16.06.2017   von rowohlt

«Schreiben geht immer ins Extrem»

Colum McCanns praktischer und philosophischer Ratgeber für Nachwuchsautoren

© P. Matsas/Opale/Leemage/laif
© P. Matsas/Opale/Leemage/laif

«In Geschichten geht es nicht um den Plot, es geht um Sprache und Rhythmus und Musik und den Stil.» Colum McCann, 1965 in Dublin geboren und heute in New York zu Hause, leitet seit vielen Jahren Schreibseminare am Hunter College In den «Briefen an junge Autoren»  gibt er angehenden Schriftstellern Anregungen für den Schreibprozess: Wie muss die erste Zeile eines Buches aussehen? Wie stellt man sich der leeren weißen Seite? Wie erschafft man Figuren? Aber er gibt auch praktische Tipps, wie man einen Agenten findet, weshalb gute Lektoren Gold wert sind und wie man am besten mit Kritikern umgeht. Ein zugleich empathischer wie pragmatischer Ratgeber für Schreibbegeisterte. 


Colum McCanns Ratschläge kommen mit Witz und Verve daher. – direkt und pointiert, temperamentvoll und mit spürbarer Lust an schmissigen Formulierungen. Hier einige Kostproben:

«Genießen Sie die Schwierigkeiten. Geben Sie dem Geheimnisvollen Raum …»


Unsagbare Ekstasen. Einer der besten Orte für junge Autorinnen und Autoren ist der mit dem Gesicht zur brennenden Wand, und nur Mumm, Verlangen und Beharrlichkeit bringen sie auf die andere Seite. (…)  Die Wahrheit ist, dass ich wirklich gern zusehe, wenn junge Autoren beginnen, der Welt ihren Stempel aufzudrücken. Ich feuere meine Studenten nach Kräften dabei an. Bisweilen feuern sie zurück. In der Tat lautet ein Standardsatz meiner Einführungsrede, dass im Verlauf des Semesters unweigerlich Blut unter der Tür hindurchfließen wird, und unweigerlich wird auch meines dabei sein.


Brief an einen jungen Autor. Wenn Sie den guten Rezensionen glauben, müssen Sie auch den schlechten glauben. Trotzdem, quälen Sie sich nicht. Erlauben Sie Ihrem Herzen nicht, zu verhärten. Zugegeben, die Zyniker haben bessere Bonmots als wir. Aber Kopf hoch, die kriegen nie eine Geschichte fertig. Genießen Sie die Schwierigkeiten. Geben Sie dem Geheimnisvollen Raum. Finden Sie das Universelle im Kleinen. Glauben Sie an die Sprache – dann folgen die Figuren von selbst, und irgendwann stellt sich auch die Handlung ein. 


Es gibt keine Regeln. Und wenn doch, dann sind sie nur dazu da, gebrochen zu werden. (…) Zum Teufel mit der Grammatik, aber erst, wenn Sie sich damit auskennen. Zum Teufel mit den Formfragen, aber erst, wenn Sie gelernt haben, was Form ist. Zum Teufel mit dem Plot, aber sehen Sie gefälligst zu, dass irgendwann etwas passiert. Zum Teufel mit der Struktur, aber erst, wenn Sie sie so gründlich durchdacht haben, dass Sie sich mit geschlossenen Augen in Ihrem Werk zurechtfinden.


Ihre erste Zeile. Die erste Zeile sollte Ihnen den Brustkorb öffnen. Sie sollte hineingreifen und Ihnen das Herz im Leib umdrehen. Sie sollte zu erkennen geben, dass die Welt nie wieder so sein wird wie zuvor. (…) Aber bleiben Sie dabei locker. Stopfen Sie nicht die ganze Welt in die erste Seite. Finden Sie eine Balance. Lassen Sie der Geschichte Zeit, sich zu entfalten. Stellen Sie sich den Anfang als Tür vor. Wenn Sie den Leser erst über die Schwelle haben, können Sie ihm den Rest des Hauses zeigen.


Schreiben Sie nicht über das, was Sie schon wissen. Schreiben Sie sich an das heran, was Sie wissen wollen. Gehen Sie aus sich heraus. Setzen Sie sich aufs Spiel. Das eröffnet Ihnen Welten. (…) Wie Vonnegut sagt: Wir müssen ständig von Klippen herunterspringen und auf dem Weg nach unten unsere Flügel wachsen lassen.

«Ein Autor ist einer, der seinen Hintern auf den Stuhl pflanzt»


Der Schrecken der weißen Seite. Lassen Sie sich vom Schrecken der weißen Seite nicht das Hirn folienverschweißen. Die Ausrede, Sie hätten eine Schreibblockade, ist viel zu einfach. (…) Lenken Sie sich so lange nicht ab, bis Sie das Gefühl haben, Sie hätten gekämpft und sich bemüht. (…) Ein Autor ist keiner, der zwanghaft über das Schreiben nachdenkt oder redet, es plant, seziert oder ihm gar huldigt; ein Autor ist einer, der seinen Hintern auf den Stuhl pflanzt, selbst wenn es das Letzte ist, wonach ihm der Sinn steht. 


Könnse vergessen: Dialog schreiben. Lassen Sie alle Personen verschieden sprechen. Geben Sie ihnen sprachliche Ticks. (…) Und fangen Sie nicht immer am Anfang an: Steigen Sie einfach irgendwo in den Dialog ein, kein Bedarf an Hallos und Wiegehts. Auch nicht an Tschüssaufwiedersehens. Steigen Sie lange vor dem Ende des Gesprächs wieder aus. (…) Und nicht ins Stereotyp verfallen. Kein Himmel Arsch und kein Ach Gottchen. Kein dick aufgetragener Slang, schmink’s dir ab, Digger. Keine Überdosis Rastafari, Mon. Kein Genuschel.


