05.10.2016   von rowohlt

«Wir schaffen das!» Schaffen wir das?

Ein deutsch-syrischer Dialog voll unbequemer Wahrheiten, unerwarteter Komik und ermutigender Gedanken

© Axel Martens
© Axel Martens

Mehr als eine Million Flüchtlinge kamen 2015 nach Deutschland. ZEIT-Reporter Henning Sußebach und seine Familie treffen eine Entscheidung: Sie räumen das Arbeitszimmer in ihrem Haus und gewähren dem aus Syrien geflohenen Studenten Amir Baitar Obdach. Der Alltag beider Seiten ist seitdem voller Fragen: Dürfen sich die Eltern vor den Augen ihrer Kinder küssen, auch wenn der Gast das seltsam findet? Wie soll ein Muslim in einem engen Gästebad die rituelle Reinigung vollziehen? Kann die Familie sonntags «Tatort» gucken, wenn zeitgleich auf Al Jazeera von Gräueltaten in Syrien berichtet wird?Und was ist davon zu halten, dass der Gast ihr Haus mit seiner Mekka-App vermisst? In «Unter einem Dach» erzählen Baitar und Sußebach, wie das Zusammenleben funktioniert. Und was das große Wort «Integration» im Alltag konkret heißt.


Baitar & Sußebach, das ist eine Geschichte voller Erfahrungen, Missverständnissen und Einsichten. Was sie miteinander erleben, ist ein Experimentfeld gelebter Integration. Mal beziehen sich die Autoren von «Unter einem Dach» aufeinander, mal sind sie ganz bei sich, mal sind sie sich einig, mal uneins. Das ist amüsant, überraschend, erhellend. Vor allem bekommt man eine Ahnung davon, wie Integration gelingen kann – also: wie «wir das schaffen» können.


Ankunft, Religion und Krieg, Alltag, Flucht und Politik, Ausblick: Henning Sußebach und Amir Baitar erzählen, wo und wie sich kulturelle Fremdheit manifestiert  und in welchen Schritten sie sich aufzulösen beginnt. Ein kurzer Ausschnitt aus jedem dieser fünf Kapitel: einmal Deutschland, einmal Syrien …

Ankunft


Henning. «Für ein ordentliches deutsches Leben braucht es eine Betriebsanleitung. Wir sahen Angst in Amirs Augen. Und hatten Sorge, er könnte uns für Superspießer halten. Amir muss das alles wie in Trance wahrgenommen haben, ganz so, als habe Franz Kafka das Skript für jene Tage geschrieben. Syrien brannte, und wir raschelten mit Gelben Säcken vor ihm rum. (…) Als wir nach vier Tagen Turbo-Einweisung in ein deutsches Vorstadtleben ins Taxi zum Flughafen stiegen, stand Amir in Jogginghose und Schlappen vor unserem Haus und winkte. Noch vor dem Abflug erhielten wir eine WhatsApp-Nachricht: ‹Ich vermisse euch.›» 


Amir. «Vieles war hier so anders als in Syrien … Die Mülltrennung war das eine, aber in der Familie merkte ich auch, dass nicht der Mann der ‹Chef› ist, sondern dass Mann und Frau gleich sind. Ich hatte sogar den Eindruck, dass die Frau hier das Sagen hat. Komisch fand ich, dass in meiner Gastfamilie Nicole, die schon kurz nach Mittag wieder zu Hause ist, mit dem Auto zur Arbeit fährt, während Henning das Fahrrad benutzt, obwohl er länger arbeitet. Und dass er, der Vater, der spätabends müde von der Arbeit kommt, derjenige ist, der kocht.» 

Religion und Krieg


Henning. «Seit Amir bei uns eingezogen war, hatten wir noch einen zweiten Untermieter, still und unsichtbar: Allah. (…) Wir staunten, schmunzelten – spürten aber auch, wie seltsam wir es fanden, dass unser weitgehend religionsentleerter Alltag nun durch einen Menschen rhythmisiert wurde, der einem Glauben anhing, dem viele im Westen nicht ganz unerklärlich mit Vorbehalten begegnen. (…) Eines Abends, als Amir auf sein Zimmer gegangen war, suchte ich nach unserem Wohnzimmerregal nach Büchern aus der Region, die wir Europäer Naher und Mittlerer Osten nennen. Ich kam auf acht. Sieben Romane, ein Sachbuch. (…) Acht Bücher! Ich habe mehr Romane allein des Amerikaners Philip Roth, sogar des Japaners Haruki Murakami gelesen als von Autoren aus der Riesenregion zwischen Maghreb und Hindukusch. Warum ist das so?» 


