21.06.2016   von rowohlt

«Schmerz ist Warnung und Überfall zugleich. Schmerz macht blind …»

Weshalb es hilft, das Unabänderliche zu akzeptieren: Birgit Schmitz' Buch über den Kampf gegen ihre chronischen Kopfschmerzen

© iStockphoto.com
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Am Anfang steht eine nicht unkomplizierte Operation: Die Ärzte verschließen eine Fistel in der Hirnhaut, eine Fehlbildung zwischen Arterie und Vene. Die OP gelingt, kurz darauf beginnen die Kopfschmerzen.  Nach drei Monaten sind sie chronisch geworden. Stechende Schmerzpunkte im ganzen Gesicht, heiße Schädeldecke, stählernes Band um den Schädel .. Chronische Schmerzen können einen erdrücken, wenn sie über Jahre jeden Tag zwölf Stunden zwölf Stunden lang nicht verschwinden. In ihrem ebenso persönlichen wie hochinformativen Buch «Der Schmerz ist die Krankheit» berichtet Birgit Schmitz, wie sie gelernt hat, mit der unsichtbaren Krankheit umzugehen. 


«Birgit Schmitz versteht es in hervorragender Weise, ihre eigene Krankheit in den Kontext der derzeitigen wissenschaftlichen und klinischen Erkenntnisse zu stellen. Ein sehr lesenswertes Buch für alle, die etwas über das Zustandekommen von Schmerzen und ihre erfolgreiche Behandlung lesen wollen.» (Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Direktor der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums Essen und Leiter des Westdeutschen Kopfschmerzzentrums)

«Schmerz ist alles und immerzu»


Zunächst einmal sollten Sie wissen, wie hier über Kopfschmerzen geschrieben wird, wie genau, wie poetisch in manchen Passagen. Beispiel 1: «Es war ein Sonntagmorgen, Anfang September, gerade hatte ich die zweite Tablette genommen. Der Schmerz saß links oben auf der Schädeldecke. Ein schmaler beißender Strich, feinste Laubsägearbeit. (…) So ähnlich erging es mir immer wieder. Mal stach es stärker an einzelnen Punkten im Gesicht. Mal waren es tiefe Schnitte kreuz und quer durch den Kopf. Oder das Drücken wurde einfach nur heftiger. Doch dann türmte sich Schicht für Schicht der Schmerz auf. Dann blieb von meiner Zuversicht ebenso wenig übrig wie von der inneren Akzeptanz, krank zu sein.»


Oder, Beispiel 2: «Schmerz besteht aus blendend hellen Momenten und undurchdringlicher Finsternis. Schmerz ist ein Stein und eine Feder. Schmerz verspricht uns das Blaue vom Himmel und dass er vorüberzieht. Schmerz riecht nach Säure und Honig. Schmerz teilt sich in Tage, Stunden, Minuten. Schmerz ist alles und immerzu. Schmerz ist zu viel und zu wenig. Er kommt und vergeht. Schmerz ist Spannung und Langeweile. Schmerz ist alt und immer neu. Er ist Warnung und Überfall zugleich. Schmerz macht blind. Schmerz sieht man mit dem Herzen. Schmerz ist ein Fleck im Gehirnscan.»

In Nervengewittern


Wird Schmerz falsch behandelt, kann er chronisch werden. Birgit Schmitz sagt heute, dass sie ihre quälenden Kopfschmerzen am Anfang zu wenig ernst und danach zu ernst genommen habe. Tatsache ist, darin waren sich alle ihre Ärzte einig: Anfangs mögen die schlimmen Schmerzen eine Reaktion auf die Operation gewesen sein, irgendwann haben sie sich verselbständigt. Der Körper hat den Schmerz gelernt – die akute Ursache ist weg, der Schmerz bleibt. Sie hätte damals sofort einen schmerztherapeutisch versierten Neurologen aufsuchen sollen, womöglich wäre ihr vieles erspart geblieben. Stattdessen hat sie alles Mögliche ausprobiert, was ihr am Ende wenig geholfen hat: Akupunktur, Fasten, Osteopathie, Wunderheilen u.v.m.


Der Schmerz selbst ist die Krankheit. Je verbissener und fanatischer man nach einer – wie auch immer gearteten – Ursache für den Schmerz sucht, desto sicherer nistet er sich ein. Der Glaube an eine kurzfristige Heilung ist Stress pur für den eh schon malträtierten Kopf. Schmerz ist Kontrollverlust – genau das ist, was bei vielen von uns extreme Angst auslöst. Was nicht hilft, ist die Frage «Warum ich?» Was auch nicht hilft: der (vermutlich) gutgemeinte Rat von Hin und Kunz, Kopfschmerzen seien ja keine Krankheit, sondern Folge einer problematischen Lebensweise. (Falsch: Chronische Schmerzen sind eine eigenständige Krankheit.) 


Was wirklich hilft: früher aufhören, nach Heilung zu suchen. Und sein Leben weiterzuleben, auch wenn es nicht mehr das alte Leben ist, sondern eines mit Schmerzen. Genau das hat Birgit Schmitz von einem klugen Neurologen gelernt, von Doktor K. In der Zeitschrift Emotion erzählt si von einer USA-Reise, der sie mit reichlich Skepsis entgegengesehen hatte – und die dann zu einer berauschenden Erfahrung wurde: «Ich hatte so viele verschreibungspflichtige Medikamente im Gepäck, dass man mich dafür hätte festnehmen können. Aber: Ich war da. Ich war glücklich. Und ich brauchte von den Pillen keine einzige.»

Alles, was hilft: Medikamente. Ausdauersport. Entspannung. Geduld.


Frieden schließen mit der Krankheit: Was ziemlich esoterisch klingt, ist im Kern reiner Pragmatismus, Birgit Schmitz erwähnt in einem ZEIT-Interview, wie sehr sie mit in Siri Hustvedt habe mitfühlen können; die US-Autorin hat in ihrem sehr persönlichen Buch «Die zitternde Frau» beschrieben, wie sie, urplötzlich, ohne jedes Vorzeichen von einem unkontrollierbares Zittern gepackt worden sei. «Sie wird von einer Krankheit überfallen und brutal aus dem Leben gerissen. Dann schließt sie einen wackligen Frieden mit der Krankheit, der nicht immer hält» – und der doch der einzige Weg ist, das Leiden, den Schmerz, die Pein ins eigene Leben zu integrieren.


Heute sagt Birgit Schmitz von sich: «Ich bin die Frau mit den Kopfschmerzen, aber auch so vieles andere.» Nicht jeder muss ein Leben mit Kopfschmerzen führen – und doch gilt für jeden von uns, was Susan Sontag in ihrem berühmten Essay «Krankheit als Metapher» geschrieben hat: «Jeder, der geboren wird, besitzt zwei Staatsbürgerschaften: eine im reich der Gesunden und eine im Reich der Kranken.»

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