Lesen Sie laut. Kommen Sie ins Gespräch mit dem, was Sie schreiben. Lesen Sie es sich laut vor. Laufen Sie durchs Haus und durchdringen Sie die Decke. Der Himmel ist ohnehin interessanter als Decken. Also flüstern Sie nicht nur: Sprechen Sie LAUT. (…) Wenn Sie laut lesen, hören Sie auch die eigentliche Absicht mit. Sie werden erkennen, wo die Musik schwebt und wo sie abstürzt. Sie werden den Rhythmus entdecken. Oder sein Ausbleiben. Sie werden auf Reime stoßen. Und Sie werden auch zahlreiche Fehler finden. Seien Sie froh. Machen Sie sich mit dem Rotstift darüber her.


Wer was wo wann wie warum. Wenn Sie einen auktorialen oder personalen Erzähler haben, na gut, da sind Sie Gott, und Der darf ungestraft fast alles (sogar seinen eigenen Artikel großschreiben). Aber wenn Sie an einer Ich-Erzählung sitzen, müssen Sie sich einen Haufen wichtiger Fragen stellen. Wer erzählt die Geschichte? … Was geschieht? …Wo wird die Geschichte erzählt? … Wann wird die Geschichte erzählt? …Und schließlich die sich der Beantwortung vielleicht am hartnäckigsten entziehende Frage: Warum Ihr Erzähler, Ihre Erzählerin diese Geschichte erzählt?


Worauf es ankommt: Sprache und Plot. Natürlich kommt es auf den Plot an, aber er ist immer der Sprache untergeordnet. In einer guten Geschichte ist er zweitrangig, denn was geschieht, ist niemals so interessant wie die Art und Weise, auf die es geschieht. (…) Vielleicht sind wir heutzutage alle besessen vom Plot. Aber mal ehrlich, Plot ist gut für Filme, bei Büchern führt übermäßiger Gebrauch zum Zusammenbruch. Also lassen Sie Luft ab bei Ihrem Plot. Lauschen Sie der stillen Zeile. Jeder kann eine große Geschichte erzählen, klar, aber nicht jeder kann Ihnen etwas Schönes ins Ohr flüstern.

«Sollte sich ein Autor mit Grammatik auskennen? Na klar.»


Satzzeichen: kein Wegwerfartikel. Satzzeichen sind wichtig. Ja, bisweilen entscheiden sie über Leben und Tod eines Satzes. Gedankenstrich. Punkt. Komma. Semikolon. Auslassungspunkte. Klammern. Sie sind sein Behältnis. Sie stützen Ihre Worte. Sollte sich ein Autor mit Grammatik auskennen? Na klar.


Scheitern, scheitern, scheitern Sie. Scheitern ist gut. Scheitern kündet von Ehrgeiz. Scheitern kündet von Kühnheit. Es erfordert Mut zu scheitern und noch mehr Mut zu wissen, dass Sie scheitern werden. Wachsen Sie über sich hinaus. Die wahre Kühnheit zeigt sich in der Fähigkeit, zum Briefkasten zu gehen, obwohl Sie wissen, dass ein weiterer Ablehnungsbrief darin liegen wird. Zerreißen Sie ihn nicht. Verbrennen Sie ihn nicht. Pinnen Sie ihn lieber an die Wand.


Lesen, lesen, lesen Sie. Ein junger Autor muss lesen. Lesen, lesen, lesen. Mit Lust auf Abenteuer. Gefräßig. Unermüdlich. Das klingt so einfach. Aber das ist es nicht. (…) Ein junger Autor muss auch seine Zeitgenossen lesen. Mit Emphase und voller Eifersucht. (…)   Ein gutes Buch stellt Ihre Welt auf den Kopf. Es krempelt auch Ihre Art zu schreiben um. Die Prosaautoren sollten die Dichter lesen. Die Dichter sollten die Romanciers lesen. Die Dramatiker sollten die Philosophen lesen. Die Journalisten sollten die Kurzgeschichtenschreiber lesen. Die Philosophen sollten einfach alles lesen. Eigentlich sollten wir alle alles lesen. Keiner kommt allein voran. 


Schreiben ist Unterhaltung. Vergessen Sie nie, dass Kunst Unterhaltung ist. Sie sind zwar verpflichtet, die Welt zu spiegeln, aber es ist auch Ihre Aufgabe, sie ein bisschen zu erhellen. Hängen Sie sich das Zitat von Nietzsche an die Wand: Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen. Gehen Sie an die dunklen Orte, aber nehmen Sie eine brennende Fackel mit. Wir brauchen genügend Licht, um die Seite zu sehen. Machen Sie sie farbig. Bringen Sie Witz hinein. Bleiben Sie nicht auf einem Ton stehen. Lassen Sie die Puppen tanzen. Wir müssen für alle Möglichkeiten offenbleiben.


Wo soll ich schreiben? Autoren schreiben fast an jedem Ort. Auf Schiffen. In Zügen. In Bibliotheken. In der U-Bahn. In Cafés. In Künstlerhäusern. Auf dem Kühlschrank. In vornehmen Büros. In Gefängniszellen. In ausgehöhlten Bäumen. Über die Welt ausblendende, mit Scheuklappen in ihren Mansarden sitzende Schriftsteller wird viel Mist erzählt (ich selbst arbeite bisweilen in einem Wandschrank, zum Henker), aber es spielt eigentlich keine große Rolle, wo Sie schreiben, solange Sie sich dort wohl fühlen.

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