung verschiebt sich mitunter der Blickwinkel auf unsere Welt – und bei einigen von uns auch wortwörtlich. Viele arbeiten in diesen Tagen mobil, in ihren eigenen vier Wänden und mit neuer Aussicht. Und vielen fällt es schwer, mit dieser Situation umzugehen. Drinnen zu bleiben und nicht zu wissen, was noch auf uns zukommt.


Wie viele andere machen wir Rowohltianer uns Sorgen - um unsere Familien, Freunde und Bekannte und um unsere Autor*innen. Einige unserer Autor*innen haben wir gefragt, wie sie mit der Pandemie leben. Was sie gerade beschäftigt. Einige der Texte, die uns erreicht haben, sind humorvoll, viele machen nachdenklich und ein paar auch traurig, die meisten geben uns aber Hoffnung. Hoffnung, dass wir diese Krise gemeinsam irgendwie überstehen werden. 

Die Corona-Virus-Epidemie zeichnet sich als die bedeutendste medizinische Notfallsituation unserer Zeit ab. Nicht die erste, nicht die letzte und vielleicht nicht einmal die grauenerregendste. Wahrscheinlich wird sie am Ende nicht mehr Opfer gefordert haben als viele andere Epidemien, aber in den drei Monaten seit ihrem Auftreten hat sie sich schon einen Primat gesichert: Sars-Cov-2 ist das erste neuartige Virus, das so rasant globale Verbreitung findet. Ähnliche Viren wie sein Vorläufer Sars-Cov konnten sehr schnell ausgeschaltet werden. Andere wiederum, wie das HI-Virus wirkten jahrelang im Verborgenen. Sars-Cov-2 war da verwegener. Sein dreistes Auftreten enthüllt uns etwas, was wir wohl wussten, aber nur schwer ermessen konnten: die vielfältige Weise, in der wir miteinander verbunden sind, überall, sowie die Komplexität der Welt, in der wir leben, ihre sozialen, politischen und ökonomischen, aber auch interpersonellen und psychischen Gesetzmäßigkeiten.


Ich schreibe an einem der seltenen  29. Februare, einem Samstag in diesem Schaltjahr. Die Zahl der Ansteckungen hat weltweit 85.000 überschritten, 80.000 allein in China, die Zahl der Toten nähert sich 3.000. Seit mindestens einem Monat begleitet diese merkwürdige Buchführung im Hintergrund meine Tage. Auch jetzt habe ich die interaktive Karte der Johns Hopkins University offen vor mir. Die Verbreitungsgebiete sind durch rote Kreise gekennzeichnet, die sich vor einem grauen Hintergrund abheben: Signalfarben, die mit mehr Bedacht hätten ausgewählt werden können. Aber man weiß, Viren sind rot, Notfallsituationen sind rot. China und Südostasien verschwinden unter einem einzigen roten Kreis, aber die ganze Welt ist pockennarbig und der Ausschlag kann nur schlimmer werden.  


Zu Überraschung vieler findet sich Italien in diesem beängstigenden Wettbewerb auf dem Siegerpodest. Doch das ist Zufall. Binnen weniger Tage, sogar von einem Moment auf den anderen könnten andere Länder schlimmer dastehen als wir. In dieser Krise verblasst der Ausdruck „in Italien“, es gibt keine Grenzen mehr, keine Regionen und keine Viertel. Was wir durchleben, geht über Identität und kulturelle Bestimmungen hinaus.  Die Ausbreitung des Virus ist ein Indikator dafür, wie global unsere Welt geworden ist, wie unentwirrbar vernetzt.


All das ist mir bewusst, und doch, wenn ich auf den roten Kreis über Italien schaue, kann ich nicht anders, ich bin beeindruckt, wie alle. Als Maßnahme zur Eindämmung der Pandemie sind meine Termine für die nächsten Tage abgesagt worden, einige habe ich selbst verschoben. Ich habe mich in einem unerwarteten leeren Raum wiedergefunden. Diese Realität ist vielen gemeinsam: Wir durchleben eine Zeit der Suspendierung des Alltags, eine Unterbrechung des Rhythmus, wie manchmal in Songs, wenn das Schlagzeug verstummt und es wirkt, als würde die Musik angehalten. Schulen und Universitäten geschlossen, wenige Flugzeuge am Himmel, einsam hallende Schritte in den Museen, überall mehr Stille als normal.


Ich habe beschlossen, diese Leere mit Schreiben auszufüllen. Um die Vorahnungen in Schach zu halten, und um einen Weg zu finden, über all dies genauer nachzudenken. Bisweilen kann Schreiben der Ballast sein, der einem hilft, mit den Füßen am Boden zu bleiben. Aber da ist noch ein anderer Grund: Ich möchte mir nicht entgehen lassen, was uns diese Epidemie über uns selbst enthüllt. Ist die Angst überwunden, verfliegt jede flüchtige Einsicht im Nu – wie das bei Krankheiten immer ist. 


Wenn Ihr diese Seiten lest, wird die Situation eine andere sein. Andere Zahlen, die Epidemie wird sich weiter ausgebreitet haben, wird jeden zivilisierten Winkel der Welt erreicht haben oder sie wird bezwungen sein, aber das ist nicht von Belang. Bestimmte Überlegungen, die die Ansteckung jetzt hervorruft, werden weiterhin Gültigkeit haben. Denn was hier geschieht, ist nicht zufällig und auch keine Plage. Und es ist überhaupt nicht neu: Es ist schon geschehen und wird wieder geschehen.  



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