Amir. «Henning weiß ein paar Dinge über den Islam, aber ich bin immer wieder überrascht, wie wenig die Menschen hier über meine Kultur und meine Glauben wissen. (…) Als ich ihm erklärte, was Dschihad wirklich heißt, hat er gestaunt: Wenn man zum Beispiel einer Frau nicht in die Augen schaut, ist das auch eine Form von Dschihad. Oder wenn man humanitäre Organisationen unterstützt, ist das Dschihad. Auch wenn man fastet. Meistens führt ein Muslim einen Dschihad gegen sich selbst und gegen das Böse. Wenn Terroristen allerdings behaupten, ein Anschlag habe etwas mit dem Heiligen Krieg zu tun, dann ist das grundfalsch. Keine Religion erlaubt es, andere Menschen zu töten. Auch der Islam nicht. Nirgendwo steht das.»» 

Alltag


Henning. «Bei uns zu Hause verläuft die Zeit nicht mehr linear. Es ist, als sei unsere Familie in eine Zeitmaschine geraten, als werde sie jeden Tag von neuem in ein anderes Jahrzehnt und in bislang unbekannte Konstellationen geschleudert. Nicht nur dass wir uns angesichts von Amirs Gläubigkeit und Gebetsgemurmel manchmal ins Mittelalter zurückversetzt fühlen. Wir sind zugleich in eine Zukunft gesprungen, von der doch alle sagen, dass sie von millionenfacher Migration geprägt sein wird. Konkreter und früher als Verwandte, Nachbarn, Freunde erleben wir unser persönliches ‹Rendezvous mit der Globalisierung›, von dem Wolfgang Schäuble sprach.»


Amir. «Immer wenn ich glaubte, ich hätte die Menschen verstanden, geriet ich in eine neue Situation, die mich irritierte, über die ich schmunzeln konnte oder mich ärgern musste. Turbulente Zeiten! Ich habe mir nie im Leben vorstellen können, dass ich zum Beispiel jemals in so eine Situation komme: zu sehen, wie sich zwei Menschen in aller Öffentlichkeit, auf der Straße, im Park oder im Bahnhof vor fremden Leuten küssen. Nicht einmal dass sich ein Ehepaar zu Hause vor Gästen, Freunden oder jemandem, der mit ihm zusammenwohnt, küsst. So etwas hatte ich früher nur in Filmen oder Fernsehserien gesehen, aber nie im richtigen Leben.» 

Flucht und Politik


Henning. «Wenn mich an Amir etwas wirklich ernüchterte, dann war es eine gewisse Egozentrik. Er schien wenig Empathie für Flüchtlinge zu empfinden, deren Fluchtursachen nicht an sein eigenes Drama heranreichten. Und er kam vor lauter Anpassungsstress nicht dazu wahrzunehmen, was um ihn herum in Deutschland geschah. Gut, er war in Sachsen gestrandet und nicht durch die Applauskorridore am Münchner Hautbahnhof gelaufen. Doch zu wenig Aufmerksamkeit? Für ihn und Syrien? Meine Wahrnehmung ist eine andere. Deutschland, das im Organisieren früher grausam war, leistet gerade Großartiges. Zum ersten Mal bin ich so weit, stolz zu sein.»


Amir. «Auch als in Paris am 13. November 2015 einhundertzwei Menschen starben, haben die Medien die Welt auf den Kopf gestellt. Später dann Brüssel. Drei, vier Wochen lang wurde fast nur darüber gesprochen. Dabei gibt es in Syrien die ganze Zeit Tod und Zerstörung, täglich sterben Dutzende. Aber die Menschen wissen kaum etwas darüber, wie mir scheint. Sind Syrer keine Menschen? Wo ist der Unterschied zu einem Franzosen oder Belgier? Die einen haben Kinder und die anderen auch. Die einen haben Väter und die anderen auch. Woher kommt diese Schizophrenie?»

Ausblick


Henning. «Wenn Amir, der Syrer, bei mir, dem Deutschen, sonst noch etwas ‹grundlegend verändert› hat, dann ist das – o je – mein Verhältnis zu Gott. Ausgerechnet ein Gläubiger mit seiner Gläubigkeit hat mir den Glauben ausgetrieben. Es tut mir leid, Amir, aber ich glaube jetzt nur noch eins: Es gibt keinen Gott! Das ist tragisch, weil der Glaube seit Jahrhunderten das Beste und das Schlechteste aus den Menschen hervorholt. In Gottes Namen wurden Hilfswerke errichtet und Kriege geführt, Kathedralen erbaut und Kirchen zerstört, Choräle geschrieben und ‹Hexen› verbrannt. Aber Gott ist ein Hirngespinst. Wir Menschen haben ihn aus Angst vor dem Tod erfunden …» 


Amir. «Einen solchen Satz hätte ich früher nicht ertragen. Aber hier, in Deutschland, denke ich, dass es Hennings Entscheidung ist. Es hat mich anfangs fast krank gemacht, dass Henning über alles diskutiert, sogar über Gesetze. Bis zum Alter von 22 Jahren kannte ich das nicht …» 